Die deutschen Universitäten gehörten den verschiedenen Königreichen und Grossherzogtümern, die das Reich bildeten, und wurden von ihnen betrieben.5 Die Professoren waren Beamte und mussten als solche die Anordnungen und Vorschriften, die von ihren Vorgesetzten, den Bürokraten der Ministerien für öffentlichen Unterricht, ergingen, strikt befolgen. Diese vollständige und bedingungslose Unterordnung der Universitäten und ihrer Lehren unter die Oberhoheit der Regierungen wurde — vergeblich — von der deutschen liberalen öffentlichen Meinung in Frage gestellt, als 1837 der König von Hannover sieben Professoren der Universität Göttingen entliess, die gegen den Verfassungsbruch des Königs protestiert hatten. Die Regierungen kümmerten sich nicht um die Reaktion der Öffentlichkeit. Sie fuhren fort, Professoren zu entlassen, mit deren politischen oder religiösen Lehren sie nicht einverstanden waren. Doch nach einiger Zeit griffen sie zu feineren und wirksameren Methoden, um die Professoren zu treuen Stützen der amtlichen Politik zu machen. Sie sichteten die Kandidaten sorgfältig, bevor sie sie ernannten. Nur verlässliche Männer erhielten die Lehrstühle. So trat die Frage der akademischen Freiheit in den Hintergrund. Die Professoren lehrten aus eigenem Antrieb nur das, was die Regierung ihnen zu lehren erlaubte.
Der Krieg von 1866 hatte den preussischen Verfassungskonflikt beendet. Die Partei des Königs — die konservative Partei der Junker, geführt von Bismarck — triumphierte über die preussische Fortschrittspartei, die für die parlamentarische Regierung eintrat, und ebenso über die demokratischen Gruppen Süddeutschlands. In der neuen politischen Lage, zunächst des Norddeutschen Bundes und, nach 1871, des Deutschen Reiches, blieb kein Raum mehr für die „fremden" Lehren des Manchestertums und des laissez faire. Die Sieger von Königgrätz und Sedan glaubten, sie hätten nichts zu lernen von der „Nation der Krämer" — den Briten — oder von den besiegten Franzosen.
Beim Ausbruch des Krieges von 1870 rühmte sich einer der angesehensten deutschen Wissenschaftler, Emil du Bois-Reymond, die Universität Berlin sei „die geistige Leibwache des Hauses Hohenzollern". Für die Naturwissenschaften bedeutete dies nicht viel. Aber für die Wissenschaften vom menschlichen Handeln hatte es eine sehr klare und genaue Bedeutung. Die Inhaber der Lehrstühle für Geschichte und für Staatswissenschaften (das heisst Politikwissenschaft, einschliesslich aller Dinge, die sich auf Nationalökonomie und Finanzen beziehen) wussten, was ihr Souverän von ihnen erwartete. Und sie lieferten die Ware.
Von 1882 bis 1907 war Friedrich Althoff im preussischen Unterrichtsministerium für die Universitätsangelegenheiten zuständig. Er regierte die preussischen Universitäten wie ein Diktator. Da Preussen die grösste Zahl einträglicher Professuren hatte und daher das günstigste Feld für ehrgeizige Gelehrte bot, strebten die Professoren in den anderen deutschen Staaten, ja sogar die Österreichs und der Schweiz, danach, sich Stellen in Preussen zu sichern. So konnte Althoff in der Regel auch sie dazu bringen, seine Grundsätze und Ansichten praktisch zu übernehmen. In allen Dingen, die die Sozialwissenschaften und die geschichtlichen Disziplinen betrafen, verliess sich Althoff ganz auf den Rat seines Freundes Gustav von Schmoller. Schmoller hatte einen untrüglichen Spürsinn dafür, die Schafe von den Böcken zu scheiden.
Im zweiten und dritten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts verfassten einige deutsche Professoren wertvolle Beiträge zur ökonomischen Theorie. Es ist wahr, dass die bemerkenswertesten Beiträge dieser Zeit, die von Thünen und von Gossen, nicht das Werk von Professoren waren, sondern von Männern, die keine Lehrstellen innehatten. Gleichwohl werden die Bücher der Professoren Hermann, Mangoldt und Knies in der Geschichte des ökonomischen Denkens in Erinnerung bleiben. Doch nach 1866 hatten die Männer, die in die akademische Laufbahn eintraten, nur Verachtung für „blutleere Abstraktionen". Sie veröffentlichten geschichtliche Studien, vorzugsweise solche, die sich mit den Arbeitsverhältnissen der jüngsten Vergangenheit befassten. Viele von ihnen waren fest davon überzeugt, dass die vornehmste Aufgabe der Ökonomen darin bestehe, dem „Volk" in dem Befreiungskrieg beizustehen, den es gegen die „Ausbeuter" führte, und dass die von Gott gegebenen Führer des Volkes die Dynastien seien, besonders die Hohenzollern.
3. Der Methodenstreit
In den Untersuchungen verwarf Menger die erkenntnistheoretischen Vorstellungen, die den Schriften der Historischen Schule zugrunde lagen. Schmoller veröffentlichte eine ziemlich verächtliche Besprechung dieses Buches. Menger reagierte 1884 mit einer Streitschrift, Die Irrtümer des Historismus in der Deutschen Nationalökonomie. Die verschiedenen Veröffentlichungen, die diese Auseinandersetzung hervorbrachte, sind unter dem Namen Methodenstreit, dem Streit über die Methoden, bekannt.
Der Methodenstreit trug nur wenig zur Klärung der damit verbundenen Probleme bei. Menger stand zu sehr unter dem Einfluss des Empirismus von John Stuart Mill, um seinen eigenen Standpunkt zu seinen vollen logischen Folgerungen zu führen. Schmoller und seine Schüler, die darauf verpflichtet waren, eine unhaltbare Stellung zu verteidigen, begriffen nicht einmal, worum es in der Auseinandersetzung ging.
Der Ausdruck Methodenstreit ist natürlich irreführend. Denn die Streitfrage war nicht, das angemessenste Verfahren für die Behandlung der Probleme zu entdecken, die gemeinhin als ökonomische Probleme gelten. Der Gegenstand des Streits war im Wesentlichen, ob es so etwas wie eine Wissenschaft geben könne, ausser der Geschichte, die sich mit Aspekten des menschlichen Handelns befasst.
Da war zunächst der radikale materialistische Determinismus, eine Philosophie, die in Deutschland zu jener Zeit von Physikern, Chemikern und Biologen fast allgemein angenommen wurde, obwohl sie nie ausdrücklich und klar formuliert worden ist. Wie diese Leute es sahen, werden menschliche Ideen, Willensregungen und Handlungen durch physikalische und chemische Vorgänge hervorgebracht, die die Naturwissenschaften eines Tages auf dieselbe Weise beschreiben werden, in der sie heute das Entstehen einer chemischen Verbindung aus der Vereinigung mehrerer Bestandteile beschreiben. Als den einzigen Weg, der zu dieser endgültigen wissenschaftlichen Errungenschaft führen könne, befürworteten sie das Experimentieren in physiologischen und biologischen Laboratorien.
Schmoller und seine Schüler verwarfen diese Philosophie leidenschaftlich, nicht weil sie sich ihrer Mängel bewusst waren, sondern weil sie mit den religiösen Grundsätzen der preussischen Regierung unvereinbar war. Sie zogen ihr faktisch eine Lehre vor, die sich nur wenig von Comtes Positivismus unterschied (den sie natürlich öffentlich wegen seines Atheismus und seines französischen Ursprungs herabsetzten). Tatsächlich muss der Positivismus, vernünftig ausgelegt, im materialistischen Determinismus enden. Doch die meisten von Comtes Anhängern äusserten sich in dieser Hinsicht nicht offen. Ihre Erörterungen schlossen nicht immer die Folgerung aus, dass die Gesetze der sozialen Physik (Soziologie), deren Aufstellung ihrer Meinung nach das höchste Ziel der Wissenschaft sei, durch das, was sie eine „wissenschaftlichere" Methode der Behandlung des durch die überlieferten Verfahren der Historiker zusammengetragenen Materials nannten, entdeckt werden könnten. Dies war die Stellung, die Schmoller in Bezug auf die Nationalökonomie einnahm. Wieder und wieder warf er den Ökonomen vor, voreilig Schlüsse aus quantitativ unzureichendem Material gezogen zu haben. Was seiner Meinung nach nötig war, um eine realistische Wissenschaft der Nationalökonomie an die Stelle der übereilten Verallgemeinerungen der britischen „Lehnstuhl"-Ökonomen zu setzen, war mehr Statistik, mehr Geschichte und mehr Sammlung von „Material". Aus den Ergebnissen solcher Forschung, behauptete er, würden die Ökonomen der Zukunft eines Tages durch „Induktion" neue Einsichten entwickeln.
Schmoller war so verworren, dass er die Unvereinbarkeit seiner eigenen erkenntnistheoretischen Lehre mit der Ablehnung des positivistischen Angriffs auf die Geschichte nicht sah. Er erkannte nicht die Kluft, die seine Ansichten von denen der deutschen Philosophen trennte, welche die Vorstellungen des Positivismus über den Gebrauch und die Behandlung der Geschichte zertrümmerten — zuerst Dilthey, und später Windelband, Rickert und Max Weber. In demselben Aufsatz, in dem er Mengers Grundsätze tadelte, besprach er auch das erste bedeutende Buch Diltheys, seine Einleitung in die Geisteswissenschaften. Doch er erfasste nicht die Tatsache, dass der Grundgedanke von Diltheys Lehre die Vernichtung der grundlegenden These seiner eigenen Erkenntnistheorie war, nämlich dass sich gewisse Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung aus der geschichtlichen Erfahrung herausziehen liessen.
4. Die politischen Aspekte des Methodenstreits
Die britische Freihandelsphilosophie triumphierte im neunzehnten Jahrhundert in den Ländern West- und Mitteleuropas. Sie zertrümmerte die wackelige Ideologie des autoritären Wohlfahrtsstaates (landesfürstlicher Wohlfahrtsstaat), die die Politik der deutschen Fürstentümer im achtzehnten Jahrhundert geleitet hatte. Selbst Preussen wandte sich vorübergehend dem Liberalismus zu. Die Höhepunkte seiner Freihandelsperiode waren der Zolltarif des Zollvereins von 1865 und die Gewerbeordnung von 1869 für das Gebiet des Norddeutschen Bundes (später des Deutschen Reiches). Doch sehr bald begann die Regierung Bismarcks, ihre Sozialpolitik einzuleiten, das System interventionistischer Massnahmen wie Arbeitsgesetzgebung, Sozialversicherung, gewerkschaftsfreundliche Haltung, progressive Besteuerung, Schutzzölle, Kartelle und Dumping.3
Versucht man, die vernichtende Kritik zu widerlegen, die die Nationalökonomie an der Tauglichkeit all dieser interventionistischen Entwürfe geübt hat, so ist man gezwungen, die Existenz selbst — von den erkenntnistheoretischen Ansprüchen ganz zu schweigen — einer Wissenschaft der Nationalökonomie und ebenso der Praxeologie zu leugnen. Genau das haben alle Verfechter des Autoritarismus, der Allmacht des Staates und der „Wohlfahrts"-Politik stets getan. Sie werfen der Nationalökonomie vor, „abstrakt" zu sein, und treten für eine „anschauliche" Behandlung der einschlägigen Probleme ein. Sie betonen, die Dinge auf diesem Gebiet seien zu kompliziert, um in Formeln und Lehrsätzen beschrieben zu werden. Sie behaupten, die verschiedenen Nationen und Rassen unterschieden sich derart voneinander, dass ihr Handeln nicht von einer einheitlichen Theorie erfasst werden könne; es seien so viele ökonomische Theorien erforderlich, wie es Nationen und Rassen gebe. Andere fügen hinzu, dass selbst innerhalb derselben Nation oder Rasse das wirtschaftliche Handeln in verschiedenen Epochen der Geschichte verschieden sei. Diese und ähnliche Einwände, oft miteinander unvereinbar, werden vorgebracht, um die Nationalökonomie als solche zu diskreditieren.
Tatsächlich verschwand die Nationalökonomie völlig von den Universitäten des Deutschen Reiches. An der Universität Bonn blieb ein einsamer Epigone der klassischen Nationalökonomie zurück, Heinrich Dietzel, der allerdings nie verstand, was die Theorie des subjektiven Wertes bedeutet. An allen anderen Universitäten waren die Lehrer bemüht, die Nationalökonomie und die Nationalökonomen lächerlich zu machen. Es lohnt nicht, bei dem Zeug zu verweilen, das in Berlin, München und an anderen Universitäten des Reiches als Ersatz für Nationalökonomie weitergereicht wurde. Niemand kümmert sich heute um all das, was Gustav von Schmoller, Adolf Wagner, Lujo Brentano und ihre zahlreichen Anhänger in ihren umfangreichen Büchern und Zeitschriften schrieben.
Die politische Bedeutung des Werkes der Historischen Schule bestand darin, dass es Deutschland für jene Ideen empfänglich machte, deren Übernahme all jene verhängnisvollen Politiken beim deutschen Volk populär werden ließ, die in den großen Katastrophen mündeten. Der aggressive Imperialismus, der zweimal in Krieg und Niederlage endete, die schrankenlose Inflation der frühen Zwanziger Jahre, die Zwangswirtschaft und alle Schrecken des Nazi-Regimes waren die Errungenschaften von Politikern, die so handelten, wie es sie die Verfechter der Historischen Schule gelehrt hatten.
Schmoller und seine Freunde und Schüler traten für das ein, was man Staatssozialismus genannt hat; das heißt für ein System des Sozialismus — der Planung —, in dem die oberste Leitung in den Händen der Junker-Aristokratie läge. Auf diese Spielart des Sozialismus zielten Bismarck und seine Nachfolger ab. Der zaghafte Widerstand, auf den sie bei einer kleinen Gruppe von Geschäftsleuten stießen, war vernachlässigbar, nicht so sehr deswegen, weil diese Gegner nicht zahlreich waren, sondern weil ihren Bemühungen jeder ideologische Rückhalt fehlte. In Deutschland gab es keine liberalen Denker mehr. Der einzige Widerstand, der der Partei des Staatssozialismus entgegengesetzt wurde, kam von der marxistischen Partei der Sozialdemokraten. Wie die Schmoller-Sozialisten — die Kathedersozialisten — traten auch die Marxisten für den Sozialismus ein. Der einzige Unterschied zwischen den beiden Gruppen lag in der Wahl der Leute, die das oberste Planungsamt betreiben sollten: die Junker, die Professoren und die Bürokratie des hohenzollernschen Preußen oder die Funktionäre der Sozialdemokratischen Partei und ihre angeschlossenen Gewerkschaften.
So waren die einzigen ernsthaften Gegner, die die Schmoller-Schule in Deutschland zu bekämpfen hatte, die Marxisten. In dieser Auseinandersetzung gewannen letztere sehr bald die Oberhand. Denn sie hatten zumindest ein Lehrgebäude, so fehlerhaft und widersprüchlich es auch war, während die Lehren der Historischen Schule eher die Verneinung jeder Theorie waren. Auf der Suche nach einem Mindestmaß an theoretischer Stütze begann die Schmoller-Schule Schritt für Schritt, aus dem geistigen Fundus der Marxisten zu entlehnen. Schließlich machte sich Schmoller selbst weitgehend die marxistische Lehre vom Klassenkampf und von der „ideologischen" Durchtränkung des Denkens durch die Klassenzugehörigkeit des Denkenden zu eigen. Einer seiner Freunde und Professorenkollegen, Wilhelm Lexis, entwickelte eine Zinstheorie, die Engels als eine Paraphrase der marxistischen Ausbeutungstheorie kennzeichnete.6 Es war eine Wirkung der Schriften der Verfechter der Sozialpolitik, dass das Beiwort „bürgerlich" in der deutschen Sprache einen abwertenden Beiklang erhielt.
Die vernichtende Niederlage im Ersten Weltkrieg zerschlug das Ansehen der deutschen Fürsten, Aristokraten und Bürokraten. Die Anhänger der Historischen Schule und der Sozialpolitik übertrugen ihre Loyalität auf verschiedene Splittergruppen, aus denen schließlich die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, die Nazis, hervorging.
Die gerade Linie, die vom Werk der Historischen Schule zum Nationalsozialismus führt, lässt sich nicht aufzeigen, indem man den Werdegang eines der Begründer der Schule nachzeichnet. Denn die Protagonisten der Ära des Methodenstreits hatten ihren Lebenslauf vor der Niederlage von 1918 und dem Aufstieg Hitlers vollendet. Aber das Leben des herausragenden Mannes unter der zweiten Generation der Schule veranschaulicht alle Phasen der deutschen Universitätsökonomie in der Zeit von Bismarck bis Hitler.
Werner Sombart war bei weitem der begabteste von Schmollers Schülern. Er war erst fünfundzwanzig, als sein Meister ihm auf dem Höhepunkt des Methodenstreits die Aufgabe übertrug, Wiesers Buch Der natürliche Wert zu rezensieren und zu vernichten. Der treue Schüler verurteilte das Buch als „gänzlich unhaltbar".⁶ Zwanzig Jahre später rühmte sich Sombart, dass er einen guten Teil seines Lebens dem Kampf für Marx gewidmet habe.7 Als 1914 der Krieg ausbrach, veröffentlichte Sombart ein Buch, Händler und Helden.8 Darin verwarf er in ungehobelter und übler Sprache alles Britische oder Angelsächsische, vor allem aber die britische Philosophie und Nationalökonomie, als Ausdruck einer gemeinen Krämermentalität. Nach dem Krieg überarbeitete Sombart sein Buch über den Sozialismus. Vor dem Krieg war es in neun Auflagen erschienen.⁹ Während die Vorkriegsauflagen den Marxismus gepriesen hatten, griff ihn die zehnte Auflage fanatisch an, insbesondere wegen seines „proletarischen" Charakters und seines Mangels an Patriotismus und Nationalismus. Wenige Jahre später versuchte Sombart, den Methodenstreit durch einen Band voller Schmähungen gegen Nationalökonomen wiederzubeleben, deren Denken er nicht zu verstehen vermochte.9 Als dann die Nazis die Macht ergriffen, krönte er eine fünfundvierzigjährige literarische Laufbahn mit einem Buch über den Deutschen Sozialismus. Der Leitgedanke dieses Werkes war, dass der Führer seine Befehle von Gott erhalte, dem obersten Führer des Universums, und dass das Führertum eine fortwährende Offenbarung sei.10
So verlief der Fortgang der deutschen akademischen Nationalökonomie von Schmollers Verherrlichung der hohenzollernschen Kurfürsten und Könige zu Sombarts Heiligsprechung Adolf Hitlers.
5. Der Liberalismus der österreichischen Nationalökonomen
Platon träumte vom wohlwollenden Tyrannen, der dem weisen Philosophen die Macht anvertrauen würde, das vollkommene Gesellschaftssystem zu errichten. Die Aufklärung setzte ihre Hoffnungen nicht auf das mehr oder weniger zufällige Auftauchen gutgesinnter Herrscher und vorsorgender Weiser. Ihr Optimismus hinsichtlich der Zukunft der Menschheit gründete sich auf den doppelten Glauben an die Güte des Menschen und an seinen vernünftigen Verstand. In der Vergangenheit hatte eine Minderheit von Schurken — verschlagene Könige, frevelhafte Priester, korrupte Edelleute — Unheil anrichten können. Doch nun — so die Lehre der Aufklärung — ist, da der Mensch sich der Macht seiner Vernunft bewusst geworden ist, ein Rückfall in die Finsternis und die Verfehlungen vergangener Zeitalter nicht mehr zu befürchten. Jede neue Generation wird dem Guten, das ihre Vorfahren vollbracht haben, etwas hinzufügen. So steht die Menschheit am Vorabend eines beständigen Fortschritts hin zu befriedigenderen Verhältnissen. Stetig fortzuschreiten liegt im Wesen des Menschen. Es ist vergeblich, über die angeblich verlorene Glückseligkeit eines sagenhaften goldenen Zeitalters zu klagen. Der ideale Zustand der Gesellschaft liegt vor uns, nicht hinter uns.
Die meisten liberalen, fortschrittlichen und demokratischen Politiker des neunzehnten Jahrhunderts, die für die repräsentative Regierung und das allgemeine Wahlrecht eintraten, ließen sich von einem festen Vertrauen in die Unfehlbarkeit des vernünftigen Verstandes des gemeinen Mannes leiten. In ihren Augen konnten Mehrheiten nicht irren. Ideen, die aus dem Volk hervorgingen und von den Wählern gebilligt wurden, konnten dem Gemeinwohl nur zuträglich sein.
Es ist wichtig zu erkennen, dass die Argumente, die die kleine Gruppe liberaler Philosophen zugunsten der repräsentativen Regierung vorbrachte, ganz andere waren und keinen Bezug auf eine angebliche Unfehlbarkeit von Mehrheiten enthielten. Hume hatte darauf hingewiesen, dass Regierung stets auf Meinung gegründet ist. Auf lange Sicht setzt sich die Meinung der Vielen stets durch. Eine Regierung, die nicht von der Meinung der Mehrheit getragen wird, muss früher oder später ihre Macht verlieren; tritt sie nicht ab, so wird sie gewaltsam von den Vielen gestürzt. Die Völker haben die Macht, schließlich jene Männer ans Ruder zu bringen, die bereit sind, nach den Grundsätzen zu regieren, die die Mehrheit für angemessen hält. Es gibt auf lange Sicht keine unpopuläre Regierung, die ein System aufrechterhielte, das die Menge als ungerecht verurteilt. Die Rechtfertigung der repräsentativen Regierung liegt nicht darin, dass Mehrheiten gottähnlich und unfehlbar wären. Sie liegt in der Absicht, mit friedlichen Mitteln die letztlich unvermeidliche Anpassung des politischen Systems und der Männer, die seinen Steuerungsmechanismus bedienen, an die Ideologie der Mehrheit herbeizuführen. Die Schrecken von Revolution und Bürgerkrieg lassen sich vermeiden, wenn eine missliebige Regierung bei der nächsten Wahl reibungslos abgelöst werden kann.
Die wahren Liberalen waren fest davon überzeugt, dass die Marktwirtschaft, das einzige Wirtschaftssystem, das eine stetig fortschreitende Verbesserung des materiellen Wohlergehens der Menschheit verbürgt, nur in einer Atmosphäre ungestörten Friedens wirken kann. Sie traten für die Regierung durch die gewählten Vertreter des Volkes ein, weil sie es als selbstverständlich ansahen, dass allein dieses System den Frieden sowohl in den inneren als auch in den auswärtigen Angelegenheiten dauerhaft wahren werde.
Was diese wahren Liberalen von der blinden Mehrheitsanbetung der selbsternannten Radikalen trennte, war, dass sie ihren Optimismus hinsichtlich der Zukunft der Menschheit nicht auf das mystische Vertrauen in die Unfehlbarkeit von Mehrheiten gründeten, sondern auf den Glauben, dass die Kraft eines stichhaltigen logischen Arguments unwiderstehlich ist. Es entging ihnen nicht, dass die gewaltige Mehrheit der gemeinen Menschen zu stumpf und zu träge ist, um langen Gedankenketten zu folgen und sie aufzunehmen. Aber sie hofften, dass diese Massen, gerade wegen ihrer Stumpfheit und Trägheit, nicht umhinkönnten, die Ideen zu billigen, die die Intellektuellen ihnen zutrugen. Vom gesunden Urteil der gebildeten Minderheit und von ihrer Fähigkeit, die Mehrheit zu überzeugen, erwarteten die großen Führer der liberalen Bewegung des neunzehnten Jahrhunderts die stetige Verbesserung der menschlichen Verhältnisse.
In dieser Hinsicht herrschte volle Übereinstimmung zwischen Carl Menger und seinen beiden frühesten Anhängern, Wieser und Böhm-Bawerk. Unter den unveröffentlichten Papieren Mengers entdeckte Professor Hayek eine Notiz, die lautet: „Es gibt kein besseres Mittel, die Absurdität einer Denkweise aufzudecken, als sie ihren vollen Lauf bis zum Ende nehmen zu lassen." Alle drei beriefen sich gern auf Spinozas Beweisführung im ersten Buch seiner Ethik, die in dem berühmten Diktum endet: „Sane sicut lux se ipsam et tenebras manifestat, sic veritas norma sui et falsi." Sie blickten gelassen auf die leidenschaftliche Propaganda sowohl der Historischen Schule als auch des Marxismus. Sie waren fest davon überzeugt, dass die logisch unhaltbaren Dogmen dieser Fraktionen schließlich von allen vernünftigen Menschen gerade wegen ihrer Absurdität verworfen würden und dass die Massen der gemeinen Menschen notwendig der Führung der Intellektuellen folgen würden.11
Die Klugheit dieser Argumentationsweise zeigt sich in der Vermeidung der verbreiteten Praxis, eine angebliche Psychologie gegen das logische Denken auszuspielen. Es trifft zu, dass Denkfehler oft durch die Neigung des Einzelnen verursacht werden, einen irrigen Schluss dem richtigen vorzuziehen. Es gibt sogar ganze Scharen von Menschen, deren Affekte sie schlicht am geradlinigen Denken hindern. Doch von der Feststellung dieser Tatsachen bis zu jenen Lehren, die in der letzten Generation unter dem Etikett „Wissenssoziologie" vorgetragen wurden, ist es ein weiter Weg. Menschliches Denken und Schließen, menschliche Wissenschaft und Technik sind insofern das Ergebnis eines gesellschaftlichen Prozesses, als der einzelne Denker sich sowohl den Leistungen als auch den Irrtümern seiner Vorgänger gegenübersieht und mit ihnen in eine gleichsam virtuelle Auseinandersetzung tritt, sei es zustimmend, sei es ablehnend. Es ist der Ideengeschichte möglich, die Verfehlungen eines Menschen ebenso verständlich zu machen wie seine Großtaten, indem sie die Bedingungen analysiert, unter denen er lebte und arbeitete. Nur in diesem Sinne ist es zulässig, sich auf das zu berufen, was man den Geist einer Epoche, einer Nation, eines Milieus nennt. Es ist aber ein Zirkelschluss, wenn man versucht, das Aufkommen einer Idee zu erklären, geschweige denn sie zu rechtfertigen, indem man sich auf die Umgebung ihres Urhebers beruft. Ideen entspringen stets dem Geist eines Einzelnen, und die Geschichte kann über sie nichts weiter aussagen, als dass sie in einem bestimmten Augenblick von einem bestimmten Einzelnen hervorgebracht wurden. Es gibt für das irrige Denken eines Menschen keine andere Entschuldigung als jene, die eine österreichische Regierung einst im Falle eines geschlagenen Generals abgab — dass nämlich niemand dafür verantwortlich gemacht werden kann, kein Genie zu sein. Die Psychologie mag uns helfen zu erklären, warum ein Mensch in seinem Denken gescheitert ist. Doch keine solche Erklärung vermag das Falsche in Wahres zu verwandeln.
Die österreichischen Nationalökonomen lehnten den logischen Relativismus, der in den Lehren der preußischen Historischen Schule mitschwingt, vorbehaltlos ab. Gegen die Erklärungen Schmollers und seiner Anhänger hielten sie daran fest, dass es einen Bestand nationalökonomischer Lehrsätze gibt, die für alles menschliche Handeln gültig sind, unabhängig von Zeit und Ort, von den nationalen und rassischen Eigenarten der Handelnden und von ihren religiösen, philosophischen und ethischen Weltanschauungen.
Die Größe des Dienstes, den diese drei österreichischen Nationalökonomen geleistet haben, indem sie die Sache der Nationalökonomie gegen die eitle Kritik des Historismus verteidigten, kann nicht hoch genug veranschlagt werden. Aus ihren erkenntnistheoretischen Überzeugungen leiteten sie keinerlei Optimismus hinsichtlich der künftigen Entwicklung der Menschheit ab. Was immer sich zugunsten des korrekten logischen Denkens sagen lässt, beweist nicht, dass die kommenden Geschlechter ihre Vorfahren an geistiger Anstrengung und an Leistungen übertreffen werden. Die Geschichte zeigt, dass auf Zeiten wunderbarer geistiger Errungenschaften immer wieder Zeiten des Verfalls und des Rückschritts folgten. Wir wissen nicht, ob die nächste Generation Menschen hervorbringen wird, die imstande sind, in den Bahnen jener Genies weiterzuschreiten, die die letzten Jahrhunderte so glanzvoll gemacht haben. Wir wissen nichts über die biologischen Bedingungen, die einen Menschen befähigen, im Vormarsch des geistigen Fortschritts einen Schritt vorwärts zu tun. Wir können die Annahme nicht ausschließen, dass dem weiteren geistigen Aufstieg des Menschen Grenzen gesetzt sein könnten. Und gewiss wissen wir nicht, ob es in diesem Aufstieg nicht einen Punkt gibt, jenseits dessen es den geistigen Führern nicht mehr gelingt, die Massen zu überzeugen und sie ihrer Führung folgen zu lassen.
Der Schluss, den die österreichischen Nationalökonomen aus diesen Voraussetzungen zogen, lautete: Es ist zwar die Pflicht eines bahnbrechenden Geistes, alles zu tun, wozu seine Fähigkeiten ihn befähigen, doch obliegt es ihm nicht, für seine Ideen Propaganda zu betreiben, und noch weniger, fragwürdige Methoden anzuwenden, um seine Gedanken den Menschen mundgerecht zu machen. Die Verbreitung ihrer Schriften kümmerte sie nicht. Menger gab keine zweite Auflage seiner berühmten Grundsätze heraus, obwohl das Buch längst vergriffen war, antiquarische Exemplare zu hohen Preisen gehandelt wurden und der Verleger ihn immer wieder um seine Zustimmung drängte.
Das einzige und vornehmste Anliegen der österreichischen Nationalökonomen war, zum Fortschritt der Nationalökonomie beizutragen. Sie versuchten nie, sich die Unterstützung irgendjemandes mit anderen Mitteln zu verschaffen als durch die Überzeugungskraft, die sie in ihren Büchern und Aufsätzen entfalteten. Sie blickten mit Gleichmut auf die Tatsache, dass die Universitäten der deutschsprachigen Länder, ja selbst viele der österreichischen Universitäten, der Nationalökonomie als solcher feindlich gesinnt waren und noch weit mehr den neuen ökonomischen Lehren des Subjektivismus.