BIOGRAPHIE
Leben und Werk
Gertrude Lovasy wird am 17. Dezember 1900 in Wien als Tochter Josef Friedrich Lovasys in eine jüdische Familie geboren und wächst in Baden bei Wien auf. Den Adelstitel „von“ verliert sie wie alle Österreicher 1919 mit der Abschaffung der formalen aristokratischen Privilegien. Sie besucht das Realgymnasium in Baden und studiert ab April 1924 an der Rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. Am 18. Dezember 1928 verteidigt sie ihre Dissertation „Die rechtliche Stellung der Kartelle unter besonderer Berücksichtigung der österreichischen Eisenindustrie“. Offizieller Doktorvater ist Hans Mayer, parallel besucht sie das Privatseminar Ludwig von Mises' und gehört damit zu jenem kleinen Kreis von Frauen, der in den 1920er und 1930er Jahren Wiener Schule und Mises-Kreis prägt.
In Wien ist Lovasy als Ökonomin für das österreichische Stahlkartell tätig und arbeitet am Wiener Institut für Konjunkturforschung, das Hayek und Mises 1927 gegründet haben. Ihr direkter Vorgesetzter wird dort Oskar Morgenstern. In dieser Zeit publiziert sie zwei Aufsätze in der „Zeitschrift für Nationalökonomie“, darunter „Schutzzölle bei unvollkommener Konkurrenz“ (1934), eine frühe Anwendung der Theorie unvollkommener Konkurrenz auf aussenhandelspolitische Fragen.
Nach dem „Anschluss“ verliert sie 1938 ihre Stellung aus rassistischen Gründen. Die Emigration verzögert sich, weil sie die Versorgung der betagten Mutter regeln muss. Alfred Stonier kümmert sich um die Mutter (die später nach England gelangt), Gerhard Tintner vermittelt sie an Jakob Marschak, Gottfried Haberler liefert das Affidavit für das US-Visum. Friedrich August von Hayek beteiligt sich nicht. 1939 erreicht Lovasy über Frankreich und Grossbritannien die USA. In Princeton arbeitet sie bis 1942 erneut mit Morgenstern, diesmal an dessen Wirtschaftsgeschichte Österreichs in der Zwischenkriegszeit.
Ab 1944 ist sie in Washington Analytikerin im US-Aussenministerium, dann beim Wirtschafts- und Finanzdepartement der Vereinten Nationen, wo sie das Memorandum „International Cartels“ (zirkuliert 1945, gedruckt 1947) verfasst. 1947 wechselt sie an den frisch gegründeten Internationalen Währungsfonds. Dort steigt sie vom Stab-Ökonomen in der Special Studies Division zur stellvertretenden Abteilungsleiterin und schliesslich zum Advisor im Research and Statistics Department auf. Ihre Spezialgebiete sind Aussenhandel, Rohstoffmärkte und Preisstabilisierung. 1963 ist sie federführend an der Schaffung der „Compensatory Financing Facility“ beteiligt, eines IWF-Instruments zur Glättung von Rohstoffpreisschocks für Entwicklungsländer, und wirkt an den internationalen Kaffeeabkommen mit. Nach ihrer Pensionierung 1965 berät sie zeitweise die Organisation Amerikanischer Staaten. Sie stirbt am 9. Januar 1974 und wird auf dem Washington National Cemetery bestattet.