Die Lehre vom Werte
1. Das Wesen und der Ursprung des Wertes
Wenn der Bedarf an einem Gute in einem Zeitraum, über den sich die vorsorgliche Tätigkeit der Menschen erstrecken soll, grösser ist als die Menge davon, die ihnen für diesen Zeitraum zur Verfügung steht, und wenn sie sich bemühen, ihre Bedürfnisse danach unter den gegebenen Umständen so vollständig wie möglich zu befriedigen, so fühlen sich die Menschen genötigt, jene zuvor beschriebene und als Wirtschaften bezeichnete Tätigkeit auszuüben. Aber ihre Wahrnehmung dieses Verhältnisses ruft eine andere Erscheinung hervor, deren tieferes Verständnis von entscheidender Bedeutung für unsere Wissenschaft ist. Ich meine den Wert der Güter.
Wenn der Bedarf an einem Gute grösser ist als die davon verfügbare Menge, und ein Teil der betreffenden Bedürfnisse auf jeden Fall unbefriedigt bleiben muss, so kann die verfügbare Menge des Gutes um keinen Teil der ganzen Menge, auf irgendeine praktisch nennenswerte Weise, vermindert werden, ohne dass irgendein zuvor gedecktes Bedürfnis entweder gar nicht oder nur weniger vollständig befriedigt würde, als es sonst der Fall gewesen wäre. Die Befriedigung irgendeines einzelnen menschlichen Bedürfnisses ist daher von der Verfügbarkeit jeder konkreten, praktisch bedeutsamen Menge aller diesem quantitativen Verhältnis unterworfenen Güter abhängig. Werden sich die wirtschaftenden Menschen dieses Umstandes bewusst (das heisst, nehmen sie wahr, dass die Befriedigung eines ihrer Bedürfnisse, oder die grössere oder geringere Vollständigkeit seiner Befriedigung, von ihrer Verfügung über jeden Teil einer Gütermenge oder über jedes einzelne dem obigen quantitativen Verhältnis unterworfene Gut abhängt), so erlangen diese Güter für sie jene Bedeutung, die wir Wert nennen. Der Wert ist somit die Bedeutung, die einzelne Güter oder Gütermengen für uns erlangen, weil wir uns dessen bewusst sind, dass wir zur Befriedigung unserer Bedürfnisse von der Verfügung über sie abhängig sind.31
Der Wert der Güter ist demgemäss eine Erscheinung, die derselben Quelle entspringt wie der wirtschaftliche Charakter der Güter — das heisst, dem zuvor erläuterten Verhältnis zwischen dem Bedarf an Gütern und ihren verfügbaren Mengen.32 Aber es besteht ein Unterschied zwischen den beiden Erscheinungen. Einerseits regt die Wahrnehmung dieses quantitativen Verhältnisses unsere vorsorgliche Tätigkeit an und bewirkt so, dass die diesem Verhältnis unterworfenen Güter zu Gegenständen unseres Wirtschaftens (das heisst zu wirtschaftlichen Gütern) werden. Andererseits macht uns die Wahrnehmung desselben Verhältnisses die Bedeutung bewusst, die die Verfügung über jede konkrete Einheit33 der verfügbaren Mengen dieser Güter für unser Leben und Wohlergehen hat, und bewirkt so, dass sie für uns Wert erlangt.34 So wie eine eindringliche Untersuchung der seelischen Vorgänge die Erkenntnis äusserer Dinge als bloss unser Bewusstsein der Eindrücke erscheinen lässt, die die äusseren Dinge auf unsere Person machen, und somit, in letzter Analyse, als bloss die Erkenntnis von Zuständen unserer eigenen Person, so ist auch, in letzter Analyse, die Bedeutung, die wir den Dingen der Aussenwelt beimessen, nur ein Ausfluss der Bedeutung, die unser Fortbestehen und unsere Entwicklung (Leben und Wohlergehen) für uns haben. Der Wert ist daher nichts den Gütern Innewohnendes, keine Eigenschaft derselben, sondern bloss die Bedeutung, die wir zunächst der Befriedigung unserer Bedürfnisse, das heisst unserem Leben und Wohlergehen, beimessen und infolgedessen auf die wirtschaftlichen Güter als die ausschliesslichen Ursachen der Befriedigung unserer Bedürfnisse übertragen.
Daraus wird auch klar, warum nur wirtschaftliche Güter für uns Wert haben, während Güter, die dem für den nichtwirtschaftlichen Charakter verantwortlichen quantitativen Verhältnis unterworfen sind, überhaupt keinen Wert erlangen können. Das für den nichtwirtschaftlichen Charakter der Güter verantwortliche Verhältnis besteht darin, dass der Bedarf an den Gütern kleiner ist als ihre verfügbaren Mengen. So gibt es stets Teile des gesamten Vorrates nichtwirtschaftlicher Güter, die auf kein unbefriedigtes menschliches Bedürfnis bezogen sind, und die daher ihren Güter-Charakter verlieren können, ohne in irgendeiner Weise die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu beeinträchtigen. Daher hängt keine Befriedigung35 von unserer Verfügung über irgendeine der Einheiten eines Gutes nichtwirtschaftlichen Charakters ab, und daraus folgt, dass bestimmte Mengen von Gütern, die diesem quantitativen Verhältnis unterworfen sind (nichtwirtschaftliche Güter), für uns auch keinen Wert haben.
Hat ein Bewohner eines Urwaldes mehrere hunderttausend Bäume zur Verfügung, während er zur vollen Deckung seines Bedarfs an Bauholz nur etwa zwanzig im Jahr benötigt, so wird er sich in der Befriedigung seiner Bedürfnisse in keiner Weise beeinträchtigt fühlen, wenn ein Waldbrand etwa tausend der Bäume vernichtet, sofern er nur weiterhin in der Lage ist, seine Bedürfnisse mit den übrigen ebenso vollständig wie zuvor zu befriedigen. Unter solchen Umständen hängt demnach die Befriedigung keines seiner Bedürfnisse von der Verfügung über irgendeinen einzelnen Baum ab, und aus diesem Grunde hat ein Baum für ihn auch keinen Wert.
Nehmen wir aber an, es stünden in dem Walde überdies zehn wilde Obstbäume, deren Früchte von demselben Individuum verzehrt werden. Nehmen wir ferner an, die ihm verfügbare Menge an Früchten sei nicht größer als sein Bedarf. Gewiss kann dann nicht ein einziger dieser Obstbäume im Feuer verbrennen, ohne dass er infolgedessen Hunger litte oder zumindest außerstande wäre, sein Bedürfnis nach Früchten so vollständig wie zuvor zu befriedigen. Aus diesem Grunde hat jeder einzelne der Obstbäume für ihn Wert.
Benötigen die Bewohner eines Dorfes täglich tausend Eimer Wasser zur vollständigen Deckung ihres Bedarfs, und steht ihnen ein Bach mit einer täglichen Schüttung von hunderttausend Eimern zur Verfügung, so wird ein konkreter Teil dieser Wassermenge, etwa ein Eimer, für sie keinen Wert haben, da sie ihren Wasserbedarf ebenso vollständig befriedigen könnten, wenn ihnen diese Teilmenge entzogen würde oder wenn sie überhaupt ihren Güter-Charakter verlöre. In der Tat werden sie viele tausend Eimer dieses Gutes täglich ins Meer abfließen lassen, ohne die Befriedigung ihres Wasserbedarfs irgendwie zu beeinträchtigen. Solange demnach das Verhältnis fortbesteht, das den nicht-ökonomischen Charakter des Wassers begründet, wird die Befriedigung keines ihrer Bedürfnisse derart von der Verfügung über irgendeinen Eimer Wasser abhängen, dass die Befriedigung dieses Bedürfnisses unterbliebe, wären sie nicht in der Lage, gerade jenen Eimer zu nutzen. Aus diesem Grunde hat ein Eimer Wasser für sie keinen Wert.
Sänke hingegen die tägliche Schüttung des Baches infolge einer ungewöhnlichen Dürre oder eines anderen Naturereignisses auf fünfhundert Eimer täglich, und hätten die Bewohner des Dorfes keine andere Bezugsquelle, so wäre die Folge, dass die alsdann verfügbare Gesamtmenge zur Befriedigung ihres vollen Wasserbedarfs unzureichend wäre und sie es nicht wagen dürften, irgendeinen Teil dieser Menge, etwa einen Eimer, zu verlieren, ohne die Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu beeinträchtigen. Jeder konkrete Teil der ihnen verfügbaren Menge hätte dann gewiss Wert für sie.
Nicht-ökonomische Güter haben demnach nicht nur keinen Tauschwert, wie man bisher in der Literatur unseres Faches angenommen hat, sondern überhaupt keinen Wert und folglich auch keinen Gebrauchswert. Ich werde später, wenn ich einige für ihre Betrachtung maßgebliche Grundsätze behandelt habe, das Verhältnis zwischen Tauschwert und Gebrauchswert eingehender darzulegen versuchen. Vorerst sei nur bemerkt, dass Tauschwert und Gebrauchswert zwei dem allgemeinen Begriff des Wertes untergeordnete und somit in ihrem gegenseitigen Verhältnis nebengeordnete Begriffe sind. Alles, was ich bereits über den Wert im Allgemeinen gesagt habe, gilt demgemäß für den Gebrauchswert ebenso wie für den Tauschwert.
Wenn nun eine große Zahl von Nationalökonomen den nicht-ökonomischen Gütern Gebrauchswert (wenngleich nicht Tauschwert) zuschreibt, und wenn einige neuere englische und französische Nationalökonomen den Begriff des Gebrauchswertes sogar gänzlich aus unserer Wissenschaft verbannen und durch den Begriff der Nützlichkeit ersetzt sehen möchten,36 so beruht ihr Verlangen auf einem Missverständnis des bedeutsamen Unterschiedes zwischen den beiden Begriffen und den ihnen tatsächlich zugrunde liegenden Erscheinungen.
Nützlichkeit ist die Eignung eines Dinges, zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu dienen, und somit (vorausgesetzt, die Nützlichkeit ist erkannt) eine allgemeine Voraussetzung des Güter-Charakters. Nicht-ökonomische Güter haben Nützlichkeit ebenso wie ökonomische Güter, da sie gleichermaßen geeignet sind, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Auch bei diesen Gütern muss ihre Eignung, Bedürfnisse zu befriedigen, von den Menschen erkannt sein, da sie andernfalls keinen Güter-Charakter erlangen könnten. Was aber ein nicht-ökonomisches Gut von einem Gut unterscheidet, das dem den ökonomischen Charakter begründenden quantitativen Verhältnis unterliegt, ist der Umstand, dass die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse von der Verfügbarkeit konkreter Mengen des ersteren nicht abhängt, wohl aber von der Verfügbarkeit konkreter Mengen des letzteren. Aus diesem Grunde besitzt das erstere Nützlichkeit, das letztere hingegen besitzt über die Nützlichkeit hinaus auch jene Bedeutung für uns, die wir Wert nennen.
Freilich hat der Irrtum, der der Verwechslung von Nützlichkeit und Gebrauchswert zugrunde liegt, keinen Einfluss auf das praktische Handeln der Menschen gehabt. Zu keiner Zeit hat ein wirtschaftendes Individuum unter gewöhnlichen Umständen einem Kubikfuß Luft oder, in quellenreichen Gegenden, einem Schoppen Wasser Wert beigemessen. Der praktische Mensch unterscheidet sehr wohl die Eignung eines Gegenstandes, eines seiner Bedürfnisse zu befriedigen, von dessen Wert. Diese Verwechslung ist jedoch zu einem gewaltigen Hindernis für die Entwicklung der allgemeineren Theorien unserer Wissenschaft geworden.37
Der Umstand, dass ein Gut für uns Wert hat, ist, wie wir gesehen haben, darauf zurückzuführen, dass die Verfügung über dasselbe für uns die Bedeutung hat, ein Bedürfnis zu befriedigen, das unbefriedigt bliebe, hätten wir nicht die Verfügung über das Gut. Unsere Bedürfnisse hängen, wenigstens zum Teil, zumindest was ihren Ursprung betrifft, von unserem Willen oder von unseren Gewohnheiten ab. Sind die Bedürfnisse jedoch einmal entstanden, so liegt in dem Wert, den die Güter für uns haben, kein weiteres willkürliches Element mehr, denn ihr Wert ist dann die notwendige Folge unserer Kenntnis ihrer Bedeutung für unser Leben oder Wohlergehen. Es wäre uns demnach unmöglich, ein Gut als wertlos zu betrachten, wenn wir wissen, dass die Befriedigung eines unserer Bedürfnisse davon abhängt, es zur Verfügung zu haben. Ebenso wäre es uns unmöglich, Gütern Wert beizumessen, wenn wir wissen, dass wir zur Befriedigung unserer Bedürfnisse nicht auf sie angewiesen sind. Der Wert der Güter ist daher nichts Willkürliches, sondern stets die notwendige Folge der menschlichen Erkenntnis, dass die Erhaltung des Lebens, des Wohlergehens oder eines noch so geringfügigen Teiles derselben von der Verfügung über ein Gut oder eine Gütermenge abhängt.
Hinsichtlich dieser Erkenntnis können sich die Menschen jedoch über den Wert der Güter ebenso irren, wie sie sich in Bezug auf alle anderen Gegenstände menschlicher Erkenntnis irren können. Daher mögen sie Dingen Wert beimessen, die ihn nach ökonomischen Erwägungen in Wirklichkeit nicht besitzen, wenn sie irrtümlich annehmen, dass die mehr oder weniger vollständige Befriedigung ihrer Bedürfnisse von einem Gut oder einer Gütermenge abhängt, während dieses Verhältnis in Wahrheit nicht besteht. In Fällen dieser Art beobachten wir die Erscheinung des eingebildeten Wertes.
Der Wert der Güter entspringt ihrem Verhältnis zu unseren Bedürfnissen und ist nicht den Gütern selbst inhärent. Mit Veränderungen dieses Verhältnisses entsteht und verschwindet der Wert. Für die Bewohner einer Oase, die über eine Quelle verfügen, die ihren Wasserbedarf reichlich deckt, wird eine gewisse Wassermenge an der Quelle selbst keinen Wert haben. Sollte aber die Quelle infolge eines Erdbebens ihre Wasserschüttung plötzlich derart vermindern, dass die Befriedigung der Bedürfnisse der Oasenbewohner nicht länger vollständig gedeckt wäre, so würde jedes ihrer konkreten Wasserbedürfnisse von der Verfügbarkeit einer bestimmten Wassermenge abhängig, und eine solche Menge würde für jeden Bewohner sogleich Wert erlangen. Dieser Wert würde jedoch plötzlich verschwinden, wenn das alte Verhältnis wiederhergestellt würde und die Quelle ihre frühere Wasserschüttung zurückgewänne. Ein ähnliches Ergebnis träte ein, wenn die Bevölkerung der Oase in solchem Maße zunähme, dass das Wasser der Quelle zur Befriedigung aller Bedürfnisse nicht mehr ausreichte. Eine solche Veränderung infolge der Zunahme der Verbraucher könnte sogar mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu jenen Zeiten eintreten, in denen die Oase von zahlreichen Karawanen aufgesucht wurde.
Der Wert ist somit nichts den Gütern Inhärentes, keine Eigenschaft derselben, noch ein selbständiges, für sich bestehendes Ding. Er ist ein Urteil, das die wirtschaftenden Menschen über die Bedeutung der ihnen verfügbaren Güter für die Erhaltung ihres Lebens und Wohlergehens fällen. Daher existiert der Wert außerhalb des Bewusstseins der Menschen nicht. Es ist demnach auch ganz irrig, ein Gut, das für die wirtschaftenden Individuen Wert hat, einen „Wert“ zu nennen, oder wenn die Nationalökonomen von „Werten“ wie von selbständigen realen Dingen sprechen und den Wert auf diese Weise objektivieren. Denn die objektiv existierenden Gebilde sind stets nur einzelne Dinge oder Mengen von Dingen, und ihr Wert ist etwas grundlegend von den Dingen selbst Verschiedenes; er ist ein Urteil, das die wirtschaftenden Individuen über die Bedeutung fällen, die ihre Verfügung über die Dinge für die Erhaltung ihres Lebens und Wohlergehens hat. Die Objektivierung des Wertes der Güter, der seiner Natur nach völlig subjektiv ist, hat gleichwohl überaus stark zur Verwirrung über die Grundprinzipien unserer Wissenschaft beigetragen.
2. Das ursprüngliche Maß des Wertes
Im Vorausgegangenen haben wir unsere Aufmerksamkeit auf das Wesen und die letzten Ursachen des Wertes gerichtet — das heißt auf die Faktoren, die dem Wert in allen Fällen gemeinsam sind. Im wirklichen Leben aber finden wir, dass die Werte verschiedener Güter sehr verschieden in ihrer Größe sind und dass der Wert eines gegebenen Gutes sich häufig ändert. Eine Untersuchung der Ursachen der Unterschiede im Wert der Güter sowie eine Untersuchung des Maßes des Wertes sind die Gegenstände, die uns in diesem Abschnitt beschäftigen werden. Der Gang unserer Untersuchung wird durch folgende Erwägung bestimmt.
Die uns verfügbaren Güter haben für uns keinen Wert um ihrer selbst willen. Im Gegenteil haben wir gesehen, dass nur die Befriedigung unserer Bedürfnisse für uns unmittelbar Bedeutung hat, da unser Leben und Wohlergehen von ihr abhängen. Ich habe aber auch dargelegt, dass die Menschen diese Bedeutung den ihnen verfügbaren Gütern beimessen, wenn die Güter ihnen die Befriedigung von Bedürfnissen sichern, die unbefriedigt blieben, hätten sie nicht die Verfügung über sie — das heißt, sie messen diese Bedeutung den ökonomischen Gütern bei. Im Wert der Güter begegnet uns demnach stets nur die Bedeutung, die wir der Befriedigung unserer Bedürfnisse beilegen — das heißt unserem Leben und Wohlergehen. Habe ich das Wesen des Wertes der Güter angemessen beschrieben, ist festgestellt, dass in letzter Analyse nur die Befriedigung unserer Bedürfnisse für uns Bedeutung hat, und ist überdies festgestellt, dass der Wert aller Güter lediglich eine Zurechnung dieser Bedeutung auf die ökonomischen Güter ist, so können die Unterschiede, die wir im wirklichen Leben in der Größe des Wertes verschiedener Güter beobachten, nur in Unterschieden in der Größe der Bedeutung derjenigen Befriedigungen begründet sein, die von unserer Verfügung über diese Güter abhängen. Um die Unterschiede, die wir im wirklichen Leben in der Größe des Wertes verschiedener Güter beobachten, auf ihre letzten Ursachen zurückzuführen, müssen wir daher eine doppelte Aufgabe erfüllen. Wir müssen untersuchen: (1) in welchem Maße verschiedene Befriedigungen verschiedene Grade der Bedeutung für uns haben (subjektiver Faktor), und (2) welche Befriedigungen konkreter Bedürfnisse in jedem einzelnen Falle von unserer Verfügung über ein bestimmtes Gut abhängen (objektiver Faktor). Ergibt diese Untersuchung, dass die einzelnen Befriedigungen konkreter Bedürfnisse verschiedene Grade der Bedeutung für uns haben und dass diese Befriedigungen von so verschiedenen Graden der Bedeutung von unserer Verfügung über bestimmte ökonomische Güter abhängen, so werden wir unser Problem gelöst haben. Denn wir werden die ökonomische Erscheinung, deren Erklärung wir als das zentrale Problem dieser Untersuchung bezeichnet haben, auf ihre letzten Ursachen zurückgeführt haben. Ich meine die Unterschiede in der Größe des Wertes der Güter.
Mit einer Antwort auf die Frage nach den letzten Ursachen der Unterschiede im Wert der Güter ist zugleich eine Lösung des Problems gegeben, wie es zustande kommt, dass der Wert jedes der verschiedenen Güter selbst der Veränderung unterworfen ist. Alle Veränderung besteht in nichts anderem als in Unterschieden im Verlaufe der Zeit. Daher gewinnen wir mit einer Kenntnis der letzten Ursachen der Unterschiede zwischen den Gliedern einer Gesamtheit von Größen im Allgemeinen auch einen tieferen Einblick in ihre Veränderungen.
A. Unterschiede in der Größe der Bedeutung verschiedener Befriedigungen (subjektiver Faktor).
Was die Unterschiede in der Bedeutung betrifft, die verschiedene Befriedigungen für uns haben, so ist es vor allem eine Tatsache der gewöhnlichsten Erfahrung, dass die Befriedigungen von größter Bedeutung für die Menschen gewöhnlich jene sind, von denen die Erhaltung des Lebens abhängt, und dass die übrigen Befriedigungen in der Größe ihrer Bedeutung nach dem Grade (Dauer und Intensität) des von ihnen abhängigen Genusses abgestuft sind. Müssen demnach wirtschaftende Menschen zwischen der Befriedigung eines Bedürfnisses, von dem die Erhaltung ihres Lebens abhängt, und eines anderen wählen, von dem lediglich ein höherer oder geringerer Grad des Wohlergehens abhängt, so werden sie gewöhnlich das erstere vorziehen. Ebenso werden sie gewöhnlich Befriedigungen vorziehen, von denen ein höherer Grad ihres Wohlergehens abhängt. Bei gleicher Intensität werden sie Genüsse von längerer Dauer Genüssen von kürzerer Dauer vorziehen, und bei gleicher Dauer Genüsse von größerer Intensität Genüssen von geringerer Intensität.
Die Erhaltung unseres Lebens hängt von der Befriedigung unseres Bedürfnisses nach Nahrung ab und, in unserem Klima, auch von der Bekleidung unseres Körpers und der Verfügung über eine Behausung. Aber lediglich ein höherer Grad des Wohlergehens hängt davon ab, dass wir eine Equipage, ein Schachbrett und dergleichen besitzen. So beobachten wir, dass die Menschen den Mangel an Nahrung, Kleidung und Obdach weit mehr fürchten als den Mangel an einer Equipage, einem Schachbrett und dergleichen. Sie messen auch der Sicherung der Befriedigung der ersteren Bedürfnisse eine wesentlich höhere Bedeutung bei als der Befriedigung von Bedürfnissen, von denen, wie in den eben genannten Fällen, nur ein vorübergehender Genuss oder eine erhöhte Bequemlichkeit (das heißt lediglich ein höherer Grad ihres Wohlergehens) abhängt. Aber auch diese Befriedigungen haben sehr verschiedene Grade der Bedeutung. Die Erhaltung des Lebens hängt weder vom Besitz eines bequemen Bettes noch vom Besitz eines Schachbrettes ab, doch trägt der Gebrauch dieser Güter, und zwar gewiss in sehr verschiedenem Maße, zur Steigerung unseres Wohlergehens bei. Daher kann es auch keinem Zweifel unterliegen, dass die Menschen, wenn sie die Wahl haben, auf ein bequemes Bett oder auf ein Schachbrett zu verzichten, das letztere weit bereitwilliger aufgeben werden als das erstere.
Wir haben somit gesehen, dass verschiedene Befriedigungen sehr ungleich an Bedeutung sind, da einige Befriedigungen sind, die für die Menschen die volle Bedeutung der Erhaltung ihres Lebens haben, andere solche, die ihr Wohlergehen in höherem Grade bestimmen, wieder andere in geringerem Grade, und so fort bis hinab zu Befriedigungen, von denen ein geringfügiger vorübergehender Genuss abhängt. Aber eine sorgfältige Prüfung der Erscheinungen des Lebens zeigt, dass diese Unterschiede in der Bedeutung verschiedener Befriedigungen nicht nur bei der Befriedigung von Bedürfnissen verschiedener Art zu beobachten sind, sondern auch bei der mehr oder weniger vollständigen Befriedigung eines und desselben Bedürfnisses.
Das Leben der Menschen hängt von der Befriedigung ihres Bedürfnisses nach Nahrung im Allgemeinen ab. Aber es wäre gänzlich irrig, alle Nahrungsmittel, die sie verzehren, als für die Erhaltung ihres Lebens oder auch nur ihrer Gesundheit (das heißt für ihr fortgesetztes Wohlergehen) notwendig zu betrachten. Jedermann weiß, wie leicht es ist, eine der gewöhnlichen Mahlzeiten ausfallen zu lassen, ohne Leben oder Gesundheit zu gefährden. Ja, die Erfahrung zeigt, dass die zur Erhaltung des Lebens notwendigen Nahrungsmengen nur einen kleinen Teil dessen ausmachen, was wohlhabende Personen in der Regel verzehren, und dass die Menschen sogar weit mehr Speise und Trank zu sich nehmen, als zur vollen Erhaltung der Gesundheit notwendig ist. Die Menschen verzehren Nahrung aus mehreren Gründen: vor allem nehmen sie Nahrung zu sich, um das Leben zu erhalten; darüber hinaus nehmen sie weitere Mengen zu sich, um die Gesundheit zu erhalten, da eine bloß zur Erhaltung des Lebens hinreichende Kost zu kärglich ist, wie die Erfahrung zeigt, um organische Störungen zu vermeiden; schließlich nehmen die Menschen, nachdem sie bereits zur Erhaltung des Lebens und zur Erhaltung der Gesundheit hinreichende Mengen verzehrt haben, noch weitere Nahrung zu sich, einzig um des aus ihrem Verzehr gewonnenen Genusses willen.
Die einzelnen konkreten Akte der Befriedigung des Bedürfnisses nach Nahrung haben demnach sehr verschiedene Grade der Bedeutung. Die Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses eines jeden Menschen bis zu dem Punkte, an dem sein Leben dadurch gesichert ist, hat die volle Bedeutung der Erhaltung seines Lebens. Der Verzehr, der diese Menge übersteigt, hat, wiederum bis zu einem gewissen Punkte, die Bedeutung der Erhaltung seiner Gesundheit (das heißt seines fortgesetzten Wohlergehens). Der Verzehr, der sich selbst über diesen Punkt hinaus erstreckt, hat lediglich die Bedeutung — wie die Beobachtung zeigt — eines fortschreitend schwächeren Genusses, bis er schließlich eine gewisse Grenze erreicht, an der die Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses so vollständig ist, dass jede weitere Nahrungsaufnahme weder zur Erhaltung des Lebens noch zur Erhaltung der Gesundheit beiträgt — noch bereitet sie dem Verzehrenden auch nur Genuss, sondern wird ihm zunächst zur Sache der Gleichgültigkeit, sodann zu einer Ursache des Schmerzes, einer Gefahr für die Gesundheit und schließlich einer Gefahr für das Leben selbst.
Ähnliche Beobachtungen lassen sich hinsichtlich der mehr oder weniger vollständigen Befriedigung aller anderen menschlichen Bedürfnisse anstellen. Ein Zimmer, oder zumindest ein vor der Witterung geschützter Schlafplatz, ist in unserem Klima zur Erhaltung des Lebens notwendig, und ein einigermaßen geräumiges Quartier zur Erhaltung der Gesundheit. Darüber hinaus aber besitzen die Menschen gewöhnlich, wenn sie die Mittel dazu haben, weitere Räumlichkeiten lediglich zu Zwecken des Genusses (Salons, Ballsäle, Spielzimmer, Pavillons, Jagdhäuser und dergleichen). So ist es nicht schwer zu erkennen, dass die einzelnen konkreten Akte der Befriedigung des Bedürfnisses nach Obdach sehr verschiedene Grade der Bedeutung haben. Bis zu einem gewissen Punkte hängt unser Leben von der Befriedigung unseres Bedürfnisses nach Obdach ab. Darüber hinaus hängt unsere Gesundheit von einer vollständigeren Befriedigung ab. Und noch weitere Versuche, dasselbe Bedürfnis zu befriedigen, werden zunächst einen größeren und sodann einen geringeren Genuss bringen, bis schließlich für jeden Menschen ein Punkt gedacht werden kann, an dem die weitere Verwendung der verfügbaren Räumlichkeiten ihm zur Sache vollkommener Gleichgültigkeit und schließlich sogar lästig würde.
Es ist demnach möglich, hinsichtlich der mehr oder weniger vollständigen Befriedigung eines und desselben Bedürfnisses eine Beobachtung anzustellen, die der zuvor hinsichtlich der verschiedenen Bedürfnisse der Menschen angestellten ähnlich ist. Wir sahen zuvor, dass die verschiedenen Bedürfnisse der Menschen in der Bedeutung ihrer Befriedigung sehr ungleich sind und von der Bedeutung ihres Lebens hinab bis zu der Bedeutung abgestuft sind, die sie einem geringen vorübergehenden Genuss beimessen. Wir sehen nun überdies, dass die Befriedigung irgendeines bestimmten Bedürfnisses bis zu einem gewissen Grade der Vollständigkeit verhältnismäßig die höchste Bedeutung hat und dass eine weitere Befriedigung eine fortschreitend geringere Bedeutung hat, bis schließlich eine Stufe erreicht ist, auf der eine vollständigere Befriedigung jenes bestimmten Bedürfnisses zur Sache der Gleichgültigkeit wird. Zuletzt tritt eine Stufe ein, auf der jeder Akt, der den äußeren Anschein einer Befriedigung dieses Bedürfnisses hat, für den Verzehrenden nicht nur keine weitere Bedeutung mehr hat, sondern vielmehr eine Last und ein Schmerz ist.
Um die vorausgehende Argumentation zahlenmäßig erneut darzustellen und so das Verständnis der nachfolgenden schwierigen Untersuchung zu erleichtern, will ich die Wichtigkeit der Bedürfnisbefriedigungen, von denen das Leben abhängt, mit 10 bezeichnen und die geringere Wichtigkeit der übrigen Befriedigungen der Reihe nach mit 9, 8, 7, 6 usw. Auf diese Weise erhalten wir eine Skala der Wichtigkeit der verschiedenen Befriedigungen, die mit 10 beginnt und mit 1 endet.
Geben wir nun für jede dieser verschiedenen Befriedigungen der zusätzlichen Wichtigkeit weiterer Befriedigungsakte desselben Bedürfnisses einen zahlenmäßigen Ausdruck, wobei diese Wichtigkeit von der Zahl an, die das Maß angibt, in dem das betreffende Bedürfnis bereits befriedigt ist, schrittweise abnimmt. Für Befriedigungen, von denen bis zu einem gewissen Punkt unser Leben abhängt und von denen über diesen Punkt hinaus ein Wohlbefinden abhängt, das mit dem Grad der Vollständigkeit der bereits erreichten Befriedigung stetig abnimmt, erhalten wir eine Skala, die mit 10 beginnt und mit 0 endet. Ebenso erhalten wir für Befriedigungen, deren höchste Wichtigkeit 9 beträgt, eine Skala, die mit dieser Zahl beginnt und ebenfalls mit 0 endet, und so fort.
Die zehn auf diese Weise gewonnenen Skalen sind in der folgenden Tabelle wiedergegeben:38
Menger nennt jedoch seine unabhängige Variable nicht ausdrücklich zu Beginn, und es bleibt dem Leser überlassen, sie sich in der nachfolgenden Erörterung selbst zu erschließen. Bisweilen stellt Menger vage fest, dass die aufeinanderfolgenden Zuwächse zur Gesamtbefriedigung das Ergebnis aufeinanderfolgender „Befriedigungsakte" seien, doch später (S. 130) macht er deutlich, dass sie das Ergebnis aufeinanderfolgender gleicher Zuwächse zur Menge des konsumierten Gutes sind. Damit ist die Sache jedoch nicht erledigt. In dem auf die Tabelle folgenden Absatz vergleicht Menger die Zahlen einer Spalte mit denen einer anderen Spalte, wenn er argumentiert, dass das Individuum der Tabelle sich nach dem Konsum einer fünften Einheit (?) Nahrung der Tatsache gegenübersieht, dass eine sechste Einheit Nahrung ihm einen geringeren zusätzlichen Befriedigungszuwachs verschafft als eine erste Einheit Tabak, und dass es daher seinen Konsum der beiden Güter ins Gleichgewicht bringen muss. Ein solcher Vergleich ist nur gültig, wenn eine Einheit Tabak und eine Einheit Nahrung so definiert sind, dass beide mit gleichem Aufwand einer anderen Ressource (etwa Arbeit oder Geld) zu erlangen sind, da andernfalls die beiden Einheiten keine Alternativen darstellten, zwischen denen das Individuum wählen müsste.
Ein Mindestmodell, das Mengers Erörterung gerecht wird, erfordert daher die folgenden Annahmen:
(1) Das wirtschaftende Individuum der Tabelle ist nicht nur in der Lage, seine Befriedigungen in eine Rangordnung zu bringen, sondern auch ihren relativen Wichtigkeitsgraden kardinale Indexwerte zuzuordnen. Mit anderen Worten, es ist in der Lage, verschiedene Befriedigungen anhand einer homogenen Einheit der Befriedigung zu vergleichen. (Siehe auch die Zusammenfassung der Grundsätze auf S. 139 und die Erörterung in Kap. IV, Abschn. 2.)
| I | II | III | IV | V | VI | VII | VIII | IX |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 10 | 9 | 8 | 7 | 6 | 5 | 4 | 3 | 2 |
| 9 | 8 | 7 | 6 | 5 | 4 | 3 | 2 | 1 |
| 8 | 7 | 6 | 5 | 4 | 3 | 2 | 1 | 0 |
| 7 | 6 | 5 | 4 | 3 | 2 | 1 | 0 | |
| 6 | 5 | 4 | 3 | 2 | 1 | 0 | ||
| 5 | 4 | 3 | 2 | 1 | 0 | |||
| 4 | 3 | 2 | 1 | 0 | ||||
| 3 | 2 | 1 | 0 | |||||
| 2 | 1 | 0 | ||||||
| 1 | 0 | |||||||
| 0 |
Angenommen, die Skala in Spalte I drücke für irgendein Individuum die Wichtigkeit der Befriedigung seines Bedürfnisses nach Nahrung aus, wobei diese Wichtigkeit gemäß dem bereits erreichten Grad der Befriedigung abnimmt, und die Skala in Spalte V drücke in gleicher Weise die Wichtigkeit seines Bedürfnisses nach Tabak aus. Es ist offensichtlich, dass die Befriedigung seines Bedürfnisses nach Nahrung bis zu einem gewissen Grad der Vollständigkeit für dieses Individuum eine entschieden höhere Wichtigkeit hat als die Befriedigung seines Bedürfnisses nach Tabak. Ist aber sein Bedürfnis nach Nahrung bereits bis zu einem gewissen Grad der Vollständigkeit befriedigt (hat zum Beispiel eine weitere Befriedigung seines Nahrungsbedürfnisses für ihn nur noch jene Wichtigkeit, die wir zahlenmäßig mit der Zahl 6 bezeichnet haben), so beginnt der Konsum von Tabak für ihn dieselbe Wichtigkeit zu haben wie eine weitere Befriedigung seines Nahrungsbedürfnisses. Das Individuum wird sich daher von diesem Punkt an bemühen, die Befriedigung seines Tabakbedürfnisses mit der Befriedigung seines Nahrungsbedürfnisses ins Gleichgewicht zu bringen. Obwohl die Befriedigung seines Nahrungsbedürfnisses im Allgemeinen für das betreffende Individuum eine wesentlich höhere Wichtigkeit hat als die Befriedigung seines Tabakbedürfnisses, kommt mit der fortschreitenden Befriedigung des ersteren gleichwohl ein Stadium (wie in der Tabelle veranschaulicht), in dem weitere Akte der Befriedigung seines Nahrungsbedürfnisses für ihn eine geringere Wichtigkeit haben als die ersten Akte der Befriedigung seines Tabakbedürfnisses, das, obgleich im Allgemeinen weniger wichtig, in diesem Stadium noch gänzlich unbefriedigt ist.
Durch diesen Hinweis auf eine gewöhnliche Erscheinung des Lebens glaube ich die Bedeutung der Zahlen in der Tabelle hinreichend geklärt zu haben, die lediglich gewählt wurden, um die Darstellung eines schwierigen und bislang unerforschten Gebietes der Psychologie zu erleichtern.
Die unterschiedliche Wichtigkeit, welche die Befriedigung einzelner konkreter Bedürfnisse für die Menschen hat, ist dem Bewusstsein keines wirtschaftenden Menschen fremd, so wenig die Wissenschaft den hier behandelten Erscheinungen bisher auch Beachtung geschenkt hat. Wo immer Menschen leben und welche Stufe der Gesittung sie auch einnehmen, können wir beobachten, wie wirtschaftende Individuen die relative Wichtigkeit der Befriedigung ihrer verschiedenen Bedürfnisse im Allgemeinen abwägen, wie sie insbesondere die relative Wichtigkeit der einzelnen Akte abwägen, die zur mehr oder minder vollständigen Befriedigung jedes Bedürfnisses führen, und wie sie sich schließlich durch die Ergebnisse dieses Vergleichs zu Tätigkeiten leiten lassen, die auf die möglichst vollständige Befriedigung ihrer Bedürfnisse gerichtet sind (Wirtschaften). In der Tat ist dieses Abwägen der relativen Wichtigkeit der Bedürfnisse — dieses Wählen zwischen Bedürfnissen, die unbefriedigt bleiben sollen, und Bedürfnissen, die nach Maßgabe der verfügbaren Mittel zur Befriedigung gelangen sollen, sowie das Bestimmen des Grades, bis zu dem die letzteren befriedigt werden sollen — gerade derjenige Teil der wirtschaftlichen Tätigkeit der Menschen, der ihren Geist mehr als jeder andere ausfüllt, der den weitreichendsten Einfluss auf ihre wirtschaftlichen Bestrebungen hat und der von jedem wirtschaftenden Individuum nahezu unablässig ausgeübt wird. Das menschliche Wissen aber um die verschiedenen Grade der Wichtigkeit der Befriedigung verschiedener Bedürfnisse und einzelner Befriedigungsakte ist zugleich die erste Ursache der Unterschiede im Wert der Güter.
B. Die Abhängigkeit einzelner Befriedigungen von bestimmten Gütern (objektiver Faktor).
Stünde jedem einzelnen konkreten Bedürfnis der Menschen nur ein einziges verfügbares Gut gegenüber, und wäre dieses Gut ausschließlich zur Befriedigung des einen Bedürfnisses geeignet (so dass einerseits die Befriedigung des Bedürfnisses nicht stattfände, wenn das betreffende Gut uns nicht zur Verfügung stünde, und andererseits das Gut zur Befriedigung jenes konkreten Bedürfnisses und keines anderen dienen könnte), so wäre die Bestimmung des Wertes des Gutes sehr einfach; er wäre gleich der Wichtigkeit, die wir der Befriedigung jenes Bedürfnisses beimessen. Denn es ist offensichtlich, dass ein Gut, sooft wir bei der Befriedigung eines gegebenen Bedürfnisses auf die Verfügbarkeit eines bestimmten Gutes angewiesen sind (das heißt, sooft diese Befriedigung nicht stattfände, wenn wir das Gut nicht zu unserer Verfügung hätten), und wenn jenes Gut zugleich für keinen anderen nützlichen Zweck geeignet ist, die volle, niemals aber eine andere Wichtigkeit erlangen kann als jene, welche die gegebene Befriedigung für uns hat. Je nachdem also, ob die Wichtigkeit der gegebenen Befriedigung für uns in einem Fall wie diesem größer oder kleiner ist, wird der Wert des betreffenden Gutes für uns größer oder kleiner sein. Würde zum Beispiel ein kurzsichtiges Individuum auf eine einsame Insel verschlagen und fände es unter den von ihm geretteten Gütern nur ein einziges Paar Brillengläser, das seine Kurzsichtigkeit ausgleicht, aber kein zweites Paar, so besteht kein Zweifel, dass diese Brillengläser für ihn die volle Wichtigkeit hätten, die es einem korrigierten Sehvermögen beimisst, und ebenso gewiss keine größere Wichtigkeit, da die Brillengläser zur Befriedigung anderer Bedürfnisse kaum geeignet wären.
Im gewöhnlichen Leben jedoch ist das Verhältnis zwischen den verfügbaren Gütern und unseren Bedürfnissen im Allgemeinen weit verwickelter. Gewöhnlich steht nicht ein einziges Gut, sondern eine Menge von Gütern nicht einem einzigen konkreten Bedürfnis, sondern einem Komplex solcher Bedürfnisse gegenüber. Bald eine größere, bald eine kleinere Zahl von Befriedigungen sehr unterschiedlichen Grades der Wichtigkeit hängt von unserer Verfügung über eine gegebene Gütermenge ab, und jedes einzelne der Güter besitzt die Fähigkeit, diese in ihrer Wichtigkeit so stark voneinander abweichenden Befriedigungen hervorzubringen.
Ein isolierter Landwirt verfügt nach einer reichen Ernte über mehr als zweihundert Scheffel Weizen. Ein Teil davon sichert ihm die Erhaltung seines eigenen Lebens und des Lebens seiner Familie bis zur nächsten Ernte, ein anderer Teil die Erhaltung der Gesundheit; ein dritter Teil sichert ihm das Saatgut für die nächste Aussaat; ein vierter Teil mag zur Erzeugung von Bier, Branntwein und anderen Genussmitteln verwendet werden; und ein fünfter Teil mag zur Mästung seines Viehs gebraucht werden. Einige übrigbleibende Scheffel, die er für diese wichtigeren Befriedigungen nicht weiter verwenden kann, weist er der Fütterung von Haustieren zu, um den Rest seines Getreides auf irgendeine Weise nutzbar zu machen.
Der Landwirt ist daher für Befriedigungen sehr unterschiedlichen Grades der Wichtigkeit auf das in seinem Besitz befindliche Getreide angewiesen. Zunächst sichert er sich damit sein eigenes Leben und das Leben seiner Familie und sodann seine eigene Gesundheit und die Gesundheit seiner Familie. Darüber hinaus sichert er sich damit den ununterbrochenen Betrieb seines Hofes, eine wichtige Grundlage seines fortdauernden Wohlergehens. Schließlich verwendet er einen Teil seines Getreides zu Zwecken des Vergnügens und gebraucht dabei sein Getreide abermals für Zwecke, die für ihn von sehr unterschiedlichem Grade der Wichtigkeit sind.
Wir betrachten somit einen Fall — einen für das gewöhnliche Leben typischen Fall —, in dem Befriedigungen sehr unterschiedlichen Grades der Wichtigkeit von der Verfügbarkeit einer Gütermenge abhängen, die wir der größeren Einfachheit halber als aus völlig homogenen Einheiten zusammengesetzt annehmen wollen. Die nun sich erhebende Frage lautet: Welchen Wert hat unter den gegebenen Bedingungen ein gewisser Teil des Getreides für unseren Landwirt? Werden die Scheffel Getreide, die ihm sein eigenes Leben und das Leben seiner Familie sichern, für ihn einen höheren Wert haben als die Scheffel, die es ihm ermöglichen, seine Felder zu besäen? Und werden die letzteren Scheffel für ihn einen größeren Wert haben als die Scheffel Getreide, die er zu Zwecken des Vergnügens verwendet?
Niemand wird leugnen, dass die Befriedigungen, die durch die verschiedenen Teile des verfügbaren Getreidevorrats gesichert erscheinen, sehr ungleich an Wichtigkeit sind und sich, in den Begriffen unserer früheren Bezeichnungen, von einer Wichtigkeit von 10 bis zu einer Wichtigkeit von 1 erstrecken. Doch wird niemand behaupten können, dass einige Scheffel Getreide (jene zum Beispiel, mit denen der Landwirt sich und seine Familie bis zur nächsten Ernte ernähren wird) für ihn einen höheren Wert haben als andere Scheffel derselben Beschaffenheit (jene zum Beispiel, aus denen er Genussgetränke herstellen wird).
In diesem und in jedem anderen Fall, in dem Befriedigungen verschiedenen Grades der Wichtigkeit von der Verfügung über eine gegebene Gütermenge abhängen, sehen wir uns vor allem der schwierigen Frage gegenüber: Welche bestimmte Befriedigung hängt von einem bestimmten Teil der betreffenden Gütermenge ab?
Die Lösung dieser wichtigsten Frage der Werttheorie ergibt sich aus dem Nachdenken über die menschliche Wirtschaft und das Wesen des Wertes.
Wir haben gesehen, dass die Bestrebungen der Menschen darauf gerichtet sind, ihre Bedürfnisse vollständig zu befriedigen, und wo dies unmöglich ist, sie so vollständig wie möglich zu befriedigen. Steht eine Gütermenge Bedürfnissen von für die Menschen unterschiedlicher Wichtigkeit gegenüber, so werden sie zunächst jene Bedürfnisse befriedigen oder für sie vorsorgen, deren Befriedigung für sie die größte Wichtigkeit hat. Bleiben Güter übrig, so werden sie diese auf die Befriedigung jener Bedürfnisse richten, die im Grade der Wichtigkeit den bereits befriedigten zunächst stehen. Jeder weitere Rest wird der Reihe nach auf die Befriedigung der dem Grade der Wichtigkeit nach nächstfolgenden Bedürfnisse verwendet.39
Kann ein Gut zur Befriedigung mehrerer verschiedener Arten von Bedürfnissen verwendet werden, und haben in Bezug auf jede Art von Bedürfnis die aufeinanderfolgenden einzelnen Befriedigungsakte jeweils abnehmende Wichtigkeit gemäß dem Grad der Vollständigkeit, mit dem das betreffende Bedürfnis bereits befriedigt worden ist, so werden wirtschaftende Menschen die ihnen verfügbaren Mengen des Gutes zunächst dazu verwenden, sich jene Befriedigungsakte zu sichern, die für sie ohne Rücksicht auf die Art des Bedürfnisses die höchste Wichtigkeit haben. Etwa verbleibende Mengen werden sie verwenden, um sich die Befriedigung der dem Grade nach nächstwichtigen konkreten Bedürfnisse zu sichern, und jeden weiteren Rest, um sich der Reihe nach weniger wichtige Befriedigungen zu sichern. Das Endergebnis dieses Verfahrens ist, dass die wichtigsten der nicht erreichbaren Befriedigungen für jede Art von Bedürfnis dieselbe Wichtigkeit haben und folglich alle Bedürfnisse bis zu einem gleichen Grade der Wichtigkeit der einzelnen Befriedigungsakte befriedigt werden.
Wir haben gefragt, welchen Wert eine gegebene Einheit einer Gütermenge, die ein wirtschaftendes Individuum besitzt, für dieses hat. Unsere Frage lässt sich in Bezug auf das Wesen des Wertes genauer fassen, wenn sie in dieser Form gestellt wird: Welche Befriedigung würde nicht erreicht, wenn das wirtschaftende Individuum die gegebene Einheit nicht zu seiner Verfügung hätte — das heißt, wenn es über eine um diese eine Einheit kleinere Gesamtmenge verfügen würde? Die Antwort, die sich aus der vorhergehenden Darlegung des Wesens der menschlichen Wirtschaft ergibt, lautet, dass jedes wirtschaftende Individuum in diesem Fall mit der ihm noch verbleibenden Gütermenge unbedingt seine wichtigeren Bedürfnisse befriedigen und auf die Befriedigung der weniger wichtigen verzichten würde. Somit bliebe von allen zuvor erlangten Befriedigungen nur diejenige unerreicht, die für es die geringste Wichtigkeit hat.
Demnach hängen in jedem konkreten Fall von allen Befriedigungen, die mittels der ganzen Menge eines Gutes gesichert werden, das einem wirtschaftenden Individuum zur Verfügung steht, nur jene, die für es die geringste Wichtigkeit haben, von der Verfügbarkeit eines gegebenen Teils der ganzen Menge ab. Daher ist der Wert eines jeden Teils der ganzen verfügbaren Menge des Gutes für diese Person gleich der Wichtigkeit, die für sie die unter den durch die ganze Menge gesicherten Befriedigungen am wenigsten wichtigen Befriedigungen haben, die mit einem gleichen Teil erreicht werden.40
Angenommen, ein Individuum benötigt 10 einzelne Einheiten (oder 10 Maße) eines Gutes zur vollständigen Befriedigung all seiner Bedürfnisse nach diesem Gut, diese Bedürfnisse seien in ihrer Wichtigkeit von 10 bis 1 abgestuft, doch verfüge es nur über 7 Einheiten (oder nur 7 Maße) des Gutes. Aus dem über das Wesen der menschlichen Wirtschaft Gesagten ist unmittelbar offensichtlich, dass dieses Individuum mit der ihm verfügbaren Menge (7 Einheiten) nur jene seiner Bedürfnisse nach dem Gut befriedigen wird, die in ihrer Wichtigkeit von 10 bis 4 reichen, und dass die übrigen Bedürfnisse, die in ihrer Wichtigkeit von 3 bis 1 reichen, unbefriedigt bleiben werden. Welchen Wert hat in diesem Fall eine seiner 7 Einheiten (oder Maße) für das betreffende wirtschaftende Individuum? Nach dem, was wir über das Wesen des Wertes der Güter gelernt haben, ist diese Frage gleichbedeutend mit der Frage: Welches ist die Wichtigkeit der Befriedigungen, die unerreicht blieben, wenn das betreffende Individuum nur 6 statt 7 Einheiten (oder Maße) zu seiner Verfügung hätte? Würde ihn irgendein Zufall einer seiner sieben Güter (oder Maße) berauben, so ist klar, dass die betreffende Person die verbleibenden 6 Einheiten zur Befriedigung der wichtigeren Bedürfnisse verwenden und das am wenigsten wichtige vernachlässigen würde. Daher wäre die Folge des Verlustes eines Gutes (oder eines Maßes), dass nur die geringste aller durch die ganze verfügbare Menge von sieben Einheiten gesicherten Befriedigungen (d. h. die Befriedigung, deren Wichtigkeit mit 4 bezeichnet wurde) verloren ginge, während jene Befriedigungen (oder Akte der Bedürfnisbefriedigung), deren Wichtigkeit von 10 bis 5 reicht, nach wie vor stattfänden. In diesem Fall hängt also nur eine Befriedigung, deren Wichtigkeit mit 4 bezeichnet wurde, von der Verfügung über eine einzelne Einheit (oder ein Maß) ab, und solange das betreffende Individuum weiterhin über 7 Einheiten (oder Maße) des Gutes verfügt, wird der Wert jeder Einheit (oder jedes Maßes) gleich der Wichtigkeit dieser Befriedigung sein. Denn es ist allein diese Befriedigung mit einer Wichtigkeit von 4, die von einer Einheit (oder einem Maß) der verfügbaren Menge des Gutes abhängt. Stünden, andere Umstände gleich, dem betreffenden wirtschaftenden Individuum nur 5 Einheiten (oder Maße) des Gutes zur Verfügung, so ist offensichtlich, dass — solange diese wirtschaftliche Lage fortbestünde — jede einzelne Einheit oder Teilmenge des Gutes für es eine Wichtigkeit hätte, die zahlenmäßig durch die Zahl 6 ausgedrückt wird. Hätte es 3 Einheiten, so hätte jede einzelne für es eine Wichtigkeit, die zahlenmäßig durch die Zahl 8 ausgedrückt wird. Hätte es schließlich nur ein einziges Gut, so wäre dessen Wichtigkeit gleich 10.
Die Betrachtung einer Reihe einzelner Fälle wird die hier dargelegten Grundsätze vollständig erhellen, und ich möchte mich dieser wichtigen Aufgabe nicht entziehen, auch wenn ich weiß, dass ich manchen Lesern langweilig erscheinen werde. Auf den Spuren Adam Smiths wandelnd, will ich einige Weitschweifigkeit wagen, um Klarheit der Darstellung zu gewinnen.
Um mit dem einfachsten Fall zu beginnen, nehmen wir an, dass ein isoliertes wirtschaftendes Individuum eine felsige Insel im Meer bewohnt, dass es auf der Insel nur eine einzige Quelle vorfindet und dass es zur Befriedigung seines Bedürfnisses nach frischem Wasser ausschließlich auf sie angewiesen ist. Nehmen wir an, dieses isolierte Individuum benötige: (a) eine Einheit Wasser täglich zur Erhaltung seines Lebens, (b) neunzehn Einheiten für die Tiere, deren Milch und Fleisch ihm die notwendigsten Mittel des Unterhalts liefern, (c) vierzig Einheiten, teils damit es die volle Menge konsumieren kann, die nicht nur zur Erhaltung seines Lebens, sondern auch seiner Gesundheit notwendig ist; teils, in dem zur Fortdauer seiner Gesundheit und seines allgemeinen Wohlbefindens nötigen Maße, zur Reinigung seines Körpers, seiner Kleider und seiner Geräte; und teils zum Unterhalt einiger weiterer Tiere, deren Milch und Fleisch es für nötig erachtet, und schließlich (d) vierzig zusätzliche Einheiten Wasser täglich, teils für seinen Blumengarten und teils für einige Tiere, die es nicht zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit, sondern lediglich zum Zwecke einer abwechslungsreicheren Ernährung oder bloß zur Gesellschaft hält. Nehmen wir ferner an, dass es nicht mehr als diese Gesamtmenge von einhundert Einheiten Wasser zu verwenden weiß.
Solange die Quelle Wasser so reichlich liefert, dass es nicht nur all seine Bedürfnisse nach Wasser befriedigen, sondern täglich mehrere tausend Eimer ins Meer fließen lassen kann, und somit solange die Befriedigung keines seiner Bedürfnisse davon abhängt, ob es eine Einheit mehr oder eine Einheit weniger (z. B. einen vollen Eimer) zu seiner Verfügung hat, wird eine Einheit Wasser, wie wir gesehen haben, für es weder wirtschaftlichen Charakter noch Wert haben, und somit kann von der Größe ihres Wertes keine Rede sein. Sollte aber nun irgendein Naturereignis plötzlich bewirken, dass die Quelle teilweise versiegt, und sollte unser Inselbewohner infolgedessen nur noch über 90 Einheiten Wasser verfügen, während er weiterhin 100 Einheiten zur vollständigen Befriedigung seiner Bedürfnisse benötigt, so ist klar, dass alsdann irgendeine Befriedigung von der Verfügbarkeit eines jeden Teils des gesamten Wasservorrats abhinge und folglich jede einzelne Einheit Wasser für ihn jene Bedeutung erlangte, die wir Wert nennen.
Wenn wir nun aber fragen, welche seiner Bedürfnisbefriedigungen in diesem Fall von einem bestimmten Teil der ihm zur Verfügung stehenden 90 Einheiten Wasser abhängt, etwa von 10 Einheiten, so nimmt unsere Frage folgende Gestalt an: Welche Befriedigungen unseres isolierten Individuums blieben unerreicht, wenn ihm dieser bestimmte Teil seines Vorrats nicht zur Verfügung stünde — das heißt, wenn er statt 90 nur 80 Einheiten hätte?
Nichts ist gewisser, als dass unser wirtschaftendes Individuum, selbst wenn ihm täglich nur 80 Einheiten Wasser zur Verfügung stünden, fortführe, die zur Erhaltung seines Lebens nötige Menge zu verbrauchen, und überdies so viel, wie zur Erhaltung der für sein Überleben unentbehrlichen Tiere erforderlich ist. Da diese Zwecke täglich nur 20 Einheiten Wasser erfordern, würde er die verbleibenden 60 Einheiten zunächst auf die Befriedigung aller jener Bedürfnisse verwenden, von denen seine Gesundheit und sein fortdauerndes allgemeines Wohlbefinden abhängen. Da er zu diesem Zweck täglich insgesamt nur 40 Eimer Wasser benötigt, blieben ihm 20 Einheiten übrig, die für Zwecke des bloßen Genusses verwendet werden könnten. Die letzten 20 Einheiten könnten somit entweder seinen Blumengarten oder die Tiere erhalten, die er einzig zum Vergnügen hält. Er würde gewiss von den beiden Befriedigungen jene wählen, die ihm als die wichtigere erscheint, und die minder wichtige vernachlässigen.
Wenn unser Crusoe täglich über 90 Einheiten Wasser verfügt, ist für ihn die Frage, ob er weiterhin über diese Menge oder über 10 Einheiten weniger verfügen wird, gleichbedeutend mit der Frage, ob er imstande sein wird, fortzufahren, die unwichtigsten Bedürfnisse zu befriedigen, die mit täglich 10 Einheiten Wasser befriedigt werden. Solange ihm daher eine Gesamtmenge von 90 Einheiten zur Verfügung steht, werden 10 Einheiten Wasser nur die Bedeutung dieser unwichtigsten Befriedigungen haben — das heißt, nur die Bedeutung verhältnismäßig geringfügiger Genüsse.
Nehmen wir nun an, die Quelle, die das Individuum der isolierten Wirtschaft mit Wasser versorgt, werde noch weiter erschöpft, und zwar in solchem Maße, dass ihm täglich nur vierzig Einheiten Wasser zur Verfügung stehen. Nun wird wiederum, ganz wie zuvor, die Erhaltung seines Lebens und Wohlergehens von der Verfügbarkeit dieser ganzen Wassermenge abhängen. Doch hat sich die Lage in einem wichtigen Punkt verändert. Hing früher irgendein Genuss oder eine Annehmlichkeit von der Verfügbarkeit jedes — in irgendeiner Weise praktisch bedeutsamen — Teils des ganzen Vorrats ab (etwa einer Einheit), so ist nun für unseren Crusoe die Frage, ob ihm täglich eine Einheit Wasser mehr oder weniger zur Verfügung steht, bereits eine Frage der mehr oder minder vollständigen Erhaltung seiner Gesundheit oder seines allgemeinen Wohlbefindens. Mit anderen Worten: Verlöre er eine Einheit, so wäre die Folge, dass er eines jener Bedürfnisse nicht mehr befriedigen könnte, von deren Befriedigung die Erhaltung seiner Gesundheit und sein fortdauerndes allgemeines Wohlbefinden abhängen. Hatte ein einzelner Eimer Wasser für unseren Crusoe keinerlei Wert, solange ihm täglich mehrere hundert Eimer zur Verfügung standen, und hatte später, als er täglich nur 90 Einheiten hatte, jede Einheit nur die Bedeutung irgendeines von ihr abhängigen Genusses, so hat nun jeder Teil der noch verfügbaren vierzig Einheiten für ihn die Bedeutung weit wichtigerer Befriedigungen. Denn nun hängt die Befriedigung von Bedürfnissen, deren Nichtbefriedigung seine Gesundheit und sein fortdauerndes Wohlbefinden beeinträchtigt, von jeder einzelnen der vierzig Einheiten ab. Der Wert jeder Gütermenge aber ist gleich der Bedeutung der Befriedigungen, die von ihr abhängen. War der Wert einer Einheit Wasser für unseren Crusoe zunächst gleich null und im zweiten Fall gleich eins, so würde er nun bereits ziffernmäßig etwa durch die Zahl sechs ausgedrückt.
Nehmen wir an, bei fortdauernder Dürre werde die Quelle mehr und mehr erschöpft und liefere schließlich täglich gerade jene Menge Wasser, die kaum hinreicht, das Leben dieses isolierten Individuums zu erhalten (in unserem Fall also ungefähr 20 Einheiten, da er so viel für sich selbst und für jene Tiere seiner Herde benötigt, ohne deren Milch und Fleisch er nicht am Leben bleiben kann). In einem solchen Fall ist klar, dass jede praktisch bedeutsame Wassermenge, die ihm zur Verfügung steht, die volle Bedeutung der Erhaltung seines Lebens hätte. Eine Einheit Wasser hätte daher einen noch höheren Wert als zuvor, einen Wert, der ziffernmäßig durch die Zahl 10 ausgedrückt würde.
So sahen wir im ersten unserer Fälle, dass ein kleiner Teil dieser Menge, etwa ein Eimer, für das Individuum, solange ihm täglich mehrere tausend Eimer Wasser zur Verfügung standen, gar keinen Wert hatte, weil keinerlei Befriedigung von irgendeinem einzelnen Eimer abhing. Im zweiten Fall sahen wir, dass eine konkrete Einheit der ihm zur Verfügung stehenden 90 Einheiten bereits die Bedeutung gewisser geringerer Genüsse hatte, da die unwichtigsten Befriedigungen, die von 90 Einheiten abhingen, eben diese Genüsse waren. Im dritten Fall, als ihm täglich nur 40 Einheiten Wasser zur Verfügung standen, sahen wir, dass wichtigere Befriedigungen von jeder konkreten Einheit abhingen. Im vierten Fall wurden noch wichtigere Befriedigungen von jeder konkreten Einheit abhängig. In jedem folgenden Fall sahen wir den Wert der verbleibenden Einheiten sukzessive steigen, da wichtigere Befriedigungen von ihnen abhängig wurden.
Um zu verwickelteren (gesellschaftlichen) Verhältnissen überzugehen, nehmen wir an, ein Segelschiff habe noch 20 Tage Fahrt bis zum Erreichen des Landes, durch einen Unfall seien seine Lebensmittelvorräte fast vollständig verloren gegangen, und es bleibe einem jeden der Schiffsgenossen nur eine solche Menge irgendeiner einzigen Nahrungsmittelart, etwa Schiffszwieback, die gerade hinreicht, sein Leben für die 20 Tage zu erhalten. Dies ist ein Fall, in dem gegebene Bedürfnisse der Personen auf dem Segelschiff der Verfügung über gerade jene genaue Menge eines bestimmten Gutes gegenüberstehen, die die Befriedigung dieser Bedürfnisse gänzlich von der verfügbaren Menge des Gutes abhängig macht. Setzt man voraus, dass das Leben der Reisenden nur erhalten werden kann, wenn jeder von ihnen täglich ein halbes Pfund Zwieback verzehrt, und dass jeder Reisende 10 Pfund Zwieback tatsächlich im Besitz hat, so wird diese Nahrungsmenge für jeden Reisenden die volle Bedeutung der Erhaltung seines Lebens haben. Unter solchen Bedingungen könnte niemand, der sein eigenes Leben überhaupt schätzt, dazu bewogen werden, diese Gütermenge oder auch nur einen nennenswerten Teil davon für irgendwelche anderen Güter als Nahrungsmittel hinzugeben, selbst nicht für die wertvollsten Güter des gewöhnlichen Lebens. Böte etwa ein reicher Mann, der auf dem Schiff reist, ein Pfund Gold für das gleiche Gewicht an Zwieback, um die bei so knapper Ration unvermeidlichen Hungerqualen zu lindern, so fände er keinen seiner Schiffsgenossen bereit, auf einen solchen Handel einzugehen.
Nehmen wir sodann an, die Reisenden auf dem Schiff verfügten zusätzlich zu den bereits genannten 10 Pfund über weitere fünf Pfund Schiffszwieback je Mann. In diesem Fall hinge ihr Leben nicht mehr von der Verfügung über ein einzelnes Pfund Zwieback ab, da ein Pfund ihrer Verfügung entzogen oder von ihnen gegen andere Güter als Nahrungsmittel eingetauscht werden könnte, ohne ihr Leben zu gefährden. Wenngleich ihr Leben selbst nicht mehr von einem Pfund der Nahrung abhinge, so bildete ein Pfund davon doch einen Schutz gegen die Hungerqualen sowie ein Mittel zur Erhaltung ihrer Gesundheit, da eine so knappe Ernährung, zwanzig Tage lang fortgesetzt, wie sie die Kost aller Personen wäre, die nur zehn Pfund Zwieback zur Verfügung haben, zweifellos eine schädliche Wirkung auf ihr Wohlbefinden hätte. Unter solchen Umständen hätte zwar ein einzelnes Pfund Zwieback für sie nicht mehr die Bedeutung der Erhaltung ihres Lebens, wohl aber jene Bedeutung, die jeder der Erhaltung seiner Gesundheit und seines Wohlbefindens beimisst, soweit diese von einem einzelnen Pfund Zwieback abhängen.
Nehmen wir schließlich an, die Kombüse des Schiffes sei aller ihrer Nahrungsvorräte gänzlich entblößt; auch die Reisenden seien ohne eigene Nahrung; das Schiff sei mit einer Ladung von mehreren tausend Zentnern Zwieback befrachtet; und der Kapitän des Schiffes ermächtige in Anbetracht der unglücklichen Lage der Reisenden infolge dieses Unglücks jedermann, sich nach Belieben mit Zwieback zu ernähren. Die Reisenden werden natürlich den Zwieback nehmen, um ihren Hunger zu stillen. Doch niemand wird bezweifeln, dass ein wohlschmeckendes Stück Fleisch in einem solchen Fall für einen Reisenden, dessen gesamte Kost für zwanzig Tage andernfalls allein aus Zwieback bestünde, einen beträchtlichen Wert hätte, während ein Pfund Zwieback einen außerordentlich geringen und vielleicht gar keinen Wert hätte.
Warum hatte die Verfügung über ein Pfund Zwieback für jeden Reisenden im ersten dieser Fälle die volle Bedeutung der Erhaltung seines Lebens, im zweiten Fall noch eine sehr große Bedeutung, im dritten Fall aber keinerlei Bedeutung, oder jedenfalls nur eine überaus geringe?
Die Bedürfnisse der Reisenden blieben in allen drei Fällen die gleichen, da sich weder ihre Persönlichkeiten noch ihr Bedarf änderten. Was sich indes änderte, war die Menge an Nahrung, die diesem Bedarf in jedem Fall gegenüberstand. Demselben Nahrungsbedarf der Reisenden gegenüber standen im ersten Fall zehn Pfund Nahrung je Person, im zweiten Fall eine größere Menge und im dritten Fall eine noch größere Menge. Daher nahm von einem Fall zum nächsten die Bedeutung der Befriedigungen, die von einzelnen Einheiten der Nahrung abhingen, fortschreitend ab.
Was wir aber hier zunächst bei einem isolierten Individuum und sodann in einer kleinen, vorübergehend vom übrigen Menschengeschlecht abgesonderten Gruppe beobachten konnten, gilt in gleicher Weise für die verwickelteren Wechselbeziehungen eines Volkes und der menschlichen Gesellschaft überhaupt. Die Lage der Bewohner eines Landes nach einer Missernte, nach einer Durchschnittsernte und schließlich in einem Jahr, das auf eine reiche Ernte folgt, weist Verhältnisse auf, die ihrer Natur nach den oben beschriebenen entsprechen. Auch hier steht gewissen bestimmten Bedürfnissen gegenüber im ersten Fall eine geringere verfügbare Nahrungsmenge als im zweiten und im zweiten Fall eine geringere als im dritten. Daher schwankt auch in diesen Fällen die Bedeutung der Befriedigungen, die von einzelnen Einheiten des Gesamtvorrats abhängen, beträchtlich.
Brennt in einem Land, das gerade eine reiche Ernte hatte, ein Speicher mit 100 000 Scheffeln Weizen nieder, so wird die Wirkung des Unglücks höchstens darin bestehen, dass weniger Alkohol erzeugt wird, oder dass der ärmere Teil der Bevölkerung schlimmstenfalls etwas knapper ernährt wird, ohne Entbehrung zu leiden; ereignet sich das Unglück nach einer Durchschnittsernte, so werden viele Menschen bereits auf wichtigere Befriedigungen verzichten müssen; und fällt das Unglück mit einer Hungersnot zusammen, so werden sehr viele Menschen Hungers sterben. In jedem der drei Fälle hängen Befriedigungen sehr verschiedenen Grades der Bedeutung von jeder konkreten Einheit des den betreffenden Menschen verfügbaren Getreides ab, und aus diesem Grund schwankt der Wert einer Einheit Getreide in den drei Fällen erheblich.
Fassen wir das Gesagte zusammen, so erhalten wir als Ergebnis unserer bisherigen Untersuchung die folgenden Grundsätze:
(1) Die Bedeutung, die Güter für uns haben und die wir Wert nennen, ist lediglich eine zugeschriebene. Im Grunde haben nur Befriedigungen Bedeutung für uns, weil die Erhaltung unseres Lebens und Wohlergehens von ihnen abhängt. Doch schreiben wir diese Bedeutung folgerichtig jenen Gütern zu, von deren Verfügbarkeit wir uns für diese Befriedigungen abhängig wissen.
(2) Die Größen der Bedeutung, die verschiedene Befriedigungen konkreter Bedürfnisse (die einzelnen Befriedigungsakte, die mittels einzelner Güter verwirklicht werden können) für uns haben, sind ungleich, und ihr Maß liegt im Grad ihrer Bedeutung für die Erhaltung unseres Lebens und Wohlergehens.
(3) Die Größen der Bedeutung unserer Befriedigungen, die den Gütern zugeschrieben werden — das heißt, die Größen ihrer Werte —, sind daher gleichfalls ungleich, und ihr Maß liegt im Grad der Bedeutung, den die von den betreffenden Gütern abhängigen Befriedigungen für uns haben.
(4) In jedem einzelnen Fall hängt von der Verfügung über einen bestimmten Teil der ganzen Menge eines Gutes von allen durch die ganze verfügbare Menge gesicherten Befriedigungen nur jene ab, die für ein wirtschaftendes Individuum die geringste Bedeutung haben.
(5) Der Wert eines bestimmten Gutes oder eines bestimmten Teils der ganzen Menge eines Gutes, das einem wirtschaftenden Individuum zur Verfügung steht, ist somit für dieses gleich der Bedeutung der unwichtigsten unter den Befriedigungen, die durch die ganze verfügbare Menge gesichert und mit irgendeinem gleichen Teil erreicht werden. Denn hinsichtlich dieser unwichtigsten Befriedigungen ist das betreffende wirtschaftende Individuum von der Verfügbarkeit des bestimmten Gutes oder der bestimmten Menge eines Gutes abhängig.41
So haben wir in unserer bisherigen Untersuchung die Unterschiede im Wert der Güter auf ihre letzten Ursachen zurückgeführt und zugleich auch das letzte und ursprüngliche Maß gefunden, nach dem die Werte aller Güter von den Menschen beurteilt werden.
Wird das Gesagte richtig verstanden, so kann es keine Schwierigkeit bereiten, irgendein Problem zu lösen, das die Erklärung der Ursachen betrifft, welche die Unterschiede zwischen den Werten zweier oder mehrerer konkreter Güter oder Gütermengen bestimmen.
Fragen wir zum Beispiel, warum ein Pfund Trinkwasser unter gewöhnlichen Umständen für uns gar keinen Wert hat, während ein winziger Bruchteil eines Pfundes Gold oder Diamanten im Allgemeinen einen sehr hohen Wert aufweist, so lautet die Antwort folgendermaßen: Diamanten und Gold sind so selten, dass alle der Menschheit verfügbaren Diamanten in einer Truhe und alles Gold in einem einzigen großen Zimmer aufbewahrt werden könnten, wie eine einfache Berechnung zeigt. Trinkwasser hingegen findet sich in so großen Mengen auf der Erde, dass man sich kaum einen Behälter vorzustellen vermag, der groß genug wäre, es alles zu fassen. Demgemäß sind die Menschen nur imstande, die wichtigsten Bedürfnisse zu befriedigen, denen Gold und Diamanten zur Befriedigung dienen, während sie in der Regel in der Lage sind, ihre Bedürfnisse nach Trinkwasser nicht nur vollständig zu befriedigen, sondern überdies auch große Mengen davon ungenutzt entweichen zu lassen, da sie die ganze verfügbare Menge nicht aufzubrauchen vermögen. Unter gewöhnlichen Umständen müsste daher kein menschliches Bedürfnis unbefriedigt bleiben, wenn die Menschen über irgendeine bestimmte Menge Trinkwasser nicht verfügen könnten. Bei Gold und Diamanten hingegen haben selbst die unbedeutendsten Befriedigungen, die durch die gesamte verfügbare Menge gesichert werden, für die wirtschaftenden Menschen noch eine verhältnismäßig hohe Bedeutung. So haben konkrete Mengen Trinkwasser für wirtschaftende Menschen gewöhnlich keinen Wert, konkrete Mengen Gold und Diamanten aber einen hohen Wert.
All dies gilt nur für die gewöhnlichen Umstände des Lebens, wenn uns Trinkwasser in reichlichen Mengen und Gold und Diamanten in sehr geringen Mengen zur Verfügung stehen. In der Wüste indes, wo das Leben eines Reisenden oft von einem Trunk Wasser abhängt, lässt sich durchaus denken, dass für ein Individuum wichtigere Befriedigungen von einem Pfund Wasser abhängen als selbst von einem Pfund Gold. In einem solchen Fall wäre demzufolge der Wert eines Pfundes Wasser für das betreffende Individuum größer als der Wert eines Pfundes Gold. Und die Erfahrung lehrt uns, dass sich ein solches oder ein ähnliches Verhältnis tatsächlich dort entwickelt, wo die wirtschaftliche Lage so beschaffen ist, wie ich sie soeben beschrieben habe.
C. Der Einfluss von Unterschieden in der Beschaffenheit der Güter auf ihren Wert.
Menschliche Bedürfnisse können oft durch Güter verschiedener Gattungen und noch häufiger durch Güter befriedigt werden, die sich nicht der Gattung, sondern der Art nach unterscheiden. Wo wir es einerseits mit gegebenen Komplexen menschlicher Bedürfnisse und andererseits mit den zu ihrer Befriedigung verfügbaren Gütermengen zu tun haben (S. 129), stehen den Bedürfnissen daher nicht immer Mengen gleichartiger Güter gegenüber, sondern oft Güter verschiedener Gattungen und noch häufiger Güter verschiedener Arten.
Der größeren Einfachheit der Darstellung wegen habe ich bisher die Betrachtung der Unterschiede zwischen den Gütern beiseitegelassen und in den vorangegangenen Abschnitten nur Fälle betrachtet, in denen Mengen völlig gleichartiger Güter Bedürfnissen einer bestimmten Gattung gegenüberstehen (wobei ich besonders die Art und Weise hervorhob, in der ihre Bedeutung gemäß dem Grad der Vollständigkeit der bereits erreichten Befriedigung abnimmt). Auf diese Weise konnte ich den Einfluss, den Unterschiede in den verfügbaren Mengen auf den Wert der Güter ausüben, stärker hervortreten lassen.
Die Fälle, die nun noch zu betrachten bleiben, sind jene, in denen gegebene menschliche Bedürfnisse durch Güter verschiedener Gattungen oder Arten befriedigt werden können und in denen daher gegebenem menschlichen Bedarf verfügbare Gütermengen gegenüberstehen, deren einzelne Teile qualitativ verschieden sind.
In diesem Zusammenhang ist zunächst zu bemerken, dass Unterschiede zwischen Gütern, ob es sich um Unterschiede der Gattung oder der Art handelt, den Wert der verschiedenen Einheiten eines gegebenen Vorrats nicht beeinflussen können, wenn die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse durch diese Unterschiede in keiner Weise berührt wird. Güter, die menschliche Bedürfnisse auf gleiche Weise befriedigen, werden eben deshalb vom wirtschaftlichen Standpunkt aus als völlig gleichartig angesehen, mögen sie auch nach ihrem äußeren Erscheinungsbild verschiedenen Gattungen oder Arten angehören.
Sollen die Unterschiede der Gattung oder der Art zwischen zwei Gütern für Unterschiede in ihrem Wert verantwortlich sein, so ist es notwendig, dass sie auch verschiedene Fähigkeiten besitzen, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen. Mit anderen Worten: Es ist notwendig, dass sie das aufweisen, was wir vom wirtschaftlichen Standpunkt aus Unterschiede in der Qualität nennen. Eine Untersuchung des Einflusses, den Unterschiede in der Qualität auf den Wert bestimmter Güter ausüben, ist daher der Gegenstand der folgenden Untersuchung.
Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus können die qualitativen Unterschiede zwischen Gütern zweierlei Art sein. Menschliche Bedürfnisse können durch gleiche Mengen qualitativ verschiedener Güter entweder auf quantitativ oder auf qualitativ verschiedene Weise befriedigt werden. Mit einer gegebenen Menge Buchenholz etwa kann das menschliche Bedürfnis nach Wärme auf quantitativ intensivere Weise befriedigt werden als mit derselben Menge Tannenholz. Doch zwei gleiche Mengen Nahrungsmittel von gleichem Nährwert mögen das Nahrungsbedürfnis auf qualitativ verschiedene Weise befriedigen, da der Verzehr der einen Speise zum Beispiel Genuss verschaffen mag, während die andere entweder keinen oder nur einen geringeren Genuss gewährt. Bei Gütern der ersten Kategorie kann die geringere Qualität durch eine größere Menge vollständig ausgeglichen werden, bei Gütern der zweiten Kategorie aber ist dies nicht möglich. Tanne, Erle oder Kiefer können Buchenholz zu Heizzwecken ersetzen, und wenn Kohle von geringerem Kohlenstoffgehalt, Eichenrinde von geringerem Gerbstoffgehalt und die gewöhnlichen Arbeitsleistungen säumiger oder weniger leistungsfähiger Tagelöhner den wirtschaftenden Menschen nur in hinreichend großen Mengen zur Verfügung stehen, so können sie die höher qualifizierten Güter im Allgemeinen vollkommen ersetzen. Doch selbst wenn unschmackhafte Speisen oder Getränke, dunkle und feuchte Räume, die Dienste mittelmäßiger Ärzte usw. in den größten Mengen verfügbar sind, können sie unsere Bedürfnisse qualitativ niemals so gut befriedigen wie die entsprechenden höher qualifizierten Güter.
Wenn wirtschaftende Individuen den Wert eines Gutes abschätzen, geht es, wie wir gesehen haben, einzig darum, die Bedeutung der Befriedigung jener Bedürfnisse zu veranschlagen, hinsichtlich deren sie auf die Verfügung über das Gut angewiesen sind (S. 122). Die Menge eines Gutes, die eine bestimmte Befriedigung herbeiführt, ist hingegen nur ein sekundärer Faktor der Wertschätzung. Denn wenn kleinere Mengen eines höher qualifizierten Gutes ein menschliches Bedürfnis auf die gleiche (das heißt auf eine quantitativ und qualitativ identische) Weise befriedigen wie größere Mengen eines geringer qualifizierten Gutes, so ist offenkundig, dass die kleineren Mengen des höher qualifizierten Gutes den wirtschaftenden Menschen denselben Wert haben werden wie die größeren Mengen des geringer qualifizierten Gutes. So werden gleiche Mengen von Gütern, die Qualitätsunterschiede der ersten Art aufweisen, Werte zeigen, die in dem angegebenen Verhältnis ungleich sind. Wenn wir zum Beispiel bei der Bestimmung des Wertes von Eichenrinde ausschließlich ihren Gerbstoffgehalt berücksichtigen und sieben Zentner einer Sorte dieselbe Wirksamkeit haben wie acht Zentner einer anderen Sorte, so wird sie auch denselben Wert wie die letztere Menge für die Handwerker haben, welche die Rinde verwenden. Diese Güter bloß auf Mengen gleicher wirtschaftlicher Wirksamkeit zurückzuführen (ein Verfahren, das in der wirtschaftlichen Tätigkeit der Menschen in allen solchen Fällen tatsächlich angewandt wird) beseitigt somit die Schwierigkeit bei der Bestimmung des Wertes gegebener Mengen verschiedener Qualitäten vollständig (soweit ihre Wirksamkeit lediglich quantitativ verschieden ist). Auf diese Weise wird der hier betrachtete kompliziertere Fall auf das früher erläuterte einfache Verhältnis zurückgeführt (S. 123 ff.).
Die Frage nach dem Einfluss verschiedener Qualitäten auf die Werte einzelner Güter ist verwickelter, wenn die qualitativen Unterschiede zwischen den Gütern bewirken, dass Bedürfnisse auf qualitativ verschiedene Weise befriedigt werden. Es kann nach dem, was über das allgemeine Prinzip der Wertbestimmung gesagt wurde (S. 122), kein Zweifel daran bestehen, dass es auch in diesem Fall die Bedeutung jener Bedürfnisse ist, die unbefriedigt blieben, wenn wir nicht über ein bestimmtes Gut nicht nur der allgemeinen Gattung, sondern auch der diesen Bedürfnissen entsprechenden besonderen Qualität verfügten, welche den Faktor bildet, der seinen Wert bestimmt. Die Schwierigkeit, die ich hier erörtere, liegt daher nicht darin, dass das allgemeine Prinzip der Wertbestimmung auf diese Güter unanwendbar wäre, sondern vielmehr in der Bestimmung jener besonderen Befriedigung, die von einem bestimmten konkreten Gut abhängt, wenn eine ganze Gruppe von Bedürfnissen Gütern gegenübersteht, deren verschiedene Einheiten imstande sind, diese Bedürfnisse auf qualitativ verschiedene Weise zu befriedigen. Mit anderen Worten, sie liegt in der praktischen Anwendung des allgemeinen Prinzips der Wertbestimmung auf die wirtschaftliche Tätigkeit des Menschen. Die Lösung dieses Problems ergibt sich aus den folgenden Überlegungen.
Wirtschaftende Individuen verwenden die ihnen verfügbaren Mengen von Gütern nicht ohne Rücksicht auf Qualitätsunterschiede, sofern solche bestehen. Ein Landwirt, der Getreide verschiedener Sorten zu seiner Verfügung hat, verwendet zum Beispiel nicht die schlechteste Sorte zur Aussaat, das Getreide mittlerer Qualität als Viehfutter und das beste für Nahrung und die Herstellung von Getränken. Auch verwendet er die Körner verschiedener Sorten nicht wahllos für den einen oder anderen Zweck. Vielmehr verwendet er im Hinblick auf seinen Bedarf die beste Sorte zur Aussaat, die beste, die übrig bleibt, für Nahrung und Getränke und das Getreide schlechtester Qualität zur Mästung des Viehs.
Bei Gütern, deren Einheiten gleichartig sind, steht die gesamte verfügbare Menge eines Gutes der ganzen Reihe konkreter Bedürfnisse gegenüber, die durch sie befriedigt werden können. In Fällen aber, in denen die verschiedenen Einheiten eines Gutes menschliche Bedürfnisse auf qualitativ verschiedene Weise befriedigen, steht die gesamte verfügbare Menge eines Gutes nicht länger der ganzen Reihe der Bedürfnisse gegenüber; vielmehr steht jede verfügbare Menge bestimmter Qualität entsprechenden bestimmten Bedürfnissen der wirtschaftenden Individuen gegenüber.
Wenn ein Gut einer bestimmten Qualität hinsichtlich eines gegebenen Verbrauchszwecks durch Güter irgendeiner anderen Qualität überhaupt nicht ersetzt werden kann, so findet das früher dargelegte Prinzip der Wertbestimmung (S. 132) auf einzelne Mengen jenes Gutes voll und unmittelbar Anwendung. Somit ist der Wert jeder einzelnen Einheit eines solchen Gutes gleich der Bedeutung der unwichtigsten Befriedigung, für die durch die gesamte verfügbare Menge eben dieser Qualität des Gutes gesorgt wird, da wir gerade hinsichtlich dieser Befriedigung tatsächlich auf die Verfügung über die einzelne Einheit dieser Qualität angewiesen sind.
Aber menschliche Bedürfnisse können durch Güter verschiedener Qualifikation befriedigt werden, wenngleich auf qualitativ verschiedene Weise. Wenn Güter einer Qualität durch Güter einer anderen Qualität ersetzt werden können, allerdings nicht mit der gleichen Wirksamkeit, so ist der Wert einer Einheit der Güter höherer Qualität gleich der Bedeutung der unwichtigsten Befriedigung, für die durch die Güter höherer Qualität gesorgt wird, abzüglich einer Wertquote42, die umso größer ist: (1) je geringer der Wert der Güter geringerer Qualität ist, durch die das betreffende besondere Bedürfnis ebenfalls befriedigt werden kann, und (2) je geringer für die Menschen der Unterschied ist zwischen der Bedeutung der Befriedigung des betreffenden besonderen Bedürfnisses mit dem überlegenen Gut und der Bedeutung seiner Befriedigung mit dem unterlegenen.
So gelangen wir zu dem Ergebnis, dass selbst in Fällen, in denen ein Komplex von Bedürfnissen einer Menge von Gütern verschiedener Qualitäten gegenübersteht, Befriedigungen gegebener Intensität stets von jeder Teilmenge oder von jeder konkreten Einheit dieser Güter abhängen. Daher behält in allen erörterten Fällen das Prinzip der Wertbestimmung, das ich oben formuliert habe, seine volle Anwendbarkeit.
D. Der subjektive Charakter des Maßes des Wertes. Arbeit und Wert. Irrtum.
Als ich das Wesen des Wertes erörterte, bemerkte ich, dass der Wert nichts den Gütern Innewohnendes ist und dass er keine Eigenschaft der Güter ist. Aber der Wert ist auch kein selbständiges Ding. Es gibt keinen Grund, warum ein Gut für das eine wirtschaftende Individuum nicht Wert haben könnte, für ein anderes Individuum unter verschiedenen Umständen jedoch keinen Wert. Das Maß des Wertes ist seiner Natur nach gänzlich subjektiv, und aus diesem Grunde kann ein Gut für das eine wirtschaftende Individuum großen Wert, für ein anderes geringen Wert und für ein drittes überhaupt keinen Wert haben, je nach den Unterschieden in ihrem Bedarf und ihren verfügbaren Mengen. Was die eine Person verschmäht oder gering schätzt, wird von einer anderen geschätzt, und was die eine Person aufgibt, wird oft von einer anderen aufgehoben. Während das eine wirtschaftende Individuum eine gegebene Menge des einen Gutes und eine größere Menge eines anderen Gutes gleich hoch schätzt, beobachten wir bei einem anderen wirtschaftenden Individuum häufig gerade die entgegengesetzten Bewertungen.
Somit ist nicht nur das Wesen, sondern auch das Maß des Wertes subjektiv. Güter haben stets für bestimmte wirtschaftende Individuen Wert, und dieser Wert wird auch nur durch diese Individuen bestimmt.
Der Wert, den ein wirtschaftendes Individuum einem Gut beimisst, ist gleich der Bedeutung der besonderen Befriedigung, die von seiner Verfügung über das Gut abhängt. Es besteht kein notwendiger und unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Wert eines Gutes und der Frage, ob oder in welchen Mengen Arbeit und andere Güter höherer Ordnung auf seine Herstellung verwendet wurden. Ein nichtwirtschaftliches Gut (etwa eine Menge Holz in einem Urwald) erlangt für die Menschen keinen Wert, wenn große Mengen Arbeit oder anderer wirtschaftlicher Güter auf seine Hervorbringung verwendet wurden. Ob ein Diamant zufällig gefunden oder unter Aufwendung von tausend Arbeitstagen aus einer Diamantengrube gewonnen wurde, ist für seinen Wert völlig gleichgültig. Im Allgemeinen fragt im praktischen Leben niemand nach der Entstehungsgeschichte eines Gutes, wenn er dessen Wert abschätzt, sondern berücksichtigt allein die Dienste, die das Gut ihm leisten wird und auf die er verzichten müsste, wenn er nicht darüber verfügte. Güter, auf die viel Arbeit verwendet wurde, haben oft keinen Wert, während andere, auf die wenig oder gar keine Arbeit verwendet wurde, einen sehr hohen Wert haben. Güter, auf die viel Arbeit verwendet wurde, und andere, auf die wenig oder gar keine Arbeit verwendet wurde, sind für die wirtschaftenden Menschen oft von gleichem Wert. Die Mengen an Arbeit oder an anderen Produktionsmitteln, die auf seine Herstellung verwendet wurden, können daher nicht der bestimmende Faktor für den Wert eines Gutes sein. Der Vergleich des Wertes eines Gutes mit dem Wert der bei seiner Herstellung eingesetzten Produktionsmittel zeigt freilich, ob und in welchem Maße seine Herstellung, ein Akt vergangener menschlicher Tätigkeit, zweckmäßig oder wirtschaftlich war. Aber die bei der Herstellung eines Gutes eingesetzten Gütermengen haben weder einen notwendigen noch einen unmittelbar bestimmenden Einfluss auf seinen Wert.
Ebenso unhaltbar ist die Ansicht, dass der bestimmende Faktor für den Wert der Güter die Menge an Arbeit oder anderen Produktionsmitteln sei, die für ihre Reproduktion notwendig ist. Eine große Anzahl von Gütern kann nicht reproduziert werden (etwa Antiquitäten und Gemälde alter Meister), und so können wir in einer Reihe von Fällen Wert beobachten, aber keine Möglichkeit der Reproduktion. Aus diesem Grunde kann kein mit der Reproduktion zusammenhängender Faktor das bestimmende Prinzip des Wertes im Allgemeinen sein. Die Erfahrung zeigt überdies, dass der Wert der für die Reproduktion vieler Güter notwendigen Produktionsmittel (etwa altmodischer Kleider und veralteter Maschinen) zuweilen beträchtlich höher und zuweilen niedriger ist als der Wert der Produkte selbst.
Der bestimmende Faktor für den Wert eines Gutes ist also weder die für seine Herstellung notwendige Menge an Arbeit oder anderen Gütern noch die für seine Reproduktion notwendige Menge, sondern vielmehr die Größe der Bedeutung jener Befriedigungen, hinsichtlich deren wir uns bewusst sind, von der Verfügung über das Gut abhängig zu sein. Dieses Prinzip der Wertbestimmung ist allgemein gültig, und keine Ausnahme von ihm lässt sich in der menschlichen Wirtschaft finden.
Die Bedeutung einer Befriedigung für uns ist nicht das Ergebnis einer willkürlichen Entscheidung, sondern bemisst sich vielmehr nach der Bedeutung, die nicht willkürlich ist und die die Befriedigung für unser Leben oder für unser Wohlergehen hat. Die relativen Grade der Bedeutung verschiedener Befriedigungen und aufeinanderfolgender Befriedigungsakte sind gleichwohl Sache des Urteils der wirtschaftenden Menschen, und aus diesem Grunde ist ihre Kenntnis dieser Bedeutungsgrade in manchen Fällen dem Irrtum unterworfen.
Wir sahen früher, dass die Befriedigungen, von denen ihr Leben abhängt, für die Menschen die höchste Bedeutung haben, dass die ihnen an Bedeutung zunächst folgenden Befriedigungen jene sind, von denen ihr Wohlergehen abhängt, und dass Befriedigungen, von denen ein höherer Grad des Wohlergehens abhängt (bei gleicher Intensität eine länger andauernde Befriedigung und bei gleicher Dauer eine intensivere), für die Menschen eine höhere Bedeutung haben als jene, von denen ein geringerer Grad ihres Wohlergehens abhängt.
Aber das Gesagte schließt keineswegs die Möglichkeit aus, dass törichte Menschen infolge ihrer mangelhaften Kenntnis zuweilen die Bedeutung verschiedener Befriedigungen in einer Weise einschätzen, die ihrer wirklichen Bedeutung zuwiderläuft. Selbst Individuen, deren wirtschaftliche Tätigkeit rational geführt wird und die daher gewiss bestrebt sind, die wahre Bedeutung der Befriedigungen zu erkennen, um eine genaue Grundlage für ihre wirtschaftliche Tätigkeit zu gewinnen, sind dem Irrtum unterworfen. Der Irrtum ist von allem menschlichen Wissen untrennbar.
Die Menschen sind besonders anfällig dafür, sich dazu verleiten zu lassen, die Bedeutung von Befriedigungen zu überschätzen, die ein intensives augenblickliches Vergnügen bereiten, aber nur flüchtig zu ihrem Wohlergehen beitragen, und so die Bedeutung von Befriedigungen zu unterschätzen, von denen ein weniger intensives, aber länger andauerndes Wohlergehen abhängt. Mit anderen Worten, die Menschen schätzen vergängliche, intensive Genüsse oft höher als ihr dauerhaftes Wohl und zuweilen sogar höher als ihr Leben.
Wenn die Menschen sich somit bereits oft hinsichtlich ihrer Kenntnis des subjektiven Faktors der Wertbestimmung im Irrtum befinden, wenn es lediglich um die Abschätzung ihrer eigenen Gemütszustände geht, so irren sie noch eher, wenn es um ihre Wahrnehmung des objektiven Faktors der Wertbestimmung geht, besonders wenn es um ihre Kenntnis der Größen der ihnen verfügbaren Mengen und der verschiedenen Qualitäten der Güter geht.
Schon aus diesen Gründen ist es klar, warum die Bestimmung des Wertes einzelner Güter im Wirtschaftsleben mit mannigfaltigen Irrtümern behaftet ist. Aber neben den Wertschwankungen, die aus Veränderungen der menschlichen Bedürfnisse, aus Veränderungen der den Menschen verfügbaren Gütermengen und aus Veränderungen der physischen Eigenschaften der Güter entstehen, können wir auch Schwankungen der Werte der Güter beobachten, die einfach durch Veränderungen der Kenntnis verursacht werden, welche die Menschen von der Bedeutung der Güter für ihr Leben und Wohl haben.
3. Die Gesetze, welche den Wert der Güter höherer Ordnung beherrschen
A. Das Prinzip, das den Wert der Güter höherer Ordnung bestimmt.
Zu den krassesten der grundlegenden Irrtümer, die in der bisherigen Entwicklung unserer Wissenschaft die weitreichendsten Folgen gehabt haben, gehört das Argument, dass Güter für uns Wert erlangen, weil bei ihrer Herstellung Güter verwendet wurden, die für uns Wert hatten. Später, wenn ich zur Erörterung der Preise der Güter höherer Ordnung komme, werde ich die besonderen Ursachen aufzeigen, die für diesen Irrtum verantwortlich waren und dafür, dass er zur Grundlage der anerkannten Preistheorie wurde (in einer Form freilich, die mit allerlei besonderen Vorbehalten umgeben war). Hier möchte ich vor allem festhalten, dass dieses Argument so streng aller Erfahrung widerspricht (S. 146), dass es selbst dann zurückgewiesen werden müsste, wenn es eine formal richtige Lösung des Problems lieferte, ein Prinzip aufzustellen, das den Wert der Güter erklärt.
Aber selbst dieser letzte Zweck kann durch das fragliche Argument nicht erreicht werden, da es eine Erklärung nur für den Wert der Güter bietet, die wir als „Produkte" bezeichnen dürfen, nicht aber für den Wert aller anderen Güter, die als ursprüngliche Produktionsfaktoren auftreten. Es erklärt nicht den Wert der unmittelbar von der Natur bereitgestellten Güter, besonders der Dienste des Bodens. Es erklärt nicht den Wert der Arbeitsdienste. Auch erklärt es nicht einmal, wie wir später sehen werden, den Wert der Dienste des Kapitals. Denn der Wert all dieser Güter kann nicht durch das Argument erklärt werden, dass die Güter ihren Wert vom Wert der bei ihrer Herstellung aufgewendeten Güter ableiten. In der Tat macht es ihren Wert völlig unbegreiflich.
Dieses Argument liefert daher dem Problem, eine allgemein gültige Erklärung des Wertes der Güter zu finden, weder eine formal richtige Lösung noch eine, die mit den Tatsachen der Wirklichkeit übereinstimmt. Einerseits steht es im Widerspruch zur Erfahrung; und andererseits ist es offenkundig überall dort unanwendbar, wo wir es mit Gütern zu tun haben, die nicht das Produkt der Verbindung von Gütern höherer Ordnung sind. Der Wert der Güter niederer Ordnung kann daher nicht durch den Wert der Güter höherer Ordnung bestimmt werden, die bei ihrer Herstellung verwendet wurden. Im Gegenteil ist es offenkundig, dass der Wert der Güter höherer Ordnung stets und ausnahmslos durch den voraussichtlichen Wert der Güter niederer Ordnung bestimmt wird, zu deren Herstellung sie dienen.43 Das Bestehen unseres Bedarfs an Gütern höherer Ordnung ist davon abhängig, dass die Güter, zu deren Herstellung sie dienen, voraussichtlich wirtschaftlichen Charakter (S. 107) und somit voraussichtlich Wert haben. Bei der Sicherung unseres Bedarfs für die Befriedigung unserer Bedürfnisse benötigen wir nicht die Verfügung über Güter, die zur Herstellung von Gütern niederer Ordnung geeignet sind, welche keinen voraussichtlichen Wert haben (da wir keinen Bedarf an ihnen haben). Wir haben daher das Prinzip, dass der Wert der Güter höherer Ordnung von dem voraussichtlichen Wert der Güter niederer Ordnung abhängig ist, zu deren Herstellung sie dienen. Daher können Güter höherer Ordnung nur dann Wert erlangen oder ihn, wenn sie ihn einmal haben, behalten, wenn oder solange sie zur Herstellung von Gütern dienen, von denen wir erwarten, dass sie für uns Wert haben. Wenn diese Tatsache feststeht, ist auch klar, dass der Wert der Güter höherer Ordnung nicht der bestimmende Faktor für den voraussichtlichen Wert der entsprechenden Güter niederer Ordnung sein kann. Auch kann der Wert der bei der Herstellung eines Gutes niederer Ordnung bereits aufgewendeten Güter höherer Ordnung nicht der bestimmende Faktor für seinen gegenwärtigen Wert sein. Im Gegenteil wird der Wert der Güter höherer Ordnung in allen Fällen durch den voraussichtlichen Wert der Güter niederer Ordnung geregelt, deren Herstellung sie von den wirtschaftenden Menschen zugewiesen worden sind oder zugewiesen werden.
Der voraussichtliche Wert der Güter niederer Ordnung ist oft — und dies muss sorgfältig beachtet werden — sehr verschieden von dem Wert, den ähnliche Güter in der Gegenwart haben. Aus diesem Grunde wird der Wert der Güter höherer Ordnung, mit deren Hilfe wir zu einem künftigen Zeitpunkt über Güter niederer Ordnung verfügen werden (S. 67 ff.), keineswegs durch den gegenwärtigen Wert ähnlicher Güter niederer Ordnung gemessen, sondern vielmehr durch den voraussichtlichen Wert der Güter niederer Ordnung, zu deren Herstellung sie dienen.
Nehmen wir zum Beispiel an, dass wir den Salpeter, Schwefel, die Holzkohle, die spezialisierten Arbeitsdienste, Geräte usw. besitzen, die zur Herstellung einer bestimmten Menge Schießpulver notwendig sind, und dass wir somit mit Hilfe dieser Güter in drei Monaten über diese Menge Schießpulver verfügen werden. Es ist klar, dass der Wert, den dieses Schießpulver in drei Monaten voraussichtlich für uns haben wird, nicht notwendigerweise gleich dem Wert einer identischen Menge Schießpulver zum gegenwärtigen Zeitpunkt sein muss, sondern größer oder geringer sein kann. Daher wird auch die Größe des Wertes der obigen Güter höherer Ordnung nicht durch den gegenwärtigen Wert des Schießpulvers gemessen, sondern durch den voraussichtlichen Wert ihres Produkts am Ende der Produktionsperiode. Es lassen sich sogar Fälle denken, in denen ein Gut niederer oder erster Ordnung gegenwärtig völlig wertlos ist (etwa Eis im Winter), während gleichzeitig verfügbare entsprechende Güter höherer Ordnung, die Mengen des Gutes niederer Ordnung für eine künftige Zeitperiode sichern (etwa alle zur Herstellung künstlichen Eises notwendigen Materialien und Geräte), hinsichtlich dieser künftigen Zeitperiode Wert haben, und umgekehrt.
Daher besteht kein notwendiger Zusammenhang zwischen dem Wert der Güter niederer oder erster Ordnung in der Gegenwart und dem Wert der gegenwärtig verfügbaren Güter höherer Ordnung, die zur Herstellung solcher Güter dienen. Im Gegenteil ist es offenkundig, dass die ersteren ihren Wert aus dem Verhältnis zwischen Bedarf und verfügbaren Mengen in der Gegenwart ableiten, während die letzteren ihren Wert aus dem voraussichtlichen Verhältnis zwischen dem Bedarf und den Mengen ableiten, die zu den künftigen Zeitpunkten verfügbar sein werden, an denen die mit Hilfe der Güter höherer Ordnung geschaffenen Produkte verfügbar werden. Wenn der voraussichtliche künftige Wert eines Gutes niederer Ordnung steigt, während die übrigen Umstände gleich bleiben, so steigt auch der Wert der Güter höherer Ordnung, deren Besitz uns die künftige Verfügung über das Gut niederer Ordnung sichert. Aber das Steigen oder Fallen des Wertes eines gegenwärtig verfügbaren Gutes niederer Ordnung hat keinen notwendigen ursächlichen Zusammenhang mit dem Steigen oder Fallen des Wertes der gegenwärtig verfügbaren entsprechenden Güter höherer Ordnung.
Daher ist das Prinzip, dass der Wert der Güter höherer Ordnung nicht durch den Wert der entsprechenden Güter niederer Ordnung der Gegenwart, sondern vielmehr durch den voraussichtlichen Wert des Produkts beherrscht wird, das allgemein gültige Prinzip der Bestimmung des Wertes der Güter höherer Ordnung.¹⁴
Nur die Befriedigung unserer Bedürfnisse hat für uns unmittelbare und direkte Bedeutung. In jedem konkreten Fall bemisst sich diese Bedeutung nach der Wichtigkeit der verschiedenen Befriedigungen für unser Leben und unsere Wohlfahrt. Sodann schreiben wir die genaue quantitative Grösse dieser Wichtigkeit denjenigen bestimmten Gütern zu, von denen wir uns für die fraglichen Befriedigungen unmittelbar abhängig wissen, das heisst, wir schreiben sie den wirtschaftlichen Gütern erster Ordnung zu, wie in den Grundsätzen des vorigen Abschnitts dargelegt. In den Fällen, in denen unser Bedarf nicht oder nur unvollständig durch Güter erster Ordnung gedeckt wird und in denen Güter erster Ordnung daher für uns Wert erlangen, wenden wir uns in unserem Bestreben, unsere Bedürfnisse möglichst vollständig zu befriedigen, den entsprechenden Gütern der nächsthöheren Ordnung zu und schreiben den Wert, den wir den Gütern erster Ordnung beimassen, der Reihe nach den Gütern zweiter, dritter und noch höherer Ordnung zu, sofern diese Güter höherer Ordnung wirtschaftlichen Charakter haben. Der Wert der Güter höherer Ordnung ist daher in letzter Analyse nichts anderes als eine besondere Form der Bedeutung, die wir unserem Leben und unserer Wohlfahrt beimessen. So ist, wie bei den Gütern erster Ordnung, der Faktor, der letztlich für den Wert der Güter höherer Ordnung verantwortlich ist, lediglich die Bedeutung, die wir denjenigen Befriedigungen beimessen, hinsichtlich derer wir uns von der Verfügbarkeit der Güter höherer Ordnung, deren Wert betrachtet wird, abhängig wissen. Aber infolge der ursächlichen Zusammenhänge zwischen den Gütern wird der Wert der Güter höherer Ordnung nicht unmittelbar an der erwarteten Wichtigkeit der endgültigen Befriedigung gemessen, sondern vielmehr am erwarteten Wert der entsprechenden Güter niederer Ordnung.
mag wegen der Kürze und eigentümlichen Form der vorliegenden Stelle vielleicht hilfreich sein.
Nehmen wir an, dass die unwichtigste Befriedigung, die eine Einheit des überlegenen Gutes in der Verwendung A erbringt, eine Wichtigkeit von 5 hat, dass die unwichtigste Befriedigung, die eine Einheit des unterlegenen Gutes in der Verwendung B erbringt, eine Wichtigkeit von 2 hat, und dass eine Einheit des unterlegenen Gutes eine Befriedigung mit einer Wichtigkeit von 3 erbringen würde, wenn sie eine Einheit des überlegenen Gutes in der Verwendung A ersetzen sollte. Menger behauptet, dass der Gebrauchswert einer Einheit eines überlegenen Gutes, das durch ein unterlegenes Gut ersetzt werden kann, nicht der Wichtigkeit der unwichtigsten Befriedigung gleich ist, die eine Einheit des überlegenen Gutes tatsächlich erbringt, sondern der Wichtigkeit der Befriedigungen, die von der fortgesetzten Verfügung über diese Einheit abhängen. Wenn im vorliegenden Fall die Verfügung über eine Einheit des überlegenen Gutes verloren geht und eine Einheit des unterlegenen Gutes von der Verwendung B in die Verwendung A verschoben wird, um an ihre Stelle zu treten, sind die für den Verbraucher verlorenen Befriedigungen: (1) eine Befriedigung in der Verwendung B mit einer Wichtigkeit von 2, die verloren geht, weil eine Einheit weniger des unterlegenen Gutes in der Verwendung B eingesetzt wird, und (2) eine Befriedigung in der Verwendung A mit einer Wichtigkeit von 2 (der Unterschied zwischen den 5 Einheiten, die verloren gehen, weil eine Einheit weniger des überlegenen Gutes in der Verwendung A eingesetzt wird, und den 3 Einheiten, die durch den Einsatz einer Einheit des unterlegenen Gutes an seiner Stelle gewonnen werden). Der Gebrauchswert einer Einheit des überlegenen Gutes beträgt daher 4, die Summe dieser beiden Posten. Die von Menger im Text erwähnte „Wertquote" ist der Unterschied zwischen der unwichtigsten Befriedigung, die das überlegene Gut in der Verwendung A erbringen würde, und seinem auf diese Weise berechneten Gebrauchswert. Die „Wertquote" in diesem Beispiel ist somit 5 minus 4, also 1. — TR.
B. Die Produktivität des Kapitals.
Die Verwandlung von Gütern höherer Ordnung in Güter niederer Ordnung vollzieht sich, wie jeder andere Veränderungsvorgang, in der Zeit. Die Zeitpunkte, zu denen die Menschen aus den Gütern höherer Ordnung in ihrem gegenwärtigen Besitz die Verfügung über Güter erster Ordnung erlangen werden, sind umso ferner, je höher die Ordnung dieser Güter ist. Wenngleich es zutrifft, wie wir bereits gesehen haben (S. 71 ff.), dass die ausgedehntere Verwendung von Gütern höherer Ordnung für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse eine stetige Erweiterung der verfügbaren Mengen an Konsumgütern bewirkt, ist diese Erweiterung nur möglich, wenn die vorsorgliche Tätigkeit der Menschen auf immer fernere Zeiträume ausgedehnt wird. Ein primitiver Indianer ist unablässig mit der Aufgabe beschäftigt, seinen Bedarf jeweils für wenige Tage zu decken. Ein Nomade, der die Haustiere, über die er verfügt, nicht verzehrt, sondern beschliesst, sie ihrer Jungen wegen zu züchten, erzeugt bereits Güter, die ihm erst nach einigen Monaten verfügbar werden. Bei zivilisierten Völkern aber ist ein beträchtlicher Teil der Mitglieder der Gesellschaft mit der Erzeugung von Gütern beschäftigt, die erst nach Jahren und oft erst nach Jahrzehnten zur unmittelbaren Befriedigung menschlicher Bedürfnisse beitragen werden.
Indem die wirtschaftenden Menschen also ihre sammelnde Wirtschaft aufgeben und Fortschritte in der Verwendung von Gütern höherer Ordnung für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse machen, können sie die ihnen verfügbaren Konsumgüter ganz gewiss entsprechend vermehren — aber nur unter der Bedingung, dass sie die Zeiträume, über die sich ihre vorsorgliche Tätigkeit erstrecken soll, in demselben Masse verlängern, in dem sie zu Gütern höherer Ordnung fortschreiten.
In diesem Umstand liegt eine wichtige Schranke des wirtschaftlichen Fortschritts. Die ängstlichste Sorge der Menschen ist stets darauf gerichtet, sich die Konsumgüter zu sichern, die zur Erhaltung ihres Lebens und ihrer Wohlfahrt in der Gegenwart oder in der unmittelbaren Zukunft notwendig sind, doch ihre Besorgnis nimmt ab, je länger der Zeitraum wird, über den sie sich erstreckt. Diese Erscheinung ist nicht zufällig, sondern tief in der menschlichen Natur verwurzelt. Soweit die Erhaltung unseres Lebens von der Befriedigung unserer Bedürfnisse abhängt, muss die Gewährleistung der Befriedigung früherer Bedürfnisse notwendigerweise der Beachtung späterer vorausgehen. Und selbst wo nicht unser Leben, sondern bloss unsere fortdauernde Wohlfahrt (vor allem unsere Gesundheit) von der Verfügung über eine Gütermenge abhängt, ist die Erlangung der Wohlfahrt in einem näheren Zeitraum in der Regel eine Voraussetzung der Wohlfahrt in einem späteren Zeitraum. Die Verfügung über die Mittel zur Erhaltung unserer Wohlfahrt zu einem entfernten Zeitpunkt nützt uns wenig, wenn Armut und Not unsere Gesundheit bereits untergraben oder unsere Entwicklung in einem früheren Zeitraum gehemmt haben. Ähnliche Erwägungen sind selbst bei Befriedigungen im Spiel, die bloss die Bedeutung von Genüssen haben. Alle Erfahrung lehrt, dass ein gegenwärtiger Genuss oder einer in naher Zukunft den Menschen gewöhnlich wichtiger erscheint als einer von gleicher Stärke zu einem ferneren Zeitpunkt in der Zukunft.
Das menschliche Leben ist ein Prozess, in dem der Verlauf der künftigen Entwicklung stets von der vorangegangenen Entwicklung beeinflusst wird. Es ist ein Prozess, der, einmal unterbrochen, nicht fortgesetzt werden kann, und der, einmal ernstlich zerrüttet, nicht mehr vollständig wiederhergestellt werden kann. Eine notwendige Voraussetzung unserer Vorsorge für die Erhaltung unseres Lebens und für unsere Entwicklung in künftigen Zeiträumen ist eine Sorge um die vorangehenden Zeiträume unseres Lebens. Sieht man von den Unregelmässigkeiten der wirtschaftlichen Tätigkeit ab, so können wir schliessen, dass die wirtschaftenden Menschen im Allgemeinen bestrebt sind, zuerst die Befriedigung der Bedürfnisse der unmittelbaren Zukunft sicherzustellen, und dass sie erst, nachdem dies geschehen ist, versuchen, die Befriedigung der Bedürfnisse entfernterer Zeiträume zu sichern, entsprechend ihrer zeitlichen Ferne.
Der Umstand, der den Bemühungen der wirtschaftenden Menschen, in der Verwendung von Gütern höherer Ordnung fortzuschreiten, eine Schranke setzt, ist somit die Notwendigkeit, mit den ihnen gegenwärtig verfügbaren Gütern zuerst für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse in der unmittelbaren Zukunft Vorsorge zu treffen; denn nur wenn dies geschehen ist, können sie für entferntere Zeiträume Vorsorge treffen. Mit anderen Worten, der wirtschaftliche Gewinn, den die Menschen aus der ausgedehnteren Verwendung von Gütern höherer Ordnung für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse erlangen können, hängt von der Bedingung ab, dass ihnen, nachdem sie ihren Bedarf für die unmittelbare Zukunft gedeckt haben, noch weitere Gütermengen für entferntere Zeiträume verfügbar bleiben.
In den frühen Stadien und zu Beginn jeder neuen Phase der kulturellen Entwicklung, wenn einige wenige Einzelne (die ersten Entdecker, Erfinder und Unternehmer) erstmals den Übergang zur Verwendung von Gütern der nächsthöheren Ordnung vollziehen, hat derjenige Teil dieser Güter, der zuvor zwar vorhanden war, bis dahin aber keinerlei Anwendung in der menschlichen Wirtschaft gefunden hatte und für den daher kein Bedarf bestand, naturgemäss nichtwirtschaftlichen Charakter. Wenn ein Jägervolk zum sesshaften Ackerbau übergeht, behalten Grund und Stoffe, die zuvor nicht genutzt wurden und nun erstmals für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse eingesetzt werden (etwa Kalk, Sand, Bauholz und Steine zum Bauen), gewöhnlich noch einige Zeit nach Beginn des Übergangs ihren nichtwirtschaftlichen Charakter. Es sind daher nicht die begrenzten Mengen dieser Güter, die die wirtschaftenden Menschen in den ersten Stadien der Zivilisation daran hindern, Fortschritte in der Verwendung von Gütern höherer Ordnung für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu machen.
Aber es gibt in der Regel einen anderen Teil der komplementären Güter höherer Ordnung, der schon vor dem Übergang zur Verwendung einer neuen Güterordnung in dem einen oder anderen Produktionszweig der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse gedient hat und der daher zuvor wirtschaftlichen Charakter aufwies. Das Saatkorn und die Arbeitsleistungen, die ein Einzelner benötigt, der vom Stadium der sammelnden Wirtschaft zum Ackerbau übergeht, sind Beispiele dieser Art.
Diese Güter, die der Übergehende zuvor als Güter niederer Ordnung benutzte und die er weiterhin als Güter niederer Ordnung benutzen könnte, müssen nun als Güter höherer Ordnung eingesetzt werden, wenn er den zuvor erwähnten wirtschaftlichen Gewinn nutzen will. Mit anderen Worten, er kann sich diesen Gewinn nur verschaffen, indem er Güter, die ihm, wenn er es so wählt, für die Gegenwart oder die nahe Zukunft verfügbar sind, für die Befriedigung der Bedürfnisse eines entfernteren Zeitraums einsetzt.
Indessen erlangt mit der fortlaufenden Entwicklung der Zivilisation und mit dem Fortschritt in der Verwendung weiterer Gütermengen höherer Ordnung durch die wirtschaftenden Menschen ein grosser Teil der anderen, zuvor nichtwirtschaftlichen Güter höherer Ordnung (zum Beispiel Grund, Kalkstein, Sand, Bauholz usw.) wirtschaftlichen Charakter (S. 103). Wenn dies eintritt, kann jeder Einzelne an den wirtschaftlichen Gewinnen, die mit der Verwendung von Gütern höherer Ordnung im Gegensatz zur rein sammelnden Tätigkeit verbunden sind (und, auf höheren Stufen der Zivilisation, mit der Verwendung von Gütern höherer Ordnung im Gegensatz zu den Beschränkungen der Produktionsmittel niederer Ordnung), nur dann teilhaben, wenn er in der Gegenwart bereits über Mengen wirtschaftlicher Güter höherer Ordnung (oder über Mengen wirtschaftlicher Güter jeder Art, wenn sich bereits ein reger Handel entwickelt hat und Güter aller Art gegeneinander getauscht werden können) für künftige Zeiträume verfügt — mit anderen Worten, nur wenn er Kapital besitzt.
Mit diesem Satz haben wir indes eine der wichtigsten Wahrheiten unserer Wissenschaft erreicht, die „Produktivität des Kapitals". Der Satz darf nicht so verstanden werden, dass die Verfügung über Mengen wirtschaftlicher Güter in einem früheren Zeitraum für einen späteren Zeitpunkt während dieses Zeitraums von sich aus irgendetwas zur Vermehrung der den Menschen verfügbaren Konsumgüter beitragen könne. Er bedeutet lediglich, dass die Verfügung über Mengen wirtschaftlicher Güter für einen bestimmten Zeitraum für die wirtschaftenden Einzelnen ein Mittel zur besseren und vollständigeren Befriedigung ihrer Bedürfnisse und daher ein Gut ist — oder vielmehr ein wirtschaftliches Gut, sooft die verfügbaren Mengen an Kapitalleistungen geringer sind als der Bedarf an ihnen.
Die mehr oder weniger vollständige Befriedigung unserer Bedürfnisse hängt daher nicht weniger von der Verfügung über Mengen wirtschaftlicher Güter für bestimmte Zeiträume (über Kapitalleistungen) ab, als sie von der Verfügung über andere wirtschaftliche Güter abhängt. Aus diesem Grund sind Kapitalleistungen Gegenstände, denen die Menschen Wert beimessen, und, wie wir später sehen werden, sind sie auch Gegenstände des Handels.
Manche Nationalökonomen stellen die Zinszahlung als eine Entschädigung für die Enthaltsamkeit des Kapitaleigentümers dar. Gegen diese Lehre muss ich darauf hinweisen, dass die Enthaltsamkeit einer Person nicht von sich aus Gütercharakter und damit Wert erlangen kann. Überdies entsteht Kapital keineswegs immer aus Enthaltsamkeit, sondern in vielen Fällen als Folge blosser Inbesitznahme (etwa sooft ehemals nichtwirtschaftliche Güter höherer Ordnung infolge des steigenden Bedarfs der Gesellschaft wirtschaftlichen Charakter erlangen). Daher darf die Zinszahlung nicht als eine Entschädigung des Kapitaleigentümers für seine Enthaltsamkeit angesehen werden, sondern als der Tausch eines wirtschaftlichen Gutes (der Verwendung des Kapitals) gegen ein anderes (etwa Geld). Carey verfällt jedoch in den entgegengesetzten Irrtum, wenn er der Sparsamkeit eine der Bildung von Kapital unmittelbar feindliche Tendenz zuschreibt.
C. Der Wert komplementärer Mengen von Gütern höherer Ordnung.
Um Güter höherer Ordnung44 in Güter niederer Ordnung zu verwandeln, ist der Ablauf eines gewissen Zeitraums notwendig. Daher ist, sooft wirtschaftliche Güter erzeugt werden sollen, die Verfügung über die Leistungen des Kapitals für einen gewissen Zeitraum notwendig. Die Länge dieses Zeitraums richtet sich nach der Natur des Produktionsvorgangs. In jedem gegebenen Produktionszweig ist er umso länger, je höher die Ordnung der Güter ist, die der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zugeführt werden sollen. Aber ein gewisser Zeitablauf ist von jedem Produktionsvorgang untrennbar.
Während dieser Zeiträume ist die Menge wirtschaftlicher Güter, von der ich spreche (das Kapital), festgelegt45 und nicht für andere produktive Zwecke verfügbar. Um zu einem künftigen Zeitpunkt über ein Gut oder eine Menge von Gütern niederer Ordnung zu verfügen, genügt es nicht, die entsprechenden Güter höherer Ordnung zu irgendeinem einzelnen Zeitpunkt flüchtig zu besitzen, sondern es ist vielmehr notwendig, dass wir die Verfügung über diese Güter höherer Ordnung für einen Zeitraum behalten, dessen Länge je nach der Natur des besonderen Produktionsvorgangs verschieden ist, und dass wir sie für die Dauer dieses Zeitraums in diesem Produktionsvorgang festlegen.
Im vorangehenden Abschnitt haben wir gesehen, dass die Verfügung über Mengen wirtschaftlicher Güter für gegebene Zeiträume für die wirtschaftenden Menschen Wert hat, ebenso wie andere wirtschaftliche Güter für sie Wert haben. Daraus folgt, dass der gesamte gegenwärtige Wert aller für die Erzeugung eines Gutes niederer Ordnung notwendigen Güter höherer Ordnung dem voraussichtlichen Wert des Produkts für die wirtschaftenden Menschen nur dann gleichgesetzt werden kann, wenn der Wert der Leistungen des Kapitals während des Produktionszeitraums einbezogen wird.
Nehmen wir zum Beispiel an, wir wollten den Wert der Güter höherer Ordnung bestimmen, die uns die Verfügung über eine gegebene Menge Getreide in einem Jahr sichern. Der Wert des Saatkorns, der Leistungen des Bodens, der spezialisierten landwirtschaftlichen Arbeitsleistungen und aller übrigen für die Erzeugung der gegebenen Getreidemenge notwendigen Güter höherer Ordnung wird zwar dem voraussichtlichen Wert des Getreides am Ende des Jahres (S. 150) gleich sein, aber nur unter der Bedingung, dass der Wert einer einjährigen Verfügung über diese wirtschaftlichen Güter für die betreffenden wirtschaftenden Einzelnen in die Summe einbezogen wird. Der gegenwärtige Wert dieser Güter höherer Ordnung für sich allein ist daher gleich dem Wert des voraussichtlichen Produkts minus dem Wert der Leistungen des eingesetzten Kapitals.
Um das Gesagte zahlenmässig auszudrücken, nehmen wir an, dass der voraussichtliche Wert des Produkts, das am Ende des Jahres verfügbar sein wird, 100 beträgt und dass der Wert einer einjährigen Verfügung über die notwendigen Mengen wirtschaftlicher Güter höherer Ordnung (der Wert der Leistungen des Kapitals) 10 beträgt. Es ist klar, dass der Gesamtwert aller komplementären Güter höherer Ordnung, die für die Erzeugung des Produkts erforderlich sind, unter Ausschluss der Leistungen des Kapitals, nicht gleich 100, sondern nur gleich 90 ist. Betrüge der Wert der Leistungen des Kapitals 15, so wäre der gegenwärtige Wert der übrigen Güter höherer Ordnung nur 85.
Der Wert der Güter für die betreffenden wirtschaftenden Einzelnen ist, wie ich bereits mehrfach festgestellt habe, die wichtigste Grundlage der Preisbildung. Wenn wir nun im gewöhnlichen Leben sehen, dass die Käufer von Gütern höherer Ordnung niemals den vollen voraussichtlichen Preis eines Gutes niederer Ordnung für die zu seiner Erzeugung technisch notwendigen komplementären Produktionsmittel zahlen,¹⁵ dass sie stets nur in der Lage sind, dafür Preise zu gewähren, und tatsächlich nur Preise gewähren, die etwas niedriger sind als der Preis des Produkts, und dass der Verkauf von Gütern höherer Ordnung somit eine gewisse Ähnlichkeit mit der Diskontierung hat, wobei der voraussichtliche Preis des Produkts die Grundlage der Berechnung bildet,46 so werden diese Tatsachen durch das vorangehende Argument erklärt.47
Eine Person, die über die für die Erzeugung von Gütern niederer Ordnung erforderlichen Güter höherer Ordnung verfügt, hat kraft dieser Tatsache nicht sogleich und unmittelbar die Verfügung über die Güter niederer Ordnung, sondern erst nach dem Ablauf eines Zeitraums, der je nach der Natur des Produktionsvorgangs länger oder kürzer ist. Wünscht sie, ihre Güter höherer Ordnung sogleich gegen die entsprechenden Güter niederer Ordnung zu tauschen oder, was unter entwickelten Handelsverhältnissen dasselbe ist, gegen eine entsprechende Geldsumme, so befindet sie sich offenbar in einer ähnlichen Lage wie eine Person, die zu einem künftigen Zeitpunkt (etwa nach 6 Monaten) eine bestimmte Geldsumme erhalten soll, aber sogleich die Verfügung darüber erlangen will. Beabsichtigt der Eigentümer von Gütern höherer Ordnung, sie einer dritten Person zu übertragen, und ist er bereit, die Zahlung erst nach dem Ende des Produktionsvorgangs zu empfangen, so findet naturgemäss keine „Diskontierung" statt. Tatsächlich können wir beobachten, dass die Preise von Gütern, die auf Kredit verkauft werden, umso höher steigen (abgesehen von der Risikoprämie), je weiter der vereinbarte Zahlungstermin in der Zukunft liegt. All dies erklärt jedoch zugleich, warum die produktive Tätigkeit eines Volkes durch den Kredit erheblich gefördert wird. In der bei Weitem grössten Zahl der Fälle bestehen Kreditgeschäfte darin, Güter höherer Ordnung an Personen zu übergeben, die sie in entsprechende Güter niederer Ordnung verwandeln. Produktion, oder zumindest ausgedehntere Erzeugung, ist sehr oft nur durch Kredit möglich; daher die verderbliche Stockung und Einschränkung der produktiven Tätigkeit eines Volkes, wenn der Kredit plötzlich zu fliessen aufhört.
Der Vorgang der Umwandlung von Gütern höherer Ordnung in Güter niederer oder erster Ordnung muss, sofern er auch im Übrigen wirtschaftlich ist, stets von einem wirtschaftenden Menschen mit Blick auf einen wirtschaftlichen Zweck geplant und durchgeführt werden. Dieser Mensch muss jene wirtschaftlichen Berechnungen vornehmen, von denen ich soeben gesprochen habe, und er muss die Güter höherer Ordnung, einschließlich der technischen Arbeitsleistungen, zum Zweck der Produktion tatsächlich zusammenbringen (oder zusammenbringen lassen).48 Die Frage, welche Funktionen in dieser sogenannten unternehmerischen Tätigkeit enthalten sind, ist bereits mehrfach aufgeworfen worden. Vor allem müssen wir uns vergegenwärtigen, dass die eigenen technischen Arbeitsleistungen eines Unternehmers oft zu den Gütern höherer Ordnung gehören, über die er zum Zweck der Produktion verfügt. Ist dies der Fall, so weist er ihnen, ganz wie den Leistungen anderer Personen, ihre Rolle im Produktionsprozess zu. Der Besitzer einer Zeitschrift ist oft Mitarbeiter seiner eigenen Zeitschrift. Der gewerbliche Unternehmer arbeitet oft in seiner eigenen Fabrik. Jeder von ihnen ist jedoch Unternehmer nicht wegen seiner technischen Beteiligung am Produktionsprozess, sondern weil er nicht nur die zugrunde liegenden wirtschaftlichen Berechnungen anstellt, sondern auch die eigentlichen Entscheidungen trifft, Güter höherer Ordnung bestimmten produktiven Zwecken zuzuweisen. Die unternehmerische Tätigkeit umfasst: (a) das Einholen von Informationen über die wirtschaftliche Lage; (b) die wirtschaftliche Kalkulation — all die verschiedenen Berechnungen, die angestellt werden müssen, wenn ein Produktionsprozess wirtschaftlich sein soll (sofern er auch im Übrigen wirtschaftlich ist); (c) den Willensakt, durch den Güter höherer Ordnung (oder Güter überhaupt — unter den Bedingungen eines entwickelten Handels, wo jedes wirtschaftliche Gut gegen jedes andere getauscht werden kann) einem bestimmten Produktionsprozess zugewiesen werden; und schließlich (d) die Überwachung der Ausführung des Produktionsplans, damit dieser möglichst wirtschaftlich durchgeführt werde. In kleinen Unternehmen nehmen diese unternehmerischen Tätigkeiten gewöhnlich nur einen unbedeutenden Teil der Zeit des Unternehmers in Anspruch. In großen Unternehmen hingegen sind nicht nur der Unternehmer selbst, sondern oft mehrere Gehilfen vollständig mit diesen Tätigkeiten beschäftigt. Wie umfangreich aber auch die Tätigkeiten dieser Gehilfen sein mögen, so lassen sich die vier oben aufgeführten Funktionen stets im Handeln des Unternehmers beobachten, selbst wenn sie sich am Ende (wie bei Aktiengesellschaften) darauf beschränken, die Zuweisung von Vermögensteilen zu bestimmten produktiven Zwecken nur nach allgemeinen Kategorien festzulegen sowie Personen auszuwählen und zu kontrollieren. Nach dem Gesagten wird es offenkundig sein, dass ich Mangoldt49 nicht beipflichten kann, der das „Tragen des Risikos" als die wesentliche Funktion des Unternehmertums in einem Produktionsprozess bezeichnet, da dieses „Risiko" nur ein Nebenumstand ist und die Aussicht auf Verlust durch die Aussicht auf Gewinn aufgewogen wird.
In den frühen Stufen der Zivilisation und auch später noch im Falle kleiner Gewerbebetriebe wird die unternehmerische Tätigkeit gewöhnlich von demselben wirtschaftenden Menschen ausgeübt, dessen technische Arbeitsleistungen zugleich einen der Faktoren im Produktionsprozess bilden. Mit fortschreitender Arbeitsteilung und zunehmender Größe der Unternehmen nimmt die unternehmerische Tätigkeit oft seine ganze Zeit in Anspruch. Aus diesem Grund ist die unternehmerische Tätigkeit ein ebenso notwendiger Faktor bei der Produktion von Gütern wie die technischen Arbeitsleistungen. Sie hat daher den Charakter eines Gutes höherer Ordnung, und auch Wert, da sie wie andere Güter höherer Ordnung in der Regel ebenfalls ein wirtschaftliches Gut ist. Sooft wir daher den gegenwärtigen Wert komplementärer Mengen von Gütern höherer Ordnung bestimmen wollen, bestimmt der voraussichtliche Wert des Produkts den Gesamtwert ihrer aller zusammengenommen nur dann, wenn der Wert der unternehmerischen Tätigkeit in die Gesamtsumme eingeschlossen ist.
Lassen Sie mich die Ergebnisse dieses Abschnitts zusammenfassen. Der gegenwärtige Gesamtwert aller komplementären Mengen von Gütern höherer Ordnung (das heißt, aller Rohstoffe, Arbeitsleistungen, Bodenleistungen, Maschinen, Werkzeuge usw.), die zur Produktion eines Gutes niederer oder erster Ordnung notwendig sind, ist gleich dem voraussichtlichen Wert des Produkts. Es ist jedoch nötig, in die Summe nicht nur die zu seiner Produktion technisch erforderlichen Güter höherer Ordnung einzubeziehen, sondern auch die Leistungen des Kapitals und die Tätigkeit des Unternehmers. Denn diese sind in jeder wirtschaftlichen Güterproduktion ebenso unvermeidlich notwendig wie die bereits genannten technischen Erfordernisse. Daher ist der gegenwärtige Wert der technischen Produktionsfaktoren für sich allein nicht gleich dem vollen voraussichtlichen Wert des Produkts, sondern verhält sich stets so, dass ein Spielraum für den Wert der Leistungen des Kapitals und der unternehmerischen Tätigkeit verbleibt.
D. Der Wert einzelner Güter höherer Ordnung.
Wir haben gesehen, dass der Wert eines bestimmten Gutes (oder einer gegebenen Gütermenge) für den wirtschaftenden Menschen, der darüber verfügt, gleich der Bedeutung jener Bedürfnisbefriedigungen ist, auf die er verzichten müsste, wenn er nicht darüber verfügte. Daraus könnten wir ohne Schwierigkeit folgern, dass der Wert jeder Einheit von Gütern höherer Ordnung gleichfalls gleich der Bedeutung der durch die Verfügung über eine Einheit gesicherten Befriedigungen ist, wenn wir nicht durch den Umstand gehemmt wären, dass ein Gut höherer Ordnung nicht für sich allein zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse verwendet werden kann, sondern nur in Verbindung mit anderen (den komplementären) Gütern höherer Ordnung. Deswegen könnte jedoch die Meinung aufkommen, dass wir zur Befriedigung konkreter Bedürfnisse nicht von der Verfügung über ein einzelnes konkretes Gut (oder eine konkrete Menge irgendeiner einzelnen Güterart) höherer Ordnung abhängig sind, sondern vielmehr von der Verfügung über komplementäre Mengen von Gütern höherer Ordnung, und dass daher nur Gesamtheiten komplementärer Güter höherer Ordnung selbständig Wert für einen wirtschaftenden Menschen erlangen können.
Es ist freilich wahr, dass wir Mengen von Gütern niederer Ordnung nur mittels komplementärer Mengen von Gütern höherer Ordnung erlangen können. Aber es ist ebenso gewiss, dass die verschiedenen Güter höherer Ordnung nicht stets in festen Verhältnissen im Produktionsprozess verbunden werden müssen (etwa in der Weise, wie es bei chemischen Reaktionen zu beobachten ist, wo nur ein bestimmtes Gewicht eines Stoffes sich mit einem ebenso festen Gewicht eines anderen Stoffes verbindet, um eine gegebene chemische Verbindung zu ergeben). Die allergewöhnlichste Erfahrung lehrt uns vielmehr, dass eine gegebene Menge irgendeines einzelnen Gutes niederer Ordnung aus Gütern höherer Ordnung erzeugt werden kann, die in sehr verschiedenen mengenmäßigen Verhältnissen zueinander stehen. In der Tat können eines oder mehrere Güter höherer Ordnung, die einer Gruppe gewisser anderer Güter höherer Ordnung komplementär sind, oft gänzlich weggelassen werden, ohne dass die Fähigkeit der übrigen komplementären Güter, das Gut niederer Ordnung hervorzubringen, zerstört würde. Bodenleistungen, Saatgut, Arbeitsleistungen, Dünger, die Leistungen landwirtschaftlicher Geräte usw. werden zur Erzeugung von Getreide verwendet. Aber niemand wird leugnen können, dass eine gegebene Menge Getreide auch ohne die Verwendung von Dünger und ohne den Einsatz eines großen Teils der üblichen landwirtschaftlichen Geräte erzeugt werden kann, sofern nur die anderen zur Getreideerzeugung verwendeten Güter höherer Ordnung in entsprechend größeren Mengen verfügbar sind.
Wenn die Erfahrung uns somit lehrt, dass einige komplementäre Güter höherer Ordnung bei der Produktion von Gütern niederer Ordnung oft gänzlich weggelassen werden können, so können wir noch weit häufiger beobachten, nicht nur dass gegebene Produkte durch wechselnde Mengen von Gütern höherer Ordnung erzeugt werden können, sondern auch dass es im Allgemeinen einen sehr weiten Spielraum gibt, innerhalb dessen die Verhältnisse der zu ihrer Produktion eingesetzten Güter verändert werden können und tatsächlich verändert werden. Jeder weiß, dass selbst auf Boden gleichmäßiger Beschaffenheit eine gegebene Menge Getreide auf Feldern von sehr verschiedener Größe erzeugt werden kann, wenn sie mehr oder weniger intensiv bestellt werden — das heißt, wenn größere oder kleinere Mengen der anderen komplementären Güter höherer Ordnung auf sie verwendet werden. Insbesondere kann ein Mangel an Dünger durch den Einsatz einer größeren Bodenfläche oder besserer Maschinen oder durch die intensivere Anwendung landwirtschaftlicher Arbeitsleistungen ausgeglichen werden. Ähnlich kann eine verminderte Menge nahezu jedes Gutes höherer Ordnung durch eine entsprechend größere Anwendung der anderen komplementären Güter ausgeglichen werden.
Aber selbst dort, wo bestimmte Güter höherer Ordnung nicht durch Mengen anderer komplementärer Güter ersetzt werden können und eine Verminderung der verfügbaren Menge eines bestimmten Gutes höherer Ordnung eine entsprechende Verminderung des Produkts bewirkt (etwa bei der Erzeugung einer Chemikalie), werden die entsprechenden Mengen der anderen Produktionsmittel nicht notwendigerweise wertlos, wenn dieses eine Produktionsgut fehlt. Die anderen Produktionsmittel können in der Regel noch auf die Erzeugung anderer Konsumgüter und damit in letzter Analyse auf die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse verwendet werden, selbst wenn diese Bedürfnisse gewöhnlich weniger wichtig sind als die Bedürfnisse, die hätten befriedigt werden können, wäre die fehlende Menge des betrachteten komplementären Gutes verfügbar gewesen.
In der Regel hängt daher von einer gegebenen Menge eines Gutes höherer Ordnung nicht die Verfügung über eine genau entsprechende Menge des Produkts ab, sondern nur ein Teil des Produkts und oft nur dessen höhere Qualität. Demgemäß ist der Wert einer gegebenen Menge eines bestimmten Gutes höherer Ordnung nicht gleich der Bedeutung der Befriedigungen, die von dem ganzen Produkt abhängen, das es hervorbringen hilft, sondern gleich lediglich der Bedeutung der Befriedigungen, die durch jenen Teil des Produkts gewährleistet werden, der unerzeugt bliebe, wenn wir nicht in der Lage wären, über die gegebene Menge des Gutes höherer Ordnung zu verfügen. Wo das Ergebnis einer Verminderung der verfügbaren Menge eines Gutes höherer Ordnung nicht eine Abnahme der Produktmenge, sondern eine Verschlechterung seiner Qualität ist, ist der Wert einer gegebenen Menge eines Gutes höherer Ordnung gleich dem Unterschied in der Bedeutung zwischen den Befriedigungen, die mit dem höherwertigen Produkt erreicht werden können, und jenen, die mit dem minderwertigen Produkt erreicht werden können. In beiden Fällen also sind es nicht die durch das ganze Produkt gewährten Befriedigungen, das eine gegebene Menge eines bestimmten Gutes höherer Ordnung hervorbringen hilft, die von der Verfügung über dieses Gut abhängen, sondern nur Befriedigungen von der hier erläuterten Bedeutung.
Selbst dort, wo eine Verminderung der verfügbaren Menge eines bestimmten Gutes höherer Ordnung bewirkt, dass das Produkt (etwa eine chemische Verbindung) sich verhältnismäßig vermindert, werden die anderen komplementären Mengen von Gütern höherer Ordnung nicht wertlos. Obgleich ihr komplementärer Produktionsfaktor nun fehlt, können sie noch auf die Erzeugung anderer Güter niederer Ordnung verwendet und so auf die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse gerichtet werden, selbst wenn diese Bedürfnisse vielleicht etwas weniger wichtig sind, als es sonst der Fall gewesen wäre. So ist auch in diesem Fall nicht der volle Wert des Produkts, das uns aus Mangel an einem bestimmten Gut höherer Ordnung verloren ginge, der bestimmende Faktor seines Wertes. Sein Wert ist nur gleich dem Unterschied in der Bedeutung zwischen den Befriedigungen, die gesichert sind, wenn wir über das Gut höherer Ordnung verfügen, dessen Wert wir bestimmen wollen, und den Befriedigungen, die erreicht würden, wenn wir nicht darüber verfügten.
Wenn wir diese drei Fälle zusammenfassen, erhalten wir ein allgemeines Gesetz der Bestimmung des Wertes einer konkreten Menge eines Gutes höherer Ordnung. Unter der Annahme in jedem Fall, dass alle verfügbaren Güter höherer Ordnung auf die wirtschaftlichste Weise eingesetzt werden, ist der Wert einer konkreten Menge eines Gutes höherer Ordnung gleich dem Unterschied in der Bedeutung zwischen den Befriedigungen, die erreicht werden können, wenn wir über die gegebene Menge des Gutes höherer Ordnung verfügen, dessen Wert wir bestimmen wollen, und den Befriedigungen, die erreicht würden, wenn wir nicht über diese Menge verfügten.
Dieses Gesetz entspricht genau dem allgemeinen Gesetz der Wertbestimmung (S. 121), da der im Gesetz des vorigen Absatzes erwähnte Unterschied die Bedeutung der Befriedigungen darstellt, die von unserer Verfügung über ein gegebenes Gut höherer Ordnung abhängen.
Wenn wir dieses Gesetz im Hinblick auf das früher Gesagte (S. 157) über den Wert der zur Produktion eines Konsumgutes erforderlichen komplementären Mengen von Gütern höherer Ordnung untersuchen, erhalten wir einen Folgesatz: Der Wert eines Gutes höherer Ordnung wird umso größer sein (1) je größer der voraussichtliche Wert des Produkts ist, wenn der Wert der anderen zu seiner Produktion notwendigen komplementären Güter gleichbleibt, und (2) je niedriger, unter sonst gleichen Umständen, der Wert der komplementären Güter ist.
E. Der Wert der Leistungen von Boden, Kapital und Arbeit im Besonderen.50
Der Boden nimmt unter den Gütern keine Ausnahmestellung ein. Wird er zu Konsumzwecken verwendet (Ziergärten, Jagdgründe usw.), so ist er ein Gut erster Ordnung. Wird er zur Produktion anderer Güter verwendet, so ist er, wie viele andere, ein Gut höherer Ordnung. Sooft daher die Frage nach der Bestimmung des Wertes des Bodens oder des Wertes der Bodenleistungen auftritt, unterliegen sie den allgemeinen Gesetzen der Wertbestimmung. Haben bestimmte Bodenstücke den Charakter von Gütern höherer Ordnung, so unterliegt ihr Wert auch den Gesetzen der Wertbestimmung von Gütern höherer Ordnung, die ich im vorigen Abschnitt erläutert habe.
Eine weitverbreitete Schule von Nationalökonomen hat richtig erkannt, dass der Wert des Bodens nicht stichhaltig auf die Arbeit oder auf die Leistungen des Kapitals zurückgeführt werden kann. Daraus haben sie jedoch die Berechtigung abgeleitet, dem Boden eine Ausnahmestellung unter den Gütern zuzuweisen. Aber der methodische Fehler, der in diesem Verfahren liegt, ist leicht zu erkennen. Dass eine große und bedeutende Gruppe von Erscheinungen sich nicht in die allgemeinen Gesetze einer Wissenschaft einfügen lässt, die sich mit diesen Erscheinungen befasst, ist ein vielsagendes Zeugnis für die Notwendigkeit, die Wissenschaft zu reformieren. Es bildet jedoch kein Argument, das das höchst fragwürdige methodische Verfahren rechtfertigen würde, eine Gruppe von Erscheinungen von allen anderen Beobachtungsgegenständen abzutrennen, die ihrer allgemeinen Natur nach genau gleichartig sind, und für jede der beiden Gruppen besondere oberste Grundsätze auszuarbeiten.
Die Erkenntnis dieses Fehlers hat daher in neuerer Zeit zu zahlreichen Versuchen geführt, den Boden und die Bodenleistungen mit allen anderen Gütern in den Rahmen eines Systems der ökonomischen Theorie einzufügen und ihre Werte sowie die Preise, die sie erzielen, in Übereinstimmung mit den anerkannten Grundsätzen auf die menschliche Arbeit oder auf die Leistungen des Kapitals zurückzuführen.51
Aber die Gewalt, die den Gütern im Allgemeinen und dem Boden im Besonderen durch einen solchen Versuch angetan wird, ist offenkundig. Ein Stück Land mag dem Meer mit dem größten Aufwand menschlicher Arbeit abgerungen worden sein; oder es mag die Anschwemmung irgendeines Flusses sein und somit ganz ohne Arbeit erworben worden sein. Es mag ursprünglich mit Dickicht überwuchert, mit Steinen bedeckt und später mit großer Mühe und wirtschaftlichem Opfer urbar gemacht worden sein; oder es mag von Anfang an frei von Bäumen und fruchtbar gewesen sein. Solche Stücke seiner Vergangenheit sind von Interesse für die Beurteilung seiner natürlichen Fruchtbarkeit und gewiss auch für die Frage, ob die Anwendung wirtschaftlicher Güter auf dieses Stück Land (Meliorationen) angemessen und wirtschaftlich war. Aber seine Geschichte ist ohne Belang, wenn seine allgemeinen wirtschaftlichen Beziehungen und insbesondere sein Wert in Frage stehen. Denn diese haben es mit der Bedeutung zu tun, die Güter für uns einzig deshalb erlangen, weil sie uns künftige Befriedigungen sichern.52 Aus diesen Erwägungen folgt auch, dass ich, sooft ich von den Bodenleistungen spreche, die über die Zeit gemessenen Leistungen jener Bodenstücke meine, wie wir sie in der Wirtschaft der Menschen tatsächlich vorfinden, und nicht den Gebrauch der „ursprünglichen Kräfte" des Bodens. Denn nur erstere sind Gegenstände menschlichen Wirtschaftens, während letztere in konkreten Fällen höchstens die Gegenstände einer aussichtslosen historischen Untersuchung sind und für die wirtschaftenden Menschen jedenfalls belanglos. Wenn ein Landwirt ein Stück Land für ein oder mehrere Jahre pachtet, kümmert es ihn wenig, ob dessen Boden seine Fruchtbarkeit Kapitalanlagen aller Art verdankt oder von allem Anfang an fruchtbar war. Diese Umstände haben keinen Einfluss auf den Preis, den er für den Gebrauch des Bodens zahlt. Ein Käufer eines Stücks Land sucht die „Zukunft", niemals aber die „Vergangenheit" des Landes zu berechnen, das er erwirbt.
Somit müssen die neueren Versuche, den Wert des Bodens oder der Bodenleistungen durch ihre Zurückführung auf Arbeitsleistungen oder auf die Leistungen des Kapitals zu erklären, nur als ein Ergebnis des Bestrebens angesehen werden, die anerkannte Theorie der Grundrente (ein Teil unserer Wissenschaft, der verhältnismäßig im geringsten Widerspruch zu den Erscheinungen des wirklichen Lebens steht) mit den vorherrschenden Missverständnissen der obersten Grundsätze unserer Wissenschaft in Einklang zu bringen. Gegen die anerkannte Rententheorie, besonders in der Form, in der sie von Ricardo53 ausgedrückt wurde, muss ferner Verwahrung eingelegt werden, dass sie lediglich einen isolierten Faktor ans Licht brachte, der mit den Unterschieden im Wert des Bodens zu tun hat, aber kein Prinzip, das den Wert der Bodenleistungen für die wirtschaftenden Menschen erklärt,54 und dass der isolierte Faktor fälschlich als das Prinzip vorgebracht wurde.
Unterschiede in der Fruchtbarkeit und Lage von Bodenstücken gehören zweifellos zu den wichtigsten Ursachen für Unterschiede im Wert der Bodenleistungen und des Bodens selbst. Aber darüber hinaus bestehen noch andere Ursachen für Unterschiede im Wert dieser Güter. Unterschiede in Fruchtbarkeit und Lage sind nicht einmal für diese anderen Ursachen verantwortlich, geschweige denn ein allgemeines Prinzip, das den Wert von Boden und Bodenleistungen erklärt. Hätten alle Bodenstücke die gleiche Fruchtbarkeit und gleich günstige Lagen, so würden sie nach Ricardo gar keine Rente abwerfen. Aber obgleich ein einzelner Faktor, der Unterschiede zwischen den von ihnen abgeworfenen Renten erklärt, dann in der Tat fehlen mag, ist es ganz gewiss, dass weder alle Unterschiede zwischen den Renten noch die Rente selbst notwendigerweise verschwinden würden. Es ist vielmehr offenkundig, dass selbst die am ungünstigsten gelegenen und am wenigsten fruchtbaren Bodenstücke in einem Land, wo Boden knapp ist, eine Rente abwerfen würden, eine Rente, die in der Ricardianischen Theorie keine Erklärung finden könnte.
Der Boden und die Bodenleistungen sind in den konkreten Formen, in denen wir sie beobachten, Gegenstände unserer Wertschätzung wie alle anderen Güter. Wie andere Güter erlangen sie Wert nur in dem Maße, in dem wir zur Befriedigung unserer Bedürfnisse auf die Verfügung über sie angewiesen sind. Und die Faktoren, die ihren Wert bestimmen, sind dieselben, denen wir früher bei unserer Untersuchung des Wertes der Güter im Allgemeinen begegnet sind (S. 121 und 141).55 Ein tieferes Verständnis der Unterschiede in ihrem Wert kann daher ebenfalls nur erlangt werden, indem man sich dem Boden und den Bodenleistungen von den allgemeinen Gesichtspunkten unserer Wissenschaft her nähert und sie, soweit sie Güter höherer Ordnung sind, auf die entsprechenden Güter niederer Ordnung und insbesondere auf ihre komplementären Güter bezieht.
Im vorigen Abschnitt gelangten wir zu dem Ergebnis, dass der Gesamtwert der zur Produktion eines Konsumgutes notwendigen Güter höherer Ordnung (einschließlich der Leistungen des Kapitals und der unternehmerischen Tätigkeit) gleich dem voraussichtlichen Wert des Produkts ist. Wo Bodenleistungen auf die Produktion von Gütern niederer Ordnung verwendet werden, wird der Wert dieser Leistungen, zusammen mit dem Wert der anderen komplementären Güter, gleich dem voraussichtlichen Wert des Gutes niederer oder erster Ordnung sein, auf dessen Produktion sie verwendet worden sind. Je nachdem dieser voraussichtliche Wert, unter sonst gleichbleibenden Umständen, höher oder niedriger ist, wird der Gesamtwert der komplementären Güter höher oder niedriger sein. Was den gesonderten Wert tatsächlicher Bodenstücke oder Bodenleistungen betrifft, so wird er, wie der Wert anderer Güter höherer Ordnung, nach dem Prinzip geregelt, dass der Wert eines Gutes höherer Ordnung unter sonst gleichen Umständen umso größer sein wird (1) je größer der Wert des voraussichtlichen Produkts ist und (2) je kleiner der Wert der komplementären Güter höherer Ordnung ist.56
Der Wert der Bodenleistungen unterliegt daher keinen anderen Gesetzen als der Wert der Leistungen von Maschinen, Werkzeugen, Häusern, Fabriken oder irgendeiner anderen Art wirtschaftlichen Gutes.
Dass Boden und Bodenleistungen, ebenso wie viele andere Arten von Gütern, besondere Eigentümlichkeiten aufweisen, wird keineswegs bestritten. In jedem Land steht Boden in der Regel nur in Mengen zur Verfügung, die sich nicht ohne Weiteres vermehren lassen; er ist hinsichtlich seiner Lage festgelegt; und er weist eine außerordentliche Mannigfaltigkeit an Güteklassen auf. Alle Besonderheiten der Werterscheinungen, die wir beim Boden und bei den Bodenleistungen beobachten können, lassen sich auf diese drei Faktoren zurückführen. Da diese Faktoren jedoch nur die Mengen und Qualitäten des Bodens betreffen, die den wirtschaftenden Menschen im Allgemeinen und den Bewohnern bestimmter Gebiete im Besonderen zur Verfügung stehen, sind die fraglichen Besonderheiten Faktoren der Wertbestimmung, die nicht allein den Wert des Bodens und der Bodenleistungen beeinflussen, sondern, wie wir gesehen haben, den Wert aller Güter. Der Wert des Bodens hat somit keinen Ausnahmecharakter.
Der Umstand, dass die Preise der Arbeitsleistungen, ebenso wie die Preise der Bodenleistungen, sich nicht ohne die größte Gewaltsamkeit auf die Preise ihrer Produktionskosten zurückführen lassen, hat dazu geführt, dass auch für diese Klasse von Preisen besondere Grundsätze aufgestellt wurden. Man sagt, die gewöhnlichste Arbeit müsse den Arbeiter und seine Familie erhalten, da seine Arbeitsleistungen andernfalls nicht dauerhaft der Gesellschaft zugeführt werden könnten; und seine Arbeit könne ihm nicht viel mehr verschaffen als das Existenzminimum, da andernfalls eine Vermehrung der Arbeiter einträte, welche den Preis der Arbeitsleistungen wieder auf das frühere niedrige Niveau herabdrücken würde. Das Existenzminimum ist daher in dieser Lehre der Grundsatz, der den Preis der gewöhnlichsten Arbeit beherrscht, während die höheren Preise anderer Arbeitsleistungen dadurch erklärt werden, dass man sie auf Kapitalanlage oder auf Renten für besondere Begabungen zurückführt.
Aber die Erfahrung lehrt uns, dass es Arbeitsleistungen gibt, die für die wirtschaftenden Menschen völlig nutzlos, ja sogar schädlich sind. Sie sind daher keine Güter. Es gibt andere Arbeitsleistungen, die Güterqualität, aber nicht wirtschaftlichen Charakter besitzen und somit keinen Wert haben. (In diese zweite Kategorie gehören alle Arbeitsleistungen, die der Gesellschaft aus dem einen oder anderen Grund in so großen Mengen zur Verfügung stehen, dass sie nicht-wirtschaftlichen Charakter annehmen — etwa die mit einem unbezahlten Amt verbundenen Arbeitsleistungen.) Daher können auch (wie wir später sehen werden) Arbeitsleistungen dieser Kategorien keine Preise haben. Arbeitsleistungen sind also nicht stets Güter oder wirtschaftliche Güter, bloß weil sie Arbeitsleistungen sind; sie haben nicht notwendigerweise Wert. Es ist somit nicht immer wahr, dass jede Arbeitsleistung einen Preis erzielt, und noch weniger stets einen bestimmten Preis.
Die Erfahrung belehrt uns ferner darüber, dass viele Arbeitsleistungen von dem Arbeiter nicht einmal gegen die notwendigsten Existenzmittel ausgetauscht werden können,57 während sich für andere Arbeitsleistungen mühelos eine Gütermenge eintauschen lässt, die das Zehn-, Zwanzig- oder gar Hundertfache dessen beträgt, was zum Unterhalt einer einzelnen Person erforderlich ist. Wo immer die Arbeitsleistungen eines Menschen sich tatsächlich gegen seine bloßen Existenzmittel austauschen, kann dies nur die Folge irgendeines zufälligen Umstands sein, dass seine Arbeitsleistungen, in Übereinstimmung mit den allgemeinen Grundsätzen der Preisbildung, gerade zu diesem bestimmten Preis und keinem anderen ausgetauscht werden. Weder die Existenzmittel noch das Existenzminimum eines Arbeiters können daher die unmittelbare Ursache oder das bestimmende Prinzip des Preises der Arbeitsleistungen sein.58
In Wirklichkeit werden, wie wir sehen werden, die Preise der tatsächlichen Arbeitsleistungen, gleich den Preisen aller anderen Güter, durch deren Werte bestimmt. Ihre Werte aber werden, wie gezeigt wurde, durch die Größe der Bedeutung jener Bedürfnisbefriedigungen bestimmt, die unbefriedigt bleiben müssten, wenn wir nicht über die Arbeitsleistungen verfügen könnten. Wo Arbeitsleistungen Güter höherer Ordnung sind, werden ihre Werte (mittelbar und unmittelbar) nach dem Grundsatz bestimmt, dass der Wert eines Gutes höherer Ordnung für die wirtschaftenden Menschen umso größer ist, (1) je größer der voraussichtliche Wert des Produkts ist, vorausgesetzt, der Wert der komplementären Güter höherer Ordnung bleibt konstant, und (2) je niedriger, unter sonst gleichen Umständen, der Wert der komplementären Güter ist.59
Eine besondere Eigentümlichkeit der Arbeitsleistungen, die ihren Wert berührt, besteht darin, dass einige Arten von Arbeitsleistungen für den Arbeiter unangenehme Begleitumstände haben, mit der Folge, dass diese Leistungen nur gegen ausgleichende wirtschaftliche Vorteile erbracht werden. Arbeitsleistungen dieser Art können daher nicht ohne Weiteres einen nicht-wirtschaftlichen Charakter für die Gesellschaft erlangen. Aber der Wert der Untätigkeit ist für die meisten Arbeiter weit geringer, als gemeinhin angenommen wird. Die Beschäftigungen der bei Weitem überwiegenden Mehrheit der Menschen gewähren Genuss, sind also selbst wahre Bedürfnisbefriedigungen und würden ausgeübt, wenn auch vielleicht in geringerem Maße oder in veränderter Weise, selbst dann, wenn die Menschen nicht durch Mangel an Mitteln gezwungen wären, ihre Kräfte anzuspannen. Die Betätigung seiner Kräfte ist für jeden normalen Menschen ein Bedürfnis. Dass nichtsdestoweniger nur wenige Personen arbeiten, ohne eine wirtschaftliche Vergütung zu erwarten, liegt nicht so sehr an der Unannehmlichkeit der Arbeit als solcher, sondern vielmehr daran, dass die Gelegenheiten, sich lohnender Arbeit zu widmen, reichlich vorhanden sind.
Die unternehmerische Tätigkeit muss entschieden zu einer Kategorie der Arbeitsleistungen gerechnet werden. Sie ist in der Regel ein wirtschaftliches Gut und hat als solches für die wirtschaftenden Menschen Wert. Arbeitsleistungen dieser Kategorie weisen zwei Eigentümlichkeiten auf: (a) sie sind ihrer Natur nach keine Waren (nicht zum Tausch bestimmt) und haben aus diesem Grund keine Preise; (b) sie haben das Verfügen über die Kapitalleistungen zur notwendigen Voraussetzung, da sie andernfalls nicht erbracht werden können. Dieser zweite Faktor begrenzt das Maß der unternehmerischen Tätigkeit im Allgemeinen, das einem Volk zur Verfügung steht. Er begrenzt insbesondere auf verhältnismäßig sehr kleine Mengen jene unternehmerische Tätigkeit, die nur ausgeübt werden kann, wenn die betreffenden wirtschaftenden Personen über die Leistungen großer Kapitalmengen verfügen. Der Kredit vermehrt, und rechtliche Unsicherheiten vermindern diese Mengen.
Die Unzulänglichkeit der Lehre, welche die Preise der Güter durch die Preise der zu ihrer Herstellung dienenden Güter höherer Ordnung erklärte, machte sich naturgemäß auch überall dort bemerkbar, wo der Preis der Kapitalleistungen in Frage kam. Die letzten Ursachen des wirtschaftlichen Charakters und des Wertes von Gütern dieser Art habe ich weiter oben im vorliegenden Kapitel erläutert und auf den Irrtum jener Lehre hingewiesen, die den Preis der Kapitalleistungen als eine Vergütung für die Enthaltsamkeit der Kapitaleigentümer darstellt. In Wahrheit ist der Preis, der für die Kapitalleistungen erzielt werden kann, wie wir gesehen haben, nicht weniger eine Folge ihres wirtschaftlichen Charakters und ihres Wertes, als dies bei den Preisen anderer Güter der Fall ist. Der bestimmende Grundsatz des Wertes der Kapitalleistungen ist derselbe wie der Grundsatz, der den Wert der Güter im Allgemeinen bestimmt.60,61
Der Umstand, dass die Preise der Boden-, Kapital- und Arbeitsleistungen, oder, mit anderen Worten, Rente, Zins und Lohn, sich nicht ohne die größte Gewaltsamkeit (wie wir später sehen werden) auf Arbeitsmengen oder Produktionskosten zurückführen lassen, hat es für die Anhänger dieser Lehren notwendig gemacht, für diese drei Arten von Gütern Grundsätze der Preisbildung zu entwickeln, die sich von den für alle anderen Güter gültigen Grundsätzen gänzlich unterscheiden. In den vorhergehenden Abschnitten habe ich in Bezug auf Güter aller Art gezeigt, dass alle Werterscheinungen ihrer Natur und ihrem Ursprung nach gleich sind und dass die Größe des Wertes stets nach denselben Grundsätzen bestimmt wird. Überdies ist, wie wir in den nächsten beiden Kapiteln sehen werden, der Preis eines Gutes eine Folge seines Wertes für die wirtschaftenden Menschen, und die Größe seines Preises wird stets durch die Größe seines Wertes bestimmt. Es ist daher auch offenkundig, dass Rente, Zins und Lohn allesamt nach denselben allgemeinen Grundsätzen geregelt werden. Im vorliegenden Abschnitt habe ich mich jedoch lediglich mit dem Wert der Boden-, Kapital- und Arbeitsleistungen befasst. Auf Grundlage der hier gewonnenen Ergebnisse werde ich die Grundsätze darlegen, nach denen die Preise dieser Güter bestimmt werden, nachdem ich die allgemeine Theorie des Preises erläutert habe.
Eine der seltsamsten Fragen, die je zum Gegenstand wissenschaftlicher Erörterung gemacht wurden, ist, ob Rente und Zins vom ethischen Standpunkt aus gerechtfertigt oder ob sie „unsittlich" seien. Unter anderem hat unsere Wissenschaft die Aufgabe zu erforschen, warum und unter welchen Bedingungen die Boden- und die Kapitalleistungen wirtschaftlichen Charakter aufweisen, Wert erlangen und gegen Mengen anderer wirtschaftlicher Güter (Preise) ausgetauscht werden können. Aber die Frage nach dem rechtlichen oder sittlichen Charakter dieser Tatsachen liegt mir zufolge außerhalb des Bereichs unserer Wissenschaft. Wo immer die Boden- und die Kapitalleistungen einen Preis tragen, geschieht dies stets als Folge ihres Wertes, und ihr Wert für die Menschen ist nicht das Ergebnis willkürlicher Urteile (S. 119), sondern eine notwendige Folge ihres wirtschaftlichen Charakters. Die Preise dieser Güter (der Boden- und der Kapitalleistungen) sind daher die notwendigen Erzeugnisse der wirtschaftlichen Lage, unter der sie entstehen, und werden umso sicherer erzielt, je entwickelter die Rechtsordnung eines Volkes und je rechtschaffener seine öffentliche Sittlichkeit ist.
Es mag einem Menschenfreund wohl beklagenswert erscheinen, dass der Besitz von Kapital oder eines Stückes Land dem Eigentümer für einen gegebenen Zeitraum oft ein höheres Einkommen verschafft als das Einkommen, das ein Arbeiter für die anstrengendste Tätigkeit während desselben Zeitraums empfängt. Doch die Ursache hierfür ist nicht unsittlich, sondern liegt schlicht darin, dass die Befriedigung wichtigerer menschlicher Bedürfnisse von den Leistungen der gegebenen Kapitalmenge oder des Stückes Land abhängt als von den Leistungen des Arbeiters. Die Agitation derer, die wünschen, dass die Gesellschaft den Arbeitern einen größeren Anteil an den verfügbaren Konsumgütern zuweise als gegenwärtig, läuft daher in Wahrheit auf nichts anderes hinaus als auf die Forderung, die Arbeit über ihren Wert zu bezahlen. Denn wenn die Forderung nach höheren Löhnen nicht mit einem Programm zur gründlicheren Ausbildung der Arbeiter verbunden ist, oder wenn sie sich nicht auf das Eintreten für einen freieren Wettbewerb beschränkt, so verlangt sie, dass die Arbeiter nicht nach dem Wert ihrer Leistungen für die Gesellschaft bezahlt werden, sondern vielmehr mit Rücksicht darauf, ihnen einen behaglicheren Lebensstandard zu verschaffen und eine gleichmäßigere Verteilung der Konsumgüter und der Lasten des Lebens herbeizuführen. Eine Lösung des Problems auf dieser Grundlage würde jedoch zweifellos eine vollständige Umgestaltung unserer Gesellschaftsordnung erfordern.62