Die Lehre vom Geld
1. Wesen und Ursprung des Geldes85
In den frühen Stufen des Handels, wenn die wirtschaftenden Menschen erst langsam zur Erkenntnis der wirtschaftlichen Vorteile erwachen, die sich aus der Ausnutzung bestehender Tauschgelegenheiten ziehen lassen, richtet sich ihre Aufmerksamkeit, der Einfachheit aller kulturellen Anfänge entsprechend, nur auf die augenfälligsten dieser Gelegenheiten. Bei den Gütern, die er im Tausch erwerben will, nimmt jeder Mensch nur auf deren Gebrauchswert für ihn selbst Rücksicht. Die tatsächlich vollzogenen Tauschgeschäfte beschränken sich daher naturgemäss auf Fälle, in denen wirtschaftende Menschen Güter in ihrem Besitz haben, die für sie einen geringeren Gebrauchswert besitzen als Güter im Besitz anderer wirtschaftender Menschen, die dieselben Güter umgekehrt bewerten. A besitzt ein Schwert, das für ihn einen geringeren Gebrauchswert hat als B's Pflug, während für B derselbe Pflug einen geringeren Gebrauchswert hat als A's Schwert — am Anfang des menschlichen Handels beschränken sich alle tatsächlich vollzogenen Tauschgeschäfte auf Fälle dieser Art.
Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die Zahl der tatsächlich vollzogenen Tauschgeschäfte unter diesen Bedingungen sehr eng begrenzt sein muss. Wie selten kommt es vor, dass ein Gut im Besitz einer Person für sie einen geringeren Gebrauchswert hat als ein anderes Gut, das einer anderen Person gehört, die diese Güter zur selben Zeit gerade in umgekehrter Weise bewertet! Und selbst wenn dieses Verhältnis gegeben ist, wie viel seltener noch müssen die Fälle sein, in denen die beiden Personen einander tatsächlich begegnen! A besitzt ein Fischnetz, das er gegen eine Menge Hanf eintauschen möchte. Damit er in der Lage ist, diesen Tausch tatsächlich zu vollziehen, ist es nicht nur nötig, dass es einen anderen wirtschaftenden Menschen B gibt, der bereit ist, eine den Wünschen des A entsprechende Menge Hanf für das Fischnetz herzugeben, sondern auch, dass die beiden wirtschaftenden Menschen mit diesen bestimmten Wünschen einander begegnen. Nehmen wir an, der Bauer C besitzt ein Pferd, das er gegen eine Anzahl landwirtschaftlicher Geräte und Kleider eintauschen möchte. Wie unwahrscheinlich ist es, dass er eine andere Person findet, die sein Pferd benötigt und zugleich sowohl bereit als auch imstande ist, ihm alle Geräte und Kleider zu geben, die er im Tausch zu erhalten wünscht!
Diese Schwierigkeit wäre unüberwindlich gewesen und hätte den Fortschritt in der Arbeitsteilung und vor allem in der Erzeugung von Gütern für künftigen Verkauf ernstlich gehemmt, wenn es nicht in der Natur der Dinge selbst einen Ausweg gegeben hätte. Es lagen aber in ihrer Lage Elemente, die die Menschen überall unweigerlich, ohne dass es einer besonderen Übereinkunft oder gar staatlichen Zwanges bedurfte, zu einem Zustand führten, in dem diese Schwierigkeit vollständig überwunden war.
Die unmittelbare Deckung ihres Bedarfs ist der letzte Zweck aller wirtschaftlichen Bestrebungen der Menschen. Das endgültige Ziel ihrer Tauschoperationen ist daher, ihre Waren gegen solche Güter einzutauschen, die für sie Gebrauchswert besitzen. Das Bestreben, dieses endgültige Ziel zu erreichen, war allen Kulturstufen in gleicher Weise eigen und ist wirtschaftlich durchaus richtig. Die wirtschaftenden Menschen würden sich jedoch offensichtlich unwirtschaftlich verhalten, wenn sie in allen Fällen, in denen dieses endgültige Ziel nicht unmittelbar und direkt erreicht werden kann, darauf verzichteten, sich ihm überhaupt zu nähern.
Nehmen wir an, ein Schmied der homerischen Zeit habe zwei kupferne Rüstungen angefertigt und wolle sie gegen Kupfer, Brennstoff und Nahrung eintauschen. Er geht auf den Markt und bietet seine Erzeugnisse für diese Güter an. Er wäre zweifellos hoch erfreut, wenn er dort Personen begegnete, die seine Rüstungen kaufen wollen und die zugleich alle Rohstoffe und Nahrungsmittel, die er benötigt, zum Verkauf anbieten. Es muss aber offensichtlich als ein besonders glücklicher Zufall angesehen werden, wenn er unter der geringen Zahl von Personen, die zu irgendeinem Zeitpunkt ein so schwer verkäufliches Gut wie seine Rüstungen kaufen wollen, irgendwelche findet, die gerade die Güter anbieten, die er benötigt. Er würde daher den Absatz seiner Waren entweder gänzlich unmöglich machen oder nur unter dem Aufwand sehr vieler Zeit ermöglichen, wenn er sich so unwirtschaftlich verhielte, im Tausch für seine Waren nur Güter nehmen zu wollen, die für ihn selbst Gebrauchswert haben, und nicht auch andere Güter, die zwar für ihn Warencharakter hätten, gleichwohl aber eine grössere Absatzfähigkeit besässen als seine eigene Ware. Der Besitz dieser Waren würde seine Suche nach Personen, die gerade die von ihm benötigten Güter haben, beträchtlich erleichtern. In den Zeiten, von denen ich spreche, war das Vieh, wie wir weiter unten sehen werden, die absatzfähigste aller Waren. Selbst wenn der Waffenschmied für seinen unmittelbaren Bedarf bereits hinreichend mit Vieh versehen ist, würde er sehr unwirtschaftlich handeln, wenn er seine Rüstungen nicht für eine Anzahl zusätzlicher Stück Vieh hergäbe. Damit tauscht er freilich seine Waren nicht gegen Konsumgüter (in dem engen Sinne, in dem dieser Ausdruck den „Waren" gegenübersteht), sondern nur gegen Güter, die auch für ihn Warencharakter haben. Doch für seine weniger verkäuflichen Waren erhält er andere von grösserer Absatzfähigkeit. Der Besitz dieser leichter verkäuflichen Güter vervielfacht offenkundig seine Aussichten, auf dem Markt Personen zu finden, die ihm die von ihm benötigten Güter zum Kauf anbieten. Erkennt unser Waffenschmied also sein individuelles Interesse richtig, so wird er ganz natürlich, ohne Zwang oder irgendeine besondere Übereinkunft, dazu geführt werden, seine Rüstungen für eine entsprechende Anzahl von Stück Vieh herzugeben. Mit den auf diese Weise erlangten leichter verkäuflichen Waren wird er sich zu jenen Personen auf dem Markt begeben, die Kupfer, Brennstoff und Nahrung zum Verkauf anbieten, um sein letztes Ziel zu erreichen, den Erwerb der von ihm benötigten Konsumgüter durch Tausch. Doch nun kann er zu diesem Ziel viel rascher, wirtschaftlicher und mit weit erhöhter Erfolgswahrscheinlichkeit gelangen.
In dem Masse, wie jeder wirtschaftende Mensch sich seines wirtschaftlichen Interesses zunehmend bewusster wird, wird er durch dieses Interesse, ohne irgendeine Übereinkunft, ohne gesetzlichen Zwang und selbst ohne Rücksicht auf das öffentliche Interesse, dazu geführt, seine Waren gegen andere, leichter verkäufliche Waren einzutauschen, selbst wenn er sie für keinen unmittelbaren Konsumzweck benötigt. Mit dem wirtschaftlichen Fortschritt können wir daher überall die Erscheinung beobachten, dass eine gewisse Zahl von Gütern, besonders die zu einer gegebenen Zeit und an einem gegebenen Ort am leichtesten verkäuflichen, unter dem mächtigen Einfluss der Gewohnheit für jedermann im Handel annehmbar werden und somit fähig sind, im Tausch für jede beliebige andere Ware hergegeben zu werden. Diese Güter wurden von unseren Vorfahren „Geld"86 genannt, ein Ausdruck, der von „gelten" abgeleitet ist, was so viel wie vergüten oder zahlen bedeutet. Daher bezeichnet der Ausdruck „Geld" in unserer Sprache das Zahlungsmittel als solches.87
Die grosse Bedeutung der Gewohnheit88 für die Entstehung des Geldes lässt sich unmittelbar erkennen, wenn man den oben beschriebenen Vorgang betrachtet, durch den gewisse Güter zu Geld wurden. Der Tausch weniger leicht verkäuflicher Waren gegen Waren von grösserer Absatzfähigkeit liegt im wirtschaftlichen Interesse jedes wirtschaftenden Menschen. Der tatsächliche Vollzug von Tauschoperationen dieser Art setzt jedoch eine Kenntnis ihres Interesses seitens der wirtschaftenden Menschen voraus. Denn sie müssen bereit sein, im Tausch für ihre Waren um seiner grösseren Absatzfähigkeit willen ein Gut anzunehmen, das für sie selbst vielleicht völlig nutzlos ist. Diese Kenntnis wird niemals von allen Angehörigen eines Volkes zur selben Zeit erlangt. Im Gegenteil, nur eine geringe Zahl wirtschaftender Menschen wird zunächst den Vorteil erkennen, der ihnen aus der Annahme anderer, leichter verkäuflicher Waren im Tausch für ihre eigenen erwächst, wann immer ein unmittelbarer Tausch ihrer Waren gegen die Güter, die sie verbrauchen wollen, unmöglich oder höchst ungewiss ist. Dieser Vorteil ist von einer allgemeinen Anerkennung irgendeiner Ware als Geld unabhängig. Denn ein Tausch dieser Art wird stets, unter welchen Umständen auch immer, einen wirtschaftenden Menschen seinem letzten Ziel, dem Erwerb der Güter, die er verbrauchen will, beträchtlich näherbringen. Da es für die Menschen keinen besseren Weg gibt, über ihre wirtschaftlichen Interessen aufgeklärt zu werden, als die Beobachtung des wirtschaftlichen Erfolges derer, die die richtigen Mittel zur Erreichung ihrer Ziele anwenden, ist es offensichtlich, dass nichts die Entstehung des Geldes so sehr begünstigte wie die lange geübte und wirtschaftlich vorteilhafte Annahme der vorzüglich verkäuflichen Waren im Tausch für alle anderen durch die einsichtigsten und fähigsten wirtschaftenden Menschen. Auf diese Weise trugen Gewohnheit und Übung in nicht geringem Masse dazu bei, die zu einer gegebenen Zeit am leichtesten verkäuflichen Waren in Waren zu verwandeln, die nicht bloss von vielen, sondern von allen wirtschaftenden Menschen im Tausch für ihre eigenen Waren angenommen wurden.89
Innerhalb der Grenzen eines Staates übt die Rechtsordnung gewöhnlich einen Einfluss auf den Geldcharakter der Waren aus, der zwar gering ist, aber nicht geleugnet werden kann. Der Ursprung des Geldes (im Unterschied zur Münze, die nur eine Spielart des Geldes ist) ist, wie wir gesehen haben, gänzlich natürlich und zeigt daher nur in den seltensten Fällen einen gesetzgeberischen Einfluss. Geld ist keine Erfindung des Staates. Es ist nicht das Erzeugnis eines gesetzgeberischen Aktes. Selbst die Sanktion der staatlichen Gewalt ist für sein Dasein nicht erforderlich. Gewisse Waren wurden ganz natürlich zu Geld, als Ergebnis wirtschaftlicher Verhältnisse, die von der Macht des Staates unabhängig waren.
Erhält jedoch ein Gut, den Bedürfnissen des Handels entsprechend, die Sanktion des Staates als Geld, so ist die Folge, dass nicht nur jede Zahlung an den Staat selbst, sondern alle anderen Zahlungen, die nicht ausdrücklich in anderen Gütern vereinbart sind, mit rechtsverbindlicher Wirkung nur in Einheiten dieses Gutes gefordert oder angeboten werden können. Eine weitere und besonders wichtige Folge wird sein, dass dann, wenn eine Zahlung ursprünglich in anderen Gütern vereinbart worden ist, aber aus irgendeinem Grunde nicht geleistet werden kann, die an ihre Stelle tretende Zahlung gleichermassen mit rechtsverbindlicher Wirkung nur in Einheiten des einen bestimmten Gutes gefordert oder angeboten werden kann. So verleiht die Sanktion des Staates einem bestimmten Gut die Eigenschaft, ein allgemeiner Ersatz im Tausch zu sein, und obgleich der Staat für das Dasein des Geldcharakters des Gutes nicht verantwortlich ist, ist er für eine bedeutende Verbesserung seines Geldcharakters verantwortlich.90
2. Die den einzelnen Völkern und einzelnen geschichtlichen Zeiträumen angemessenen Arten des Geldes
Geld ist weder das Erzeugnis einer Übereinkunft seitens der wirtschaftenden Menschen noch das Erzeugnis gesetzgeberischer Akte. Niemand hat es erfunden. In dem Masse, wie die wirtschaftenden Menschen in gesellschaftlichen Verhältnissen sich ihres wirtschaftlichen Interesses zunehmend bewusst wurden, gelangten sie überall zu der einfachen Erkenntnis, dass die Hingabe weniger verkäuflicher Waren für andere von grösserer Verkäuflichkeit sie der Erreichung ihrer bestimmten wirtschaftlichen Zwecke wesentlich näherbringt. So entstand mit der fortschreitenden Entwicklung der gesellschaftlichen Wirtschaft das Geld in zahlreichen Zentren der Zivilisation unabhängig voneinander. Doch gerade weil das Geld ein natürliches Erzeugnis der menschlichen Wirtschaft ist, waren die besonderen Formen, in denen es in Erscheinung trat, überall und zu allen Zeiten das Ergebnis besonderer und wechselnder wirtschaftlicher Verhältnisse. Bei demselben Volk zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern zur selben Zeit haben verschiedene Güter die oben beschriebene besondere Stellung im Handel erlangt.
In den frühesten Zeiträumen der wirtschaftlichen Entwicklung scheint bei den meisten Völkern der alten Welt das Vieh die absatzfähigste Ware gewesen zu sein. Die Haustiere bildeten bei den Nomaden und bei den vom Nomadenleben zum Ackerbau übergehenden Völkern den hauptsächlichen Bestandteil des Vermögens eines jeden Einzelnen. Ihre Absatzfähigkeit erstreckte sich buchstäblich auf alle wirtschaftenden Menschen, und das Fehlen künstlicher Strassen machte sie zusammen mit dem Umstand, dass das Vieh sich selbst beförderte (in den primitiven Kulturstufen fast ohne Kosten!), über ein weiteres geographisches Gebiet hin verkäuflich als die meisten anderen Waren. Eine Reihe von Umständen begünstigte überdies weite quantitative und zeitliche Grenzen ihrer Absatzfähigkeit. Eine Kuh ist eine Ware von beträchtlicher Haltbarkeit. Ihre Erhaltungskosten sind unbedeutend, wo Weiden im Überfluss vorhanden sind und wo die Tiere unter freiem Himmel gehalten werden. Und in einer Kultur, in der jeder möglichst grosse Herden zu besitzen sucht, wird das Vieh gewöhnlich zu keinem Zeitpunkt in übermässigen Mengen auf den Markt gebracht. In dem Zeitraum, von dem ich spreche, gab es kein ähnliches Zusammentreffen von Umständen, das einer anderen Ware einen ebenso weiten Bereich der Absatzfähigkeit verschafft hätte. Fügt man diesen Umständen noch die Tatsache hinzu, dass der Handel mit Haustieren mindestens ebenso gut entwickelt war wie der Handel mit irgendeiner anderen Ware, so erscheint das Vieh als die absatzfähigste aller verfügbaren Waren und mithin als das natürliche Geld der Völker der alten Welt.
Der Handel und Verkehr des kultiviertesten Volkes der alten Welt, der Griechen, deren Entwicklungsstufen die Geschichte uns in ziemlich deutlichen Umrissen offenbart hat, zeigte noch so spät wie zur Zeit Homers keine Spur von gemünztem Geld. Noch herrschte der Tauschhandel vor, und der Reichtum bestand aus Viehherden. Zahlungen wurden in Vieh geleistet. Preise wurden in Vieh berechnet. Und Vieh diente zur Zahlung von Bussen. Selbst Drakon verhängte Bussen in Vieh, und diese Übung wurde erst aufgegeben, als Solon sie, offenbar weil sie sich überlebt hatten, in metallisches Geld umwandelte, und zwar zum Satz von einer Drachme für ein Schaf und fünf Drachmen für eine Kuh. Noch deutlicher als bei den Griechen lassen sich Spuren des Viehgeldes bei den viehzüchtenden Vorfahren der Völker der italienischen Halbinsel erkennen. Bis sehr spät bildeten das Vieh und, ihm zunächst, die Schafe das Tauschmittel bei den Römern. Ihre frühesten gesetzlichen Strafen waren Viehbussen (in Rindern und Schafen verhängt), die noch in der lex Aternia Tarpeia des Jahres 454 v. Chr. erscheinen und erst 24 Jahre später in gemünztes Geld umgewandelt wurden.91
Bei unseren eigenen Vorfahren, den alten germanischen Stämmen, galt zu einer Zeit, da sie nach Tacitus silberne und irdene Gefässe gleich hoch schätzten, eine grosse Viehherde als gleichbedeutend mit Reichtum. Der Tauschhandel stand im Vordergrund, ebenso wie bei den Griechen der homerischen Zeit, und wiederum dienten Vieh und, in diesem Fall, Pferde (und auch Waffen!) bereits als Tauschmittel. Das Vieh bildete ihren höchstgeschätzten Besitz und wurde allem anderen vorgezogen. Gesetzliche Bussen wurden in Vieh und Waffen gezahlt und erst später in metallischem Geld.92 Noch Otto der Grosse verhängte Bussen in Form von Vieh.
Bei den Arabern bestand der Viehstandard noch zur Zeit Mohammeds.93 Bei den Völkern Ostkleinasiens, wo die Schriften Zarathustras, das Zendavesta, als heilig galten, wurden andere Geldformen erst recht spät an die Stelle des Viehstandards gesetzt, nachdem die Nachbarvölker längst zu einer metallischen Währung übergegangen waren.94 Dass Vieh bei den Hebräern, bei den Völkern Kleinasiens und bei den Bewohnern Mesopotamiens in vorgeschichtlicher Zeit als Währung diente, darf man annehmen, wenngleich wir dafür keine Belege finden können. Diese Stämme traten allesamt auf einer Stufe der Gesittung in die Geschichte ein, auf der sie den Viehstandard vermutlich bereits hinter sich gelassen hatten — wenn es gestattet sein mag, durch Analogie aus späteren Entwicklungen allgemeine Schlüsse zu ziehen, und aus dem Umstand, dass es in einer primitiven Gesellschaft widernatürlich erscheint, grosse Zahlungen in Metall oder metallenen Geräten zu leisten.
Doch die fortschreitende Gesittung, und vor allem die Arbeitsteilung und ihre natürliche Folge, die allmähliche Bildung von Städten, die von einer hauptsächlich dem Gewerbe ergebenen Bevölkerung bewohnt wurden, mussten überall die Wirkung haben, gleichzeitig die Absatzfähigkeit des Viehs zu vermindern und die Absatzfähigkeit vieler anderer Waren, insbesondere der damals gebräuchlichen Metalle, zu steigern. Der Handwerker, der mit dem Bauern in Handel zu treten begann, war selten in der Lage, Vieh als Geld anzunehmen; für einen Stadtbewohner brachte der zeitweilige Besitz von Vieh notwendigerweise nicht nur Unannehmlichkeiten, sondern auch beträchtliche wirtschaftliche Opfer mit sich; und das Halten und Füttern von Vieh erlegte dem Bauern nur so lange kein bedeutendes wirtschaftliches Opfer auf, wie er über unbegrenzte Weide verfügte und gewohnt war, sein Vieh auf freiem Feld zu halten. Mit dem Fortschritt der Gesittung verlor das Vieh daher zu einem grossen Teil die weite Absatzfähigkeit, die es zuvor hinsichtlich der Zahl der Personen, an die, und hinsichtlich des Zeitraums, innerhalb dessen es wirtschaftlich verkauft werden konnte, besessen hatte. Zugleich trat es gegenüber anderen Gütern hinsichtlich der räumlichen und mengenmässigen Grenzen seiner Absatzfähigkeit immer mehr in den Hintergrund. Es hörte auf, die absatzfähigste der Waren, die wirtschaftliche Form des Geldes zu sein, und hörte schliesslich überhaupt auf, Geld zu sein.
In allen Kulturen, in denen das Vieh zuvor den Charakter des Geldes gehabt hatte, wurde das Viehgeld mit dem Übergang von einem nomadischen Dasein und einfachem Ackerbau zu einem komplexeren System, in dem das Handwerk betrieben wurde, aufgegeben, und seine Stelle wurde von den damals gebräuchlichen Metallen eingenommen. Zu den Metallen, die zuerst hauptsächlich von den Menschen wegen ihrer leichten Gewinnung und Schmiedbarkeit bearbeitet wurden, gehörten Kupfer, Silber, Gold und in manchen Fällen auch Eisen. Der Übergang vollzog sich recht reibungslos, als er notwendig wurde, da metallene Geräte und das rohe Metall selbst zweifellos bereits überall neben der Viehwährung als Geld in Gebrauch gewesen waren, um kleine Zahlungen zu leisten.
Kupfer war das früheste Metall, aus dem der Pflug des Bauern, die Waffen des Kriegers und die Werkzeuge des Handwerkers gefertigt wurden. Kupfer, Gold und Silber waren die frühesten Stoffe, die für Gefässe und Schmuckwerk jeder Art verwendet wurden. Auf der Kulturstufe, auf der die Völker vom Viehgeld zu einer ausschliesslich metallischen Währung übergingen, waren daher Kupfer und vielleicht einige seiner Legierungen Güter von sehr allgemeinem Gebrauch, und Gold und Silber waren, als die wichtigsten Mittel zur Befriedigung jener allgemeinsten Leidenschaft der primitiven Menschen, des Verlangens, sich im Äusseren vor den anderen Mitgliedern des Stammes hervorzutun, zu Gütern allgemeinsten Begehrens geworden. Solange sie wenige Verwendungen hatten, kursierten die drei Metalle fast ausschliesslich in fertiger Form. Später, als rohes Metall kursierend, waren sie in der Verwendung weniger eingeschränkt und besassen grössere Teilbarkeit. Ihre Absatzfähigkeit war weder auf eine geringe Zahl wirtschaftender Personen beschränkt, noch wegen ihrer grossen Nützlichkeit für alle Völker und ihrer leichten Transportierbarkeit bei verhältnismässig geringen wirtschaftlichen Opfern in enge räumliche Grenzen gebannt. Wegen ihrer Haltbarkeit waren sie in ihrer Absatzfähigkeit nicht auf enge zeitliche Grenzen beschränkt. Infolge des allgemeinen Wettbewerbs um sie liessen sie sich leichter zu wirtschaftlichen Preisen absetzen als irgendeine andere Ware in vergleichbaren Mengen (S. 227). So beobachten wir in der geschichtlichen Periode, die dem Nomadentum und einfachen Ackerbau folgte, eine wirtschaftliche Lage, in der diese drei Metalle, als die absatzfähigsten Güter, zum ausschliesslichen Tauschmittel wurden.
Dieser Übergang vollzog sich nicht jäh, noch vollzog er sich bei allen Völkern auf dieselbe Weise. Der neuere metallische Standard mag lange Zeit neben dem älteren Viehstandard in Gebrauch gewesen sein, bevor er den letzteren vollständig ersetzte. Der Wert eines Tieres mag, in metallischem Geld ausgedrückt, noch als Grundlage der Währungseinheit gedient haben, nachdem das Metall das Vieh als Währung im Handel bereits vollständig verdrängt hatte. Das Dekaboion, Tessearboion und Hekatomboion der Griechen und das früheste metallische Geld der Römer und Gallier waren wahrscheinlich von dieser Beschaffenheit, und das auf den Metallstücken erscheinende Tierbild war wahrscheinlich ein Sinnbild dieses Wertes.95
Es ist, gelinde gesagt, ungewiss, ob Kupfer oder Messing, als die wichtigsten der gebräuchlichen Metalle, das früheste Tauschmittel waren und ob die edlen Metalle die Funktion des Geldes erst später erlangten. In Ostasien, in China und vielleicht auch in Indien erlebte der Kupferstandard seine vollständigste Entwicklung. In Mittelitalien entwickelte sich gleichfalls ein ausschliesslicher Kupferstandard. In den alten Kulturen am Euphrat und Tigris hingegen sind nicht einmal Spuren des einstigen Bestehens eines ausschliesslichen Kupferstandards zu finden, und in Kleinasien und Ägypten sowie in Griechenland, Sizilien und Unteritalien wurde seine selbständige Entwicklung, wo immer er überhaupt bestanden hatte, durch die gewaltige Entwicklung des Mittelmeerhandels gehemmt, der mit Kupfer allein nicht hinlänglich betrieben werden konnte. Es ist aber gewiss, dass alle Völker, die durch die materiellen Umstände, unter denen sich ihre Wirtschaft entwickelte, zur Annahme eines Kupferstandards geführt wurden, mit der weiteren Entwicklung der Gesittung und besonders mit der geographischen Ausdehnung des Handels von den weniger edlen Metallen zu den edleren übergingen, von Kupfer und Eisen zu Silber und Gold. Überall ferner, wo sich ein Silberstandard festsetzte, gab es einen späteren Übergang zu einem Goldstandard, und wenn der Übergang auch nicht immer tatsächlich vollzogen wurde, so bestand doch gleichwohl die Tendenz dazu.
Im engen Handel einer alten sabinischen Stadt mit dem umliegenden Gebiet, und im Einklang mit der frühen Einfachheit der sabinischen Sitten, diente, als der Viehstandard sich überlebt hatte, das Kupfer den praktischen Zwecken der Bauern wie auch der Stadtbewohner am besten. Es war das wichtigste gebräuchliche Metall, gewiss die Ware, deren Absatzfähigkeit sich auf die grösste Zahl von Personen erstreckte, und die mengenmässigen Grenzen seiner Absatzfähigkeit waren weiter als die irgendeiner anderen Ware — die wichtigsten Erfordernisse des Geldes in den primitiven Stufen der Gesittung. Es war überdies ein Gut, dessen leichte und wenig kostspielige Erhaltung und Aufbewahrung in kleinen Mengen und dessen verhältnismässig mässige Transportkosten es in hinlänglichem Masse für Geldzwecke innerhalb enger geographischer Grenzen tauglich machten. Doch sobald sich der Handelsraum erweiterte, sobald sich der Warenumschlag beschleunigte und sobald die edlen Metalle mehr und mehr die absatzfähigsten Waren einer neuen Epoche wurden, verlor das Kupfer naturgemäss seine Fähigkeit, als Geld zu dienen. Da sich der Handel dieses Volkes über die ganze Welt erstreckte, bei dem raschen Umschlag seiner Waren und bei der zunehmenden Arbeitsteilung empfand jeder wirtschaftende Einzelne mehr und mehr das Bedürfnis, Geld bei sich zu führen. Mit dem Fortschritt der Gesittung wurden die edlen Metalle zu den absatzfähigsten Waren und damit zum natürlichen Geld wirtschaftlich hoch entwickelter Völker.
Die Geschichte anderer Völker bietet ein Bild grosser Unterschiede in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung und somit auch in ihren Geldeinrichtungen. Als Mexiko zum ersten Mal von Europäern überfallen wurde, scheint es bereits eine ungewöhnliche Stufe wirtschaftlicher Entwicklung erreicht zu haben, den von Augenzeugen veröffentlichten Berichten über den damaligen Zustand des Landes zufolge. Der Handel der alten Azteken ist für uns aus zwei Gründen von besonderem Interesse: (1) er beweist uns, dass das wirtschaftliche Denken, das die Menschen zu einer auf die möglichst volle Befriedigung ihrer Bedürfnisse gerichteten Tätigkeit führt, überall für analoge wirtschaftliche Erscheinungen verantwortlich ist, und (2) das alte Mexiko bietet uns das Bild eines Landes im Zustand des Übergangs von einer reinen Tauschwirtschaft zu einer Geldwirtschaft. Wir haben somit das Zeugnis einer Lage, in der wir den charakteristischen Vorgang beobachten können, durch den eine Reihe von Gütern grössere Geltung erlangt als die übrigen und zu Geld wird.
Die Berichte der Konquistadoren und zeitgenössischer Schriftsteller schildern Mexiko als ein Land mit zahlreichen Städten und einem wohlorganisierten und ansehnlichen Warenhandel. In den Städten gab es tägliche Märkte, und alle fünf Tage wurden grosse Märkte abgehalten, die so über das Land verteilt waren, dass der grosse Markt einer Stadt nicht durch den Wettbewerb desjenigen einer benachbarten Stadt beeinträchtigt wurde. In jeder Stadt gab es einen besonderen grossen Platz für den Warenhandel, und auf ihm war jeder Ware ein bestimmter Platz zugewiesen, ausserhalb dessen der Handel mit dieser Ware verboten war. Die einzigen Ausnahmen von dieser Regel waren Nahrungsmittel und schwer zu transportierende Gegenstände (Bauholz, Gerbstoffe, Steine usw.). Die Zahl der auf dem Marktplatz der Hauptstadt Mexiko versammelten Menschen wurde auf 20.000 bis 25.000 für die täglichen Märkte und auf 40.000 bis 50.000 an grossen Markttagen geschätzt. Eine sehr grosse Vielfalt von Waren wurde gehandelt.96
Die interessante Frage, die sich erhebt, ist, ob auf den Märkten des alten Mexiko, die denen Europas in so vielerlei Hinsicht ähnelten, auch bereits Erscheinungen aufgetreten waren, die unserem Geld nach Natur und Ursprung analog sind.
Der eigentliche Bericht der spanischen Eroberer lautet, dass der Handel Mexikos zu der Zeit, als sie das Land zum ersten Mal betraten, sich längst nicht mehr ausschliesslich innerhalb der Grenzen des einfachen Tauschhandels bewegte und dass einige Waren stattdessen bereits jene besondere Stellung im Handel erlangt hatten, die ich früher ausführlicher erörtert habe — das heisst die Stellung des Geldes. Kakaobohnen in kleinen Säckchen, die 8.000 bis 24.000 Bohnen enthielten, gewisse kleine baumwollene Tücher, Goldstaub in Gänsekielen, die nach Grösse angenommen wurden (Waagen und Wägeinstrumente waren den Mexikanern überhaupt unbekannt), Kupferstücke und schliesslich dünne Zinnstücke scheinen die Waren gewesen zu sein, die von jedermann bereitwillig (als Geld) angenommen wurden, selbst wenn die sie empfangenden Personen sie nicht unmittelbar benötigten, sooft ein unmittelbarer Tausch sogleich brauchbarer Waren nicht zustande gebracht werden konnte.
Augenzeugen erwähnen die folgenden Waren als auf den mexikanischen Märkten gehandelt: lebende und tote Tiere, Kakao, alle anderen Nahrungsmittel, Edelsteine, Heilpflanzen, Kräuter, Gummi, Harze, Erden, zubereitete Arzneien, Waren aus den Fasern der Agave, aus Palmblättern und aus Tierhaaren, Erzeugnisse aus Federn und aus Holz und Stein und schliesslich Gold, Kupfer, Zinn, Bauholz, Steine, Gerbstoffe und Häute. Wenn wir nicht nur diese Warenliste betrachten, sondern auch (1) den Umstand, dass Mexiko zur Zeit seiner Entdeckung durch Europäer bereits ein entwickeltes Land mit einigem Gewerbe und volkreichen Städten war, (2) dass, da die Mehrzahl unserer Haustiere ihnen unbekannt war, ein Viehstandard gänzlich ausser Frage stand, (3) dass Kakao das tägliche Getränk, Baumwolle der gebräuchlichste Kleidungsstoff und Gold, Kupfer und Zinn die am weitesten verbreiteten Metalle des aztekischen Volkes waren und (4) dass die Natur dieser Waren und der Umstand ihres allgemeinen Gebrauchs ihnen grössere Absatzfähigkeit verlieh als allen anderen Waren, so ist es nicht schwer, genau zu verstehen, warum diese Güter zum Geld des aztekischen Volkes wurden. Sie waren die natürliche, wenn auch wenig entwickelte Währung des alten Mexiko.
Analoge Ursachen waren dafür verantwortlich, dass Tierfelle bei Jägervölkern, die äusseren Handel trieben, zu Geld wurden. Bei Jägerstämmen herrscht naturgemäss ein Überangebot an Fellen, da die Versorgung einer Familie mit Nahrung durch die Jagd zu einer so grossen Anhäufung von Fellen führt, dass unter den Mitgliedern des Jägerstammes höchstens ein Wettbewerb um besonders schöne oder seltene Arten von Fellen entstehen kann. Tritt der Stamm aber in Handel mit fremden Völkern ein, und entsteht ein Markt für Felle, auf dem nach Wahl der Jäger zahlreiche verbrauchbare Güter gegen Felle eingetauscht werden können, so ist nichts natürlicher, als dass Felle zum absatzfähigsten Gut werden und dass sie folglich selbst bei Tauschvorgängen, die zwischen den Jägern selbst stattfinden, bevorzugt und angenommen werden. Gewiss benötigt Jäger A die Felle des Jägers B, die er in einem Tausch annimmt, nicht, doch ist er sich dessen bewusst, dass er sie auf den Märkten leicht gegen andere Güter wird eintauschen können, die er benötigt. Er zieht daher die Felle, obwohl auch sie für ihn nur den Charakter von Waren haben, anderen, weniger leicht absetzbaren Waren in seinem Besitz vor. Wir können dieses Verhältnis tatsächlich bei fast allen Jägerstämmen beobachten, die mit ihren Fellen Aussenhandel treiben.²⁰
Der Umstand, dass im Inneren Afrikas Sklaven und Salzbrocken zu Geld wurden und dass Wachskuchen am oberen Amazonas, Kabeljau in Island und Neufundland, Tabak in Maryland und Virginia, Zucker in Britisch-Westindien und Elfenbein in der Umgebung der portugiesischen Kolonien die Funktionen des Geldes übernahmen, erklärt sich daraus, dass diese Güter die wichtigsten von diesen Orten ausgeführten Waren waren und in manchen Fällen noch sind. So erlangen sie, ganz wie es die Felle bei den Jägerstämmen taten, eine herausragende Absatzfähigkeit.
Der örtliche Geldcharakter vieler anderer Güter dagegen lässt sich auf ihren grossen und allgemeinen örtlichen Gebrauchswert und ihre daraus folgende Absatzfähigkeit zurückführen. Beispiele sind der Geldcharakter von Datteln in der Oase Siwa, von Teeziegeln in Zentralasien und Sibirien, von Glasperlen in Nubien und Sennar und von Ghussub, einer Art Hirse, im Land Ahir (Afrika). Ein Beispiel, in dem beide Faktoren für den Geldcharakter eines Gutes verantwortlich gewesen sind, liefern die Kaurimuscheln, die zugleich sowohl ein allgemein begehrter Schmuck als auch eine Ausfuhrware gewesen sind.97
So stellt sich uns das Geld in seinen örtlich und zeitlich besonders verschiedenen Formen nicht als das Ergebnis einer Übereinkunft, eines gesetzgeberischen Zwanges oder eines blossen Zufalls dar, sondern als das natürliche Erzeugnis der Unterschiede in der wirtschaftlichen Lage verschiedener Völker zur selben Zeit oder desselben Volkes in verschiedenen Perioden seiner Geschichte.
Amerika", Das Ausland, XIX, Nr. 21, [21. Jan. 1846], 12. Das estnische Wort „raha" (Geld) hat in der verwandten Sprache der Lappen die Bedeutung von Pelz (Philipp Krug, Zur Münzkunde Russlands, St. Petersburg, 1805). Über das Pelzgeld im russischen Mittelalter siehe den Bericht des Nestor (A.L. Schlözer, Übersetzer, Nestor, Russische Annalen, Göttingen, 1802–1809, III, 90). Das alte Wort „kung" (Geld) bedeutet eigentlich Marder. Noch im Jahr 1610 wurde eine russische Kriegskasse erbeutet, die 5450 Rubel in Silber und Pelze im Wert von 7000 Rubeln enthielt. (Siehe Nikolai Karamzin, Geschichte des russischen Reichs, Riga, 1820–1833, XI, 183.) Siehe auch Roscher, a.a.O., S. 309, und Heinrich Storch, Handbuch der National-Wirthschaftslehre, hrsg. von K.H. Rau, Hamburg, 1820, III, 25–26.
3. Das Geld als „Preismass" und als die wirtschaftlichste Form zur Aufbewahrung austauschbaren Vermögens
Da die fortschreitende Entwicklung des Handels und das Wirken des Geldes eine wirtschaftliche Lage hervorbringen, in der Waren aller Art gegeneinander getauscht werden, und da die Grenzen, innerhalb deren sich die Preise bilden, unter dem Einfluss lebhaften Wettbewerbs immer enger werden (S. 201), lag der Gedanke nahe, dass alle Waren an einem gegebenen Ort und zu einer gegebenen Zeit in einem bestimmten Preisverhältnis zueinander stehen, auf dessen Grundlage sie nach Belieben gegeneinander getauscht werden können.
Angenommen, die Preise der unten aufgeführten Waren (unter der Annahme, dass sie von gegebener Beschaffenheit sind), die auf einem bestimmten Markt zu einer gegebenen Zeit festgestellt wurden, seien wie folgt:
| Tatsächliche Preise (pro Ztr.) | Durchschnittspreis (pro Ztr.) | |
|---|---|---|
| Zucker | 24–26 Taler | 25 Taler |
| Baumwolle | 29–31 Taler | 30 Taler |
| Weizenmehl | 5 ½–6 ½ Taler | 6 Taler |
Nimmt man nun an, dass der Durchschnittspreis einer Ware ein solcher ist, zu dem sie sowohl gekauft als auch verkauft werden kann, so erscheinen in dem Beispiel 4 Zentner Zucker als das „Äquivalent" von 3 1/3 Zentnern Baumwolle, dieses als das „Äquivalent" von 16 2/3 Zentnern Weizenmehl und von 100 Talern, und umgekehrt. Wir brauchen nur das Äquivalent (in diesem Sinne) einer Ware (oder eines ihrer vielen Äquivalente) ihren „Tauschwert" zu nennen und die Geldsumme, für die sie sowohl gekauft als auch verkauft werden kann, ihren „Tauschwert im bevorzugten Sinne des Wortes", um zu dem Begriff des Tauschwertes überhaupt und des Geldes als des „Masses des Tauschwertes" im Besonderen zu gelangen, die unsere Wissenschaft beherrschen.
„In einem Land, in dem ein lebhafter Handel herrscht", schreibt Turgot, „wird jede Art von Gut einen laufenden Preis in Bezug auf jedes andere Gut haben, was bedeutet, dass eine bestimmte Menge eines Gutes einer bestimmten Menge jeder anderen Art von Gut gleichwertig sein wird. Um den Tauschwert eines bestimmten Gutes auszudrücken, genügt es offenbar, die Menge einer anderen bekannten Ware anzugeben, die als sein Äquivalent angesehen wird. Daraus ist zu ersehen, dass alle Arten von Gütern, die Gegenstände des Handels sein können, gleichsam aneinander gemessen werden und dass jedes von ihnen als Massstab für alle anderen dienen kann."98 Ähnliche Gedanken sind von fast allen anderen Nationalökonomen geäussert worden, die wie Turgot im Verlauf seines berühmten Essays über den Ursprung und die Verteilung des nationalen Reichtums zu dem Schluss kommen, dass das Geld unter allen möglichen „Massen des Tauschwertes" das geeignetste und daher auch das gebräuchlichste sei. Der einzige Mangel dieses Masses soll darin liegen, dass der Wert des Geldes nicht fest, sondern veränderlich ist,99 und dass das Geld daher ein verlässliches Mass des „Tauschwertes" für jeden gegebenen Augenblick liefert, nicht aber für verschiedene Zeitpunkte.
In meiner Erörterung der Preistheorie habe ich jedoch gezeigt, dass Äquivalente von Gütern im objektiven Sinne des Wortes nirgends in der Wirtschaft der Menschen beobachtet werden können (S. 193) und dass die gesamte Theorie, die das Geld als das „Mass des Tauschwertes" der Güter darstellt, in nichts zerfällt, da die Grundlage der Theorie eine Fiktion, ein Irrtum ist.
Wenn ein Zentner Wolle von gegebener Beschaffenheit in einer bestimmten Transaktion auf einem Wollmarkt für 103 Gulden verkauft wird, so findet sich oft, dass auf demselben Markt und zur selben Zeit Transaktionen zu höheren und niedrigeren Preisen stattfinden, etwa zu 104, 103 ½ und zu 102 und 102 ½ Gulden. Oft auch erklären sich die Käufer auf dem Markt bereit, zu 101 Gulden zu „nehmen", während die Verkäufer gleichzeitig erklären, nur zu 105 Gulden „anbieten" zu wollen. Was ist in einem solchen Fall der „Tauschwert" der Wolle? Oder, um dieselbe Frage in umgekehrter Weise zu stellen, welche Menge Wolle ist der „Tauschwert" von beispielsweise 100 Gulden? Offenbar lässt sich nur sagen, dass ein Zentner Wolle auf jenem Markt zu jener Zeit zwischen den Grenzen von 101 und 105 Gulden gekauft oder verkauft werden kann.100 Eine bestimmte Menge Wolle und eine bestimmte Menge Geld (oder irgendeiner anderen Ware) aber, die gegenseitig füreinander getauscht werden können — die Äquivalente im objektiven Sinne des Wortes sind —, kann nirgends beobachtet werden, denn sie existieren nicht. Von einem Mass dieser Äquivalente (einem Mass des „Tauschwertes") kann somit keine Rede sein.
Es trifft zu, dass mehrere wirtschaftliche Zwecke des praktischen Lebens ein Bedürfnis nach Schätzungen von annähernder Genauigkeit hervorgerufen haben, insbesondere nach Schätzungen in Geld. Wo nur eine annähernde Richtigkeit der Veranschlagungen erforderlich ist, können Durchschnittspreise mit Recht als Grundlage der Schätzung dienen, da sie für diesen Zweck im Allgemeinen am geeignetsten sind. Es ist jedoch klar, dass sich diese Methode der Güterschätzung als völlig unzureichend und sogar als fehlerhaft erweisen muss, selbst für das praktische Leben, sobald ein höherer Grad an Genauigkeit notwendig wird. Wenn eine genaue Schätzung der Güter erforderlich ist, müssen je nach Absicht der schätzenden Person drei Dinge unterschieden werden. Sie muss ihr Augenmerk darauf richten, (1) den Preis zu schätzen, zu dem bestimmte Güter, sofern sie auf den Markt gebracht werden, verkauft werden können, (2) den Preis, zu dem Güter einer bestimmten Art und Beschaffenheit auf dem Markt gekauft werden können, und (3) die Warenmenge oder die Geldsumme, die für das betreffende Individuum selbst das Äquivalent eines Gutes oder einer Gütermenge darstellt.
Die Grundlage für die ersten beiden Schätzungen ergibt sich aus dem Gesagten. Die Preisbildung, so haben wir gesehen, vollzieht sich stets zwischen zwei Extremen, deren niedrigeres auch Nachfragepreis genannt werden kann (der Preis, zu dem die Ware auf dem Markt nachgefragt wird) und deren höheres auch Angebotspreis genannt werden kann (der Preis, zu dem die Ware auf dem Markt zum Verkauf angeboten wird).101 Ersterer wird im Allgemeinen die Grundlage für die erste Schätzung bilden und Letzterer die Grundlage für die zweite. Die dritte Schätzung ist schwieriger, da sie die besondere Stellung betrifft, die das Gut oder die Gütermenge, deren Äquivalent (im subjektiven Sinne des Wortes) in Betracht gezogen wird, in der Wirtschaft des wirtschaftenden Individuums einnimmt. Denn wenn er dieses Äquivalent schätzt, erwägt er zugleich, ob das Gut für ihn überwiegenden Gebrauchswert oder überwiegenden Tauschwert besitzt; handelt es sich um Mengen eines Gutes, so erwägt er, welcher Teil für ihn überwiegenden Gebrauchswert und welcher Teil überwiegenden Tauschwert hat.
Nehmen wir an, A besitze die Güter a, b und c, die für ihn überwiegenden Gebrauchswert haben, sowie die Güter d, e und f, die für ihn überwiegenden Tauschwert haben. Die Geldsumme, die er durch den Verkauf der ersten Gruppe zu erzielen erwartet, wäre für ihn kein Äquivalent dieser Güter, da ihr Gebrauchswert für ihn die höhere, ökonomische Form ist. Vielmehr wird nur eine Geldsumme, die identische Güter oder solche Güter zu erwerben gestattet, die für ihn denselben Gebrauchswert haben, ein Äquivalent dieser Güter für ihn sein. Die Güter d, e und f hingegen sind Waren und somit zum Verkauf bestimmt. Im gewöhnlichen Lauf der Dinge werden sie gegen Geld getauscht werden. Der Preis, den das wirtschaftende Individuum A für sie erwartet, ist in der Tat im Allgemeinen das Äquivalent dieser Güter.102 Das Äquivalent eines Gutes lässt sich daher nur in Bezug auf den Besitzer und die wirtschaftliche Stellung des Gutes für ihn richtig schätzen. Die Voraussetzung, die für die Bestimmung des Äquivalents eines Güterkomplexes (des Vermögens einer Person) notwendig ist, ist die gesonderte Schätzung des Äquivalents jedes Konsumgutes und jeder Ware in dem Komplex.103
Obgleich die Theorie des „Tauschwertes“ im Allgemeinen und, als notwendige Folge davon, die Theorie des Geldes als „Maß des Tauschwertes“ im Besonderen nach dem Gesagten als unhaltbar bezeichnet werden muss, lehrt uns die Betrachtung des Wesens und der Funktion des Geldes gleichwohl, dass die verschiedenen soeben erörterten Schätzungen (im Unterschied zur Messung des „Tauschwertes“ der Güter) gewöhnlich am zweckmäßigsten in Geld vorgenommen werden. Der Zweck der ersten beiden Veranschlagungen ist die Schätzung der Gütermengen, gegen die eine Ware zu einer gegebenen Zeit auf einem gegebenen Markt gekauft oder verkauft werden kann. Diese Gütermengen werden gewöhnlich nur aus Geld bestehen, wenn die in Aussicht genommenen Geschäfte tatsächlich ausgeführt werden, und die Kenntnis der Geldsummen, gegen die eine Ware gekauft oder verkauft werden kann, ist daher naturgemäß das unmittelbare Ziel der wirtschaftlichen Aufgabe der Schätzung.
Unter den Bedingungen eines entwickelten Handels ist die einzige Ware, in der alle anderen ohne Umwege bewertet werden können, das Geld. Wo immer der Tauschhandel im engeren Sinne des Wortes verschwindet und (zumeist) nur noch Geldsummen tatsächlich als Preise der verschiedenen Waren auftreten, fehlt eine verlässliche Grundlage für eine Bewertung in irgendeinem anderen als monetären Maßstab. Die Bewertung von Getreide oder Wolle etwa ist in Geld verhältnismäßig einfach. Die Bewertung von Wolle in Getreide aber, oder von Getreide in Wolle, bringt größere Schwierigkeiten mit sich, schon allein deshalb, weil ein unmittelbarer Tausch dieser beiden Güter niemals oder nur in den seltensten Ausnahmefällen stattfindet, mit der Folge, dass die Grundlage für eine solche Bewertung, nämlich die jeweiligen tatsächlichen Preise, fehlt. Eine Bewertung dieser Art ist daher gewöhnlich nur auf der Grundlage einer Berechnung möglich, die als Voraussetzung die vorherige Bewertung der beiden Güter in Geld erfordert. Die Bewertung eines Gutes in Geld hingegen lässt sich unmittelbar auf der Grundlage der bestehenden tatsächlichen Preise vornehmen.
Die Bewertung der Waren in Geld erfüllt also nicht nur, wie wir zuvor gesehen haben, die gewöhnlichen praktischen Zwecke der Bewertung am wirksamsten, sondern ist auch die bequemste und einfachste in der praktischen Handhabung. Die Bewertung in anderen Waren ist ein verwickelteres Verfahren, das vorherige Bewertungen in Geld voraussetzt.
Dasselbe lässt sich von der Schätzung der Güteräquivalente im subjektiven Sinne des Wortes sagen, da auch hier die ersten beiden Bewertungen ihre Voraussetzung und Grundlage bilden.
Damit ist klar, weshalb die einzige Ware, in der Bewertungen gewöhnlich vorgenommen werden, das Geld ist. In diesem Sinne, als die Ware, in der unter den Bedingungen eines entwickelten Handels in der Regel und am zweckmäßigsten bewertet wird, mag das Geld, wenn man will, ein Maß der Preise genannt werden.104,105
Ich habe oben die Gründe dargelegt, weshalb Schätzungen im Allgemeinen am wirksamsten in einer Ware vorgenommen werden können, die bereits Geldcharakter erlangt hat, sofern eine solche Ware vorhanden ist, und somit, weshalb Schätzungen tatsächlich in diesem Maßstab erfolgen, sofern nicht Eigentümlichkeiten der zum Geld gewordenen Ware dem entgegenstehen. Dieses Ergebnis ist jedoch keine notwendige Folge des Geldcharakters einer Ware. Man kann sich sehr leicht Fälle vorstellen, in denen eine Ware, die keinen Geldcharakter besitzt, gleichwohl als „Maß des Preises“ dient, oder Fälle, in denen nur die eine oder andere von mehreren Waren, die Geldcharakter erlangt haben, in dieser zusätzlichen Eigenschaft dient. Die Funktion, als Maß des Preises zu dienen, ist daher nicht notwendig ein Attribut von Waren, die Geldcharakter erlangt haben. Und wenn sie keine notwendige Folge der Tatsache ist, dass eine Ware zu Geld geworden ist, so ist sie noch viel weniger eine Voraussetzung oder Ursache dafür, dass eine Ware zu Geld wird.
Tatsächlich ist das Geld freilich im Allgemeinen ein sehr geeignetes Maß des Preises. Dies gilt insbesondere für das metallische Geld wegen seiner hohen Teilbarkeit und wegen der verhältnismäßig größeren Stabilität der seinen Wert bestimmenden Faktoren. Es gibt andere Waren, die Geldcharakter erlangt haben (Waffen, Geschirr, Bronzeringe usw.), die aber niemals als Maße des Preises verwendet worden sind. Die Funktion, als Maß des Preises zu dienen, ist daher nicht im Begriff des Geldes enthalten. Mehrere Nationalökonomen haben den Begriff des Geldes und den Begriff eines „Wertmaßes“ miteinander verschmolzen und sich infolgedessen in ein Missverständnis des wahren Wesens des Geldes verstrickt.
Dieselben Faktoren, die dafür verantwortlich sind, dass das Geld die einzige Ware ist, in der Bewertungen gewöhnlich vorgenommen werden, sind auch dafür verantwortlich, dass das Geld das geeignetste Mittel ist, um denjenigen Teil des Vermögens einer Person anzuhäufen, mittels dessen sie andere Güter (Konsumgüter oder Produktionsmittel) zu erwerben beabsichtigt. Derjenige Teil seines Vermögens, den ein wirtschaftendes Individuum für den Ankauf von Konsumgütern zu verwenden beabsichtigt, erlangt diejenige Form, in der es jederzeit seine Bedürfnisse auf die sicherste und schnellste Weise befriedigen kann, wenn es zuvor gegen Geld getauscht wird. Derjenige Teil des Kapitals eines wirtschaftenden Individuums, der nicht bereits aus spezialisierten Faktoren der beabsichtigten Produktion besteht, wird aus demselben Grund ebenfalls zweckmäßiger in der Form des Geldes als in irgendeiner anderen Form gehalten, da jede andere Ware zunächst gegen Geld getauscht werden muss, um weiter gegen die gewünschten Produktionsmittel gehandelt zu werden. Tatsächlich lehrt uns die tägliche Erfahrung, dass wirtschaftende Menschen bestrebt sind, denjenigen Teil ihres Vorrats an Konsumgütern in Geld umzuwandeln, der aus Gütern besteht, die sie nicht länger zur unmittelbaren Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu verwenden gedenken, sondern stattdessen als Waren betrachten. Ebenso wandeln sie denjenigen Teil ihres Kapitals, der nicht aus Faktoren der beabsichtigten Produktion besteht, zunächst in Geld um und tun damit einen nicht unbeträchtlichen Schritt zur Förderung ihrer wirtschaftlichen Zwecke.
Die Vorstellung jedoch, die dem Geld als solchem die Funktion zuschreibt, auch „Werte“ aus der Gegenwart in die Zukunft zu übertragen, muss als irrig bezeichnet werden. Obgleich das metallische Geld wegen seiner Dauerhaftigkeit und der geringen Kosten seiner Aufbewahrung zweifellos auch für diesen Zweck geeignet ist, ist es gleichwohl klar, dass andere Waren sich noch besser dafür eignen. In der Tat lehrt die Erfahrung, dass dort, wo weniger leicht aufzubewahrende Güter statt der Edelmetalle Geldcharakter erlangt haben, diese gewöhnlich Zwecken des Umlaufs dienen, nicht aber der Aufbewahrung von „Werten“.106
Fassen wir das Gesagte zusammen, so gelangen wir zu dem Schluss, dass die zum Geld gewordene Ware auch diejenige Ware ist, in der Bewertungen, die den praktischen Zwecken der wirtschaftenden Menschen entsprechen, und in der Ansammlungen von Mitteln für Tauschzwecke am zweckmäßigsten vorgenommen werden können, vorausgesetzt, dass keine in ihren Eigenschaften begründeten Hindernisse dem entgegenstehen. Das metallische Geld (das die Schriftsteller unserer Wissenschaft stets in erster Linie im Auge haben, wenn sie vom Geld im Allgemeinen sprechen) entspricht diesen Zwecken tatsächlich in hohem Grade. Aber es scheint mir ebenso gewiss, dass die Funktionen, ein „Wertmaß“ und ein „Wertaufbewahrungsmittel“ zu sein, dem Geld als solchem nicht zugeschrieben werden dürfen, da diese Funktionen von bloß zufälliger Natur und kein wesentlicher Bestandteil des Begriffs des Geldes sind.
viele andere Fälle (etwa wo immer es eine Ersatzerfüllung eines Vertrages gibt). Man betrachte beispielsweise den Fall, dass jemand widerrechtlich einen Gelehrten an der Benutzung seiner Bibliothek hindert. Der „Marktpreis“ der Bücher wäre für den Gelehrten eine höchst unzureichende Entschädigung für seinen Verlust. Für den Erben des Gelehrten aber, für den die Bibliothek einen überwiegenden Tauschwert besäße, wäre der Marktpreis das rechtmäßige Äquivalent der Bibliothek.
Sallustio Antonio Bandini entwickelt eine Auffassung, die ihre Wurzeln im Werk des Aristoteles hat. Er beginnt seine Darstellung damit, die Schwierigkeiten aufzuzeigen, zu denen der reine Tauschhandel führt, und führt aus, dass eine Person, deren Güter von anderen begehrt wurden, sich nicht immer in einer Lage befand, in der sie deren Güter gebrauchen konnte, dass daher ein Pfand („un mallevadore“) notwendig wurde, dessen Übergabe eine künftige Entschädigung sichern sollte, und dass für diese Funktion die Edelmetalle gewählt wurden. (Discorso economico in Scrittori classici Italiani di economia politica, Milano, 1803–05, VIII, 142ff.) Diese Theorie wurde in Italien weiterentwickelt von Giammaria Ortes (Della economia nazionale, in ebd., XXIX, 271–276, und Lettere in ebd., XXX, 258ff.); von Gian-Rinaldo Carli (Dell’origine e del commercio della moneta, in ebd., XX, 15–26); und von Giambattista Coriani (Riflessioni sulle monete, und Lettera ad un legislatore della Republica Cisalpina, in ebd., XLVI, 87–102 und 153ff.). In Frankreich wurde die Theorie von Dutot entwickelt (Réflexions politiques sur les finances et le commerce, in E. Daire, Hg., Economistes
4. Münzprägung
Aus der vorangehenden Darstellung des Wesens und Ursprungs des Geldes ergibt sich, dass die Edelmetalle in den gewöhnlichen Handelsbeziehungen zivilisierter Völker naturgemäß zur ökonomischen Form des Geldes wurden. Die Verwendung der Edelmetalle für Geldzwecke ist jedoch mit einigen Mängeln verbunden, deren Beseitigung die wirtschaftenden Menschen anstreben mussten. Die hauptsächlichen Mängel, die mit der Verwendung der Edelmetalle für Geldzwecke verbunden sind, bestehen in (1) der Schwierigkeit, ihre Echtheit und ihren Feingehalt zu bestimmen, und (2) der Notwendigkeit, das harte Material in Stücke zu zerteilen, die jedem einzelnen Geschäft angemessen sind. Diese Schwierigkeiten lassen sich nicht ohne Weiteres ohne Zeitverlust und andere wirtschaftliche Opfer beseitigen.
Die Prüfung der Echtheit der Edelmetalle und ihres Feingehalts erfordert die Verwendung von Chemikalien und besondere Arbeitsleistungen, da sie nur von Sachverständigen vorgenommen werden kann. Die Zerteilung der harten Metalle in Stücke von den für einzelne Geschäfte erforderlichen Gewichten ist eine Verrichtung, die wegen der notwendigen Genauigkeit nicht nur Arbeit, Zeitverlust und Präfinanciers du XVIIIe Siècle, Paris, 1843, S. 895). In Deutschland wurde sie von T. A. H. Schmalz überarbeitet (Staatswirthschaftslehre in Briefen, Berlin, 1818, I, 48ff.) und in England in jüngerer Zeit von Henry Dunning Macleod (The Elements of Economics, New York, 1881, I, 171ff.). zisionsinstrumente erfordert, sondern auch mit einem nicht unbeträchtlichen Verlust des Edelmetalls selbst verbunden ist (wegen des Verlusts an Spänen und infolge wiederholten Einschmelzens).
Eine sehr eindringliche Schilderung der Schwierigkeiten, die aus der Verwendung der Edelmetalle für Geldzwecke erwachsen, hat uns der bekannte Reisende107 in Südostasien, Bastian, in seinem Werk über Burma gegeben, ein Land, in dem das Silber noch in ungemünztem Zustand umläuft.
„Wenn jemand in Burma zu Markte geht“, berichtet Bastian, „so muss er ein Stück Silber, einen Hammer, einen Meißel, eine Waage und die nötigen Gewichte mitnehmen. ‚Wie viel kosten diese Töpfe?‘ ‚Zeige mir dein Geld‘, antwortet der Kaufmann, und nachdem er es geprüft hat, bestimmt er einen Preis bei diesem oder jenem Gewicht. Der Käufer bittet den Kaufmann darauf um einen kleinen Amboss und bearbeitet sein Stück Silber mit seinem Hammer, bis er meint, das richtige Gewicht gefunden zu haben. Daraufhin wiegt er es auf seiner eigenen Waage, da derjenigen des Kaufmanns nicht zu trauen ist, und fügt dem Silber auf der Waagschale hinzu oder nimmt davon weg, bis das Gewicht stimmt. Natürlich geht ein gut Teil des Silbers verloren, da Späne zu Boden fallen, und der Käufer zieht es daher gewöhnlich vor, nicht die genaue Menge zu kaufen, die er begehrt, sondern eine, die dem Stück Silber entspricht, das er soeben abgebrochen hat. Bei größeren Käufen, die nur mit Silber von höchstem Feingehalt getätigt werden, ist der Vorgang noch verwickelter, da zunächst ein Probierer herbeigerufen werden muss, der den genauen Feingehalt bestimmt und der für diese Aufgabe bezahlt werden muss.“
Diese Schilderung liefert uns ein deutliches Bild von den Schwierigkeiten, die mit dem Handel aller Völker verbunden waren, bevor sie lernten, die Metalle zu münzen. Häufig wiederholte Erfahrungen mit diesen Schwierigkeiten müssen jedem wirtschaftenden Individuum deren Beseitigung als höchst wünschenswert haben erscheinen lassen.
Die erste der beiden Schwierigkeiten, die Bestimmung des Feingehalts des Metalls, scheint diejenige gewesen zu sein, deren Beseitigung den wirtschaftenden Menschen als die erste an Wichtigkeit erschien. Ein von einem öffentlichen Beamten oder einer sonstigen zuverlässigen Person auf einen Metallbarren gedrückter Stempel verbürgte nicht dessen Gewicht, wohl aber dessen Feingehalt und befreite den Besitzer, wenn er das Metall an andere Personen weitergab, welche die Zuverlässigkeit des Stempels zu schätzen wussten, von der lästigen und kostspieligen Probe. So gestempeltes Metall musste nach wie vor gewogen werden, doch sein Feingehalt bedurfte keiner weiteren Untersuchung.
In einigen Fällen zugleich, in anderen Fällen möglicherweise etwas später scheinen die wirtschaftenden Menschen auf den Gedanken gekommen zu sein, auch das Gewicht der Metallstücke auf ähnliche Weise zu bezeichnen und die Metalle von vornherein in Stücke zu zerteilen, die zuverlässig mit ihrem Gewicht ebenso wie mit ihrem Feingehalt versehen waren. Dies wurde naturgemäß am besten dadurch erreicht, dass man das Edelmetall in kleine, den Bedürfnissen des Handels entsprechende Stücke zerteilte und das Metall in einer solchen Weise zeichnete, dass kein nennenswerter Teil von den Stücken entfernt werden konnte, ohne dass die Entfernung sogleich offenbar wurde. Dieses Ziel wurde durch das Münzen des Metalls erreicht, und auf diese Weise entstanden unsere Münzen. Münzen sind somit ihrem Wesen nach nichts anderes als Metallstücke, deren Feingehalt und Gewicht auf zuverlässige Weise und mit einer für die praktischen Zwecke des Wirtschaftslebens hinreichenden Genauigkeit bestimmt worden sind und die so wirksam wie möglich gegen Betrug geschützt sind. Die Tatsache der Münzprägung ermöglicht es uns, in allen Geschäften die nötigen Gewichte der Edelmetalle einfach auf zuverlässige Weise abzuzählen, ohne lästige Proben, Zerteilung und Wägung. Die wirtschaftliche Bedeutung der Münze besteht daher darin, dass (abgesehen davon, dass sie uns die mechanische Verrichtung der Zerteilung des Edelmetalls in die erforderlichen Mengen erspart) ihre Annahme uns die Prüfung ihrer Echtheit, ihres Feingehalts und ihres Gewichts erspart. Wenn wir sie weitergeben, erspart sie uns den Nachweis dieser Tatsachen. So befreit sie uns von vielen lästigen, mühseligen Verrichtungen, die mit wirtschaftlichen Opfern verbunden sind, und infolge dieser Tatsache wird die naturgemäß hohe Absatzfähigkeit der Edelmetalle beträchtlich gesteigert.
Die beste Gewähr für das volle Gewicht und den gesicherten Feingehalt der Münzen kann der Natur der Sache nach die Regierung selbst geben, da sie jedermann bekannt und anerkannt ist und die Macht besitzt, Verbrechen gegen das Münzwesen zu verhüten und zu bestrafen.
Die Regierungen haben daher gewöhnlich die Verpflichtung übernommen, die für den Handel erforderlichen Münzen zu prägen. Doch sie haben ihre Macht so oft und so sehr missbraucht, dass die wirtschaftenden Individuen schließlich fast die Tatsache vergaßen, dass eine Münze nichts anderes ist als ein Stück Edelmetall von festem Feingehalt und Gewicht, für welchen Feingehalt und welches volle Gewicht die Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit der Münzstätte eine Gewähr bilden. Es entstanden sogar Zweifel, ob das Geld überhaupt eine Ware sei. In der Tat wurde es schließlich für etwas gänzlich Eingebildetes erklärt, das einzig auf menschlicher Übereinkunft beruhe. Die Tatsache, dass die Regierungen das Geld behandelten, als ob es tatsächlich bloß das Erzeugnis der Bequemlichkeit der Menschen im Allgemeinen und ihrer gesetzgeberischen Launen im Besonderen gewesen wäre, trug daher nicht in geringem Maße zur Förderung von Irrtümern über das Wesen des Geldes bei.108
Ursprünglich wurden die Geldmetalle zweifellos in Stücke zerteilt, die den im Handel bereits allgemein gebräuchlichen Gewichten entsprachen. Der römische As war ursprünglich ein Pfund Kupfer. Zur Zeit Eduards I. enthielt das englische Pfund Sterling ein Pfund Silber bestimmten Feingehalts nach Tower-Gewicht. Ebenso enthielt die französische Livre zur Zeit Karls des Großen ein Pfund Silber nach Troyes-Gewicht. Der englische Shilling und Penny waren ebenfalls im Handel gebräuchliche Gewichte. „Wenn der Weizen zu zwölf Shilling das Quarter steht“, heißt es in einem alten Statut Heinrichs III., „dann soll Wastel-Brot von einem Farthing elf Shilling und vier Pence wiegen.“109 Es ist auch bekannt, dass die deutsche Mark, der Schilling, der Pfennig usw. ursprünglich Handelsgewichte waren. Doch die wiederholten Münzverschlechterungen, die von den Herren der Münzstätten herbeigeführt wurden, bewirkten bald, dass die gewöhnlichen Gewichte des Barrenmetalls und die Gewichte, nach denen die Edelmetalle im Handel verwendet wurden (als Münzen abgezählt), in den meisten Ländern sehr verschieden wurden. Dieser Unterschied wiederum trug nicht wenig dazu bei, dass das Geld als ein besonderes „Maß des Tauschwertes“ angesehen wurde, obgleich die Standardmünze in jeder natürlichen Wirtschaft nichts anderes ist als eine Gewichtseinheit, bestimmt durch das Gewicht, nach dem die Edelmetalle gehandelt werden. In neuerer Zeit sind häufig Versuche unternommen worden, die Gewichtseinheit des Barrenmetalls wieder mit der Münzeinheit in Einklang zu bringen, wie in Deutschland und Österreich, wo das Zollvereinspfund zur Grundlage des Münzsystems gewählt wurde.
Die hauptsächlichen Unvollkommenheiten unserer Münzen bestehen darin, dass sie nicht in vollkommen genauen Gewichten hergestellt werden können und dass selbst die erreichbare Genauigkeit aus praktischen Gründen (wegen der Kosten) bei den in den Münzstätten gebräuchlichen Herstellungsverfahren nicht angestrebt wird. Die Unvollkommenheiten, mit denen die Münzen ursprünglich die Münzstätte verlassen, werden während ihres Umlaufs durch den Gebrauch noch vermehrt, mit der Folge, dass leicht eine merkliche Ungleichheit in den Gewichten der Münzen derselben Bezeichnung entsteht.
Offensichtlich treten diese Mängel umso ausgeprägter hervor, je kleiner die Mengen sind, in welche die Edelmetalle zerteilt werden. Die Ausprägung der Edelmetalle zu Stücken, wie sie der Kleinhandel so klein erfordert, würde zu den grössten technischen Schwierigkeiten führen, und selbst wenn sie mit mässiger Sorgfalt geschähe, würde sie wirtschaftliche Opfer verlangen, die in keinem Verhältnis zum Nennwert der Münzen stünden. Andererseits kann jeder, der mit dem Handel vertraut ist, leicht die Schwierigkeiten ermessen, zu denen ein Mangel an Münzen kleiner Stückelung führen würde.
„Eine kleinere Münze als 2 Annas", berichtet Bastian, „gab es in Siam nicht. Wer etwas unterhalb dieses Preises kaufen wollte, musste warten, bis das Hinzutreten eines neuen Bedürfnisses die Ausgabe einer solchen Summe rechtfertigte, oder sich mit anderen Kaufwilligen zusammentun und den Einkauf mit ihnen teilen. Mitunter dienten kleine Schalen Reis als Geldersatz, und es heisst, dass auf Sokotra kleine Stücke Ghi, also Butter, als Kleingeld dienten." In mexikanischen Städten erhielt Bastian Stücke Seife und auf dem Lande Eier als Kleingeld. Im Hochland von Peru ist es bei den Eingeborenen Brauch, einen Korb bereitzuhalten, den sie in Fächer unterteilt haben. In dem einen Fach befinden sich Nähnadeln, in einem anderen Garnspulen, in wiederum anderen Kerzen und sonstige Gegenstände des täglichen Bedarfs. Sie bieten von diesen Dingen eine Auswahl an, die dem Betrag des benötigten Kleingeldes entspricht. In Oberbirma werden für die kleinsten Einkäufe, etwa von Obst, Zigarren usw., Bleiklumpen verwendet, und jeder Kaufmann hat in seinem Laden einen grossen Kasten voll dieser Klumpen. Sie werden auf einer grösseren Waage gewogen als der für Silber gebrauchten. In Dörfern, wo man nicht erwarten kann, auf Silber herausgegeben zu bekommen, muss ein Diener mit einem schweren Sack Blei für die kleinen Einkäufe folgen.
In den meisten zivilisierten Ländern umgeht man die technischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Ausprägung der Edelmetalle zu sehr kleinen Stücken, indem man Stücke aus irgendeinem gewöhnlichen Metall prägt, in der Regel Kupfer oder Messing.
Da schon der Bequemlichkeit halber, wenn aus keinem anderen Grunde, niemand ohne Not einen nennenswerten Teil seines Vermögens in diesen Münzen halten wird, nehmen sie im Handel nur eine untergeordnete Stellung ein und können zur grösseren Bequemlichkeit des Publikums unschädlich mit halbem Gewicht oder selbst noch geringerem ausgeprägt werden, sofern sie nur jederzeit an der Münzstätte gegen Münzen aus Edelmetall umgetauscht werden können oder sofern nur so geringe Mengen an Scheidemünze ausgegeben werden, dass sie im Umlauf bleiben. Das erstere ist jedenfalls das richtigere Verfahren und zugleich ein sichererer Schutz gegen staatliche Missbräuche, die aus dem Gewinn erwachsen, der dem Staat aus der Ausgabe dieser Münzen zufällt. Solche Geldstücke heissen Scheidemünze. Ihr Wert ist grösser als der der Stoffe, aus denen sie hergestellt sind, wobei der Mehrwert dem Umstand zuzuschreiben ist, dass eine bestimmte Anzahl der Scheidemünzen an der Münzstätte gegen eine Münze grösserer Stückelung umgetauscht werden kann, und dem Umstand, dass jedermann mit ihnen seine Verbindlichkeiten gegenüber dem ausgebenden Staat und gegenüber jeder anderen Person bis zur Höhe der kleinsten vollwichtigen Münze tilgen kann. Wegen der grösseren Bequemlichkeit der Scheidemünzen aus Messing oder Kupfer duldet das Publikum in diesem Falle die kleine wirtschaftliche Unstimmigkeit bereitwillig, da die Vorteile der leichteren Transportierbarkeit und der Bequemlichkeit bei Münzen, die niemals der Mittelpunkt bedeutender wirtschaftlicher Interessen sind, wichtiger sind als die Vollwichtigkeit. Auf ähnliche Weise werden in vielen Ländern selbst untergewichtige Silbermünzen geprägt. Dies ist nicht schädlich, solange sie auf Stückelungen beschränkt bleiben, für die sich aus technischen oder wirtschaftlichen Gründen keine geeigneten vollwichtigen Münzen herstellen lassen.