FOLIO I · DENKER · GEN. 03 · N° 063

Karel Engliš

Werke
15
Artikel
11
Generation
3.
Porträt von Karel Engliš
FOL. 03 · N° 063 · Karel Engliš
BIOGRAPHIE

Leben und Werk

Karel Engliš wurde am 17. August 1880 als neuntes Kind eines Dorfmetzgers im schlesischen Hrabyně geboren. Nach dem tschechischen Gymnasium in Opava (Matura 1899) studierte er Rechtswissenschaft an der tschechischen Juristischen Fakultät der Karlo-Ferdinandeischen Universität in Prag, wo der Nationalökonom Albín Bráf seine intellektuelle Ausrichtung prägte. 1904 schloss er sein Studium ab; ein anschliessender Aufenthalt in München als Hauslehrer des Grafen Czernin verschaffte ihm Vorlesungen bei Lujo Brentano. Nach Stationen im Landes-Statistischen Amt Prag und im Wiener Ministerium habilitierte er sich 1910 an der tschechischen Technischen Hochschule in Brünn bei Jan Koloušek mit einer Arbeit über Tariflöhne. 1911 wurde er ausserordentlicher, 1917 ordentlicher Professor in Brünn. Mit der Gründung der Masaryk-Universität 1919 wechselte er an deren Juridische Fakultät und übernahm als erster Rektor (1919/20) ihre Konstituierung. In Brünn entstand die sogenannte Brünner Schule der Nationalökonomie; hier empfing er auch Ludwig von Mises, Joseph Schumpeter und Eugen von Böhm-Bawerk, deren Besuche das Familien-Gästebuch verzeichnet. Parallel war er Politiker der Tschechoslowakischen Nationaldemokratie und zwischen 1920 und 1931 sechsmal Finanzminister; ihm zugeschrieben werden die Stabilisierung der Krone, die Steuerreform 1927 und die Bewältigung der Folgen der Weltwirtschaftskrise. Von 1934 bis 1939 leitete er als Gouverneur die tschechoslowakische Nationalbank, setzte 1934 die erste Abwertung der Krone durch und trat nach der deutschen Besetzung im Februar 1939 zurück. Im selben Jahr ging er als Ordinarius an die Karls-Universität nach Prag. Im Dezember 1947 wurde er deren Rektor, musste aber bereits am 27. Februar 1948, zwei Tage nach dem kommunistischen Umsturz, abdanken. Engliš' theoretischer Hauptbeitrag ist die teleologische Methode: gegen die kausal-subjektivistische Werttheorie der Wiener Schule entwickelte er, ausgehend von Kants Erkenntniskritik, eine Wirtschaftslehre, die ökonomische Zusammenhänge als zweckgerichtete Ordnung versteht. Im methodischen Streit der 1920er und 30er-Jahre verfasste er polemische Aufsätze gegen Böhm-Bawerks Werttheorie und gegen die Engländer- und Bilimovič-Schule; gleichzeitig teilte er die Kernüberzeugung der Wiener Schule, dass wirtschaftlicher Individualismus für eine moderne Marktordnung unverzichtbar bleibe. Sein zweibändiges Hauptwerk *Soustava národního hospodářství* (1938) fasst dieses System zusammen. 1952 wurde er administrativ aus Prag in seinen Geburtsort Hrabyně zwangsversetzt, seine Pension drastisch gekürzt, seine Werke aus den öffentlichen Bibliotheken entfernt. Dort starb er am 13. Juni 1961 verarmt. Die Rehabilitierung folgte erst nach 1989: 1991 verlieh ihm Präsident Václav Havel posthum den Orden des Tomáš Garrigue Masaryk; 2022 widmete ihm die Tschechische Nationalbank eine Gedenkbanknote.
Metadaten
17. August 1880
13. Juni 1961
3. Generation
Lebensstationen

Stationen

  1. ⁦1899–1904⁩
    ⁦1899–1904⁩
    Jus-Studium

    Rechtswissenschaft an der tschechischen Juristischen Fakultät der Karlo-Ferdinandeischen Universität, prägender Lehrer: Albín Bráf.

  2. 1904
    1904
    Studienaufenthalt München

    Hauslehrer des Grafen Rudolf Czernin, hört Vorlesungen bei Lujo Brentano (jüngere Deutsche Historische Schule).

  3. 1910
    1910
    Habilitation für Nationalökonomie

    An der tschechischen Technischen Hochschule Brünn unter Jan Koloušek, Habilitationsschrift über Tariflöhne aus nationalökonomischer Sicht.

  4. ⁦1911–1918⁩
    ⁦1911–1918⁩
    Professor an der Technischen Hochschule

    Ab 1911 ausserordentlicher, ab 1917 ordentlicher Professor für Nationalökonomie an der tschechischen Technischen Hochschule Brünn.

  5. ⁦1919–1939⁩
    ⁦1919–1939⁩
    Ordinarius an der Masaryk-Universität

    Mitgründer und Ordinarius für Nationalökonomie an der Juridischen Fakultät der neu errichteten Masaryk-Universität; Dekan 1921/22 und 1925/26.

  6. ⁦1919–1920⁩
    ⁦1919–1920⁩
    Erster Rektor der Masaryk-Universität

    Konstituierender Rektor der Masaryk-Universität Brünn im Gründungsjahr.

  7. ⁦1920–1931⁩
    ⁦1920–1931⁩
    Finanzminister der Tschechoslowakei

    Sechsmal Finanzminister zwischen 1920 und 1931 (u. a. Regierung Tusar I, Černý I, Švehla II/III, Udržal); Steuerreform 1927, Krisenbewältigung 1929–1931.

  8. ⁦1934–1939⁩
    ⁦1934–1939⁩
    Gouverneur der tschechoslowakischen Nationalbank

    23. Februar 1934 bis 20. Februar 1939; setzt 1934 die erste Abwertung der Krone durch; Rücktritt nach der deutschen Besetzung.

  9. ⁦1939–1948⁩
    ⁦1939–1948⁩
    Ordinarius an der Karls-Universität

    Professor für Nationalökonomie an der Juridischen Fakultät der Karls-Universität Prag.

  10. ⁦1947–1948⁩
    ⁦1947–1948⁩
    Rektor der Karls-Universität

    Rektor von Dezember 1947 bis 27. Februar 1948, zwei Tage nach dem kommunistischen Februar-Umsturz erzwungener Rücktritt.

  11. ⁦1952–1961⁩
    ⁦1952–1961⁩
    Zwangsverbannung in den Geburtsort

    1952 administrativ aus Prag nach Hrabyně zwangsverlegt; Werke aus öffentlichen Bibliotheken entfernt, Pension drastisch gekürzt; stirbt dort 1961 verarmt.

  12. 1961
    1961
    Tod in Hrabyně

    Stirbt am 13. Juni 1961 in seinem Geburtsort.

Beziehungen

Beeinflussungen

Beeinflusst von · 3
  1. ⁦1899–1904⁩
    ⁦1899–1904⁩
    Albín Bráf

    Bráf war an der tschechischen Juristischen Fakultät der Karlo-Ferdinandeischen Universität Engliš' prägender Lehrer und vermittelte ihm 1904 eine Stelle am Landes-Statistischen Amt.

  2. ⁦1904–1904⁩
    ⁦1904–1904⁩
    Lujo Brentano

    Während eines Aufenthalts in München als Hauslehrer des Grafen Czernin hörte Engliš Vorlesungen bei Brentano (jüngere Deutsche Historische Schule).

  3. ⁦1910–1910⁩
    ⁦1910–1910⁩
    Jan Koloušek

    Koloušek war Habilitations-Betreuer für Engliš' Schrift über Tariflöhne an der tschechischen Technischen Hochschule Brünn; nach Koloušeks Weggang 1911 übernahm Engliš den Lehrstuhl.

Karel Engliš im Kontext der gesamten Schule: fünf Generationen, ihre Lehrer-Schüler-Linien, Zirkel und Kollegenschaften.

WERKVERZEICHNIS · CHRONOLOGISCH

Die Bücher

1910er
1911
Tarifní smlouvy pracovní po stránce národohospodářské
OriginalTschechisch
1916
Sociální politika
OriginalTschechisch
1918
Das Rechtsverhältnis zwischen geschiedenen Eltern und ihren Kindern nach österreichischem bürgerlichen Rechte
OriginalDeutsch
1920er
1922
Základy hospodářského myšlení
OriginalTschechisch
1925
Grundlagen des wirtschaftlichen Denkens
OriginalDeutsch
1929
Finanční věda
OriginalTschechisch
1930er
1930
Begründung der Teleologie als Form des empirischen Erkennens
OriginalDeutsch
Teleologie jako forma vědeckého poznání
OriginalTschechisch
1931
Ekonomie a filosofie
OriginalTschechisch
1932
Theorie státního hospodářství
OriginalTschechisch
ARTIKEL · 11 VERZEICHNET

Aufsätze, Rezensionen, Vorträge

1910er
1917
Das Liefmannsche Gesetz des Ausgleiches der Grenzerträge in der Konsumwirtschaft
OriginalDeutsch
1920er
1920
Die wirtschaftliche Theorie des Geldes
OriginalDeutsch
1927
Tschechoslowakei
OriginalDeutsch
1929
Der Staatshaushalt und das Finanzsystem der Tschechoslowakei
OriginalDeutsch
1930er
1932
Geldaufwertung als Krisenursache
OriginalDeutsch
Teleologische Theorie der Staatswirtschaft
OriginalDeutsch
Zur teleologischen Theorie der Wirtschaft. Auseinandersetzung mit Hans Ritschl
OriginalDeutsch
1933
Zum Problem der teleologischen Theorie der Wirtschaft
OriginalDeutsch
1934
Rašín, Alois (Encyclopaedia of the Social Sciences)
OriginalEnglisch
1960er
1961
Hans Kelsens Lehre von der Gerechtigkeit. Ein Beitrag zur Theorie der Gesellschaftsordnungen
OriginalDeutsch
APA
Chicago
Deutsche historische Zitierweise