FOLIO I · DENKER · GEN. 03 · N° 023

Joseph A. Schumpeter

Werke
44
Artikel
165
Generation
3.
Porträt von Joseph A. SchumpeterPorträt von Joseph A. Schumpeter: Schumpeter, Portrait um 1920 (1920)Porträt von Joseph A. Schumpeter: Schumpeter, Quarter-length-Portrait um 1910 (1910)
FOL. 03 · N° 023 · Joseph A. Schumpeter
BIOGRAPHIE

Leben und Werk

Nach dem frühen Tod des Vaters zog Schumpeters Mutter Johanna nach Graz, wo sie 1893 den um 32 Jahre älteren Leutnantfeldmarschall Sigismund von Kéler ehelichte und mit ihm nach Wien übersiedelte. Nach einer ausgezeichneten Matura am Theresianum begann Schumpeter ein Studium der Rechte, wandte sich jedoch unter dem Einfluss der Menger-Schüler Friedrich von Wieser, Eugen von Böhm-Bawerk und Eugen Philippovich von Philippsberg vor allem der Nationalökonomie zu. Nach seinem Abschluss fügte er an der London School of Economics sowie in Oxford und Cambridge seiner „österreichischen“ eine damals noch seltene englische Ausbildung hinzu. Mit Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie (1908), die eine ausgewogene Darstellung des Methodenstreits sowie ein deutliches Plädoyer für den methodologischen Individualismus enthielt, wurde er noch im selben Jahr habilitiert und trat 1909 eine außerordentliche Professur in Czernowitz, in der heutigen Ukraine an. 1911 wurde er im Alter von 28 Jahren auf den Lehrstuhl für „Politische Ökonomie“ an die Universität Graz berufen. Kurze Zeit später veröffentlichte er seine Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung (1912), die rasch internationale Beachtung fand. 1914 übernahm Schumpeter eine Gastprofessur an der Columbia University in New York. Aus Amerika zurückgekehrt, wurde er sogleich zum Dekan der Grazer Juridischen Fakultät gewählt. Schumpeter verstand sich vor allem als Wissenschafter. Wiederholt betonte er, dass er sich aller politischen Wertungen enthalten und allenfalls theoretische Entscheidungshilfen für wirtschaftspolitische Maßnahmen geben wolle. Trotzdem übernahm er politische Tätigkeiten und Funktionen. Unmittelbar nach dem Weltkrieg wurde er Mitglied der deutschen Sozialisierungskommission. Zum Erstaunen aller trat Schumpeter für die vollständige und sofortige Verstaatlichung des Kohlebergbaus ein. 1919 wurde Schumpeter sogar als Finanzminister in die sozialistische Regierung berufen. Sieben Monate später musste er allerdings wieder zurücktreten. Ab 1925 lehrte Schumpeter als ordentlicher Professor für wirtschaftliche Staatswissenschaften in Bonn und sorgte dafür, dass Bonn zum Treffpunkt für Ökonomen aus aller Welt wurde. 1932 beendete Schumpeter seine Lehrtätigkeit in Deutschland und wechselte an die Harvard University nach Cambridge (USA). Wie schon zuvor in Bonn konnte er auch in Harvard einen illustren Kreis von enthusiastischen post-graduate Studenten und jungen Forschern um sich scharen. Schumpeter trug so wesentlich zum „golden age of economics“ in Harvard bei. Seine Arbeiten zur Unternehmertheorie sowie zum Kapitalismus machten ihn zu einem der bekanntesten Ökonomen der USA. Aus dieser Zeit stammen drei große Werke: die Business Cycles (1939), sowie Capitalism, Socialism, and Democracy (1942) und History of Economic Analysis (1954).
Metadaten
8. Februar 1883
8. Januar 1950
3. Generation
Lebensstationen

Stationen

  1. 1883
    1883
    Geburt

    Geboren am 8. Februar 1883 in Triesch, Mähren.[1]

  2. 1887
    1887
    Tod des Vaters

    Vater (Tuchfabrikant) starb 1887, als Joseph vier Jahre alt war.[1]

  3. 1893
    1893
    Ehe der Mutter mit Sigismund von Kéler

    Nach dem frühen Tod des Vaters zog Schumpeters Mutter Johanna nach Graz, wo sie 1893 den um 32 Jahre älteren Leutnantfeldmarschall Sigismund von Kéler ehelichte und mit ihm nach Wien übersiedelte.[1]

  4. 1893
    1893
    Übersiedlung nach Wien— ungefähr

    Übersiedlung nach Wien mit Mutter und Stiefvater nach deren Eheschließung in Graz.

  5. ⁦1893–1901⁩
    ⁦1893–1901⁩
    Theresianum

    Besuchte das Theresianum in Wien von 1893 bis 1901; ausgezeichnete Matura.[1]

  6. ⁦1901–1906⁩
    ⁦1901–1906⁩
    Studium der Rechte und Nationalökonomie

    Studium der Rechte in Wien; wandte sich unter dem Einfluss der Menger-Schüler Friedrich von Wieser, Eugen von Böhm-Bawerk und Eugen Philippovich von Philippsberg vor allem der Nationalökonomie zu.[1]

  7. 1906
    1906
    Promotion zum Dr. iuris

    Promotion zum Dr. iuris an der Universität Wien im Februar 1906.[1]

  8. ⁦1906–1907⁩
    ⁦1906–1907⁩
    Studienaufenthalt Berlin und London

    Studien- und Forschungsaufenthalt in Berlin (1906) und London (1906–1907) nach der Promotion.[1]

  9. ⁦1906–1908⁩
    ⁦1906–1908⁩
    Studium an LSE, Oxford und Cambridge— ungefähr

    Nach dem Abschluss in Wien fügte Schumpeter an der London School of Economics sowie in Oxford und Cambridge seiner „österreichischen“ eine damals noch seltene englische Ausbildung hinzu.

  10. 1907
    1907
    Erste Ehe mit Gladys Ricarde Seaver

    Heiratete 1907 die zwölf Jahre ältere Engländerin Gladys Ricarde Seaver, Tochter eines hohen anglikanischen Würdenträgers. Trennung 1913, Scheidung 1925.[4]

  11. ⁦1907–1908⁩
    ⁦1907–1908⁩
    Internationaler Gerichtshof Kairo

    Tätigkeit am Internationalen Gemischten Gerichtshof in Kairo 1907–1908; bearbeitete Wirtschaftsfälle und nutzte die Zeit zur Arbeit am Habilitationsmanuskript.[1]

  12. 1908
    1908
    „Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie“

    Erscheinen von Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie (1908) mit ausgewogener Darstellung des Methodenstreits und Plädoyer für den methodologischen Individualismus.

  13. 1909
    1909
    Habilitation

    Habilitation an der Universität Wien 1909, kurz nach Erscheinen von Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie (1908).[1]

  14. ⁦1909–1911⁩
    ⁦1909–1911⁩
    Außerordentliche Professur in Czernowitz

    Trat 1909 eine außerordentliche Professur in Czernowitz an, in der heutigen Ukraine.[1]

  15. ⁦1911–1921⁩
    ⁦1911–1921⁩
    Lehrstuhl für Politische Ökonomie in Graz

    Mit 28 Jahren auf den Lehrstuhl für „Politische Ökonomie“ an die Universität Graz berufen.[1]

  16. 1912
    1912
    „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“

    Veröffentlichung der Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung (1912), die rasch internationale Beachtung fand.

  17. 1914
    1914
    Gastprofessur an der Columbia University

    Übernahm 1914 eine Gastprofessur an der Columbia University in New York.[1]

  18. 1915
    1915
    Dekan der Grazer Juridischen Fakultät— inferiert

    Aus Amerika zurückgekehrt, wurde Schumpeter sogleich zum Dekan der Grazer Juridischen Fakultät gewählt.

  19. 1918
    1918
    Mitglied der deutschen Sozialisierungskommission

    Mitglied der deutschen Sozialisierungskommission unter Karl Kautsky 1918; trat zum Erstaunen aller für die vollständige und sofortige Verstaatlichung des Kohlebergbaus ein.

  20. 1919
    1919
    Finanzminister

    1919 als Finanzminister in die sozialistische Regierung berufen; sieben Monate später musste er wieder zurücktreten.[1]

  21. ⁦1921–1924⁩
    ⁦1921–1924⁩
    Präsident Biedermann-Bank

    Ab 1921 Präsident der M. L. Biedermann & Co. Bank in Wien; nach finanziellen Verlusten 1924 Rücktritt 1925.[1]

  22. 1925
    1925
    Zweite Ehe mit Anna Reisinger

    Heiratete 1925 in zweiter Ehe Anna Josefina Reisinger (Tochter des Hausmeisters im Haus seiner Mutter, zwanzig Jahre jünger); sie starb am 3. August 1926 bei der Geburt des ersten Kindes – auch das Kind überlebte nicht.[5]

  23. ⁦1925–1932⁩
    ⁦1925–1932⁩
    Ordentlicher Professor in Bonn

    Ab 1925 Ordinariat für wirtschaftliche Staatswissenschaften in Bonn; sorgte dafür, dass Bonn zum Treffpunkt für Ökonomen aus aller Welt wurde.[1]

  24. ⁦1927–1928⁩
    ⁦1927–1928⁩
    Gastprofessur Harvard

    Gastprofessur an der Harvard University 1927/28 (und erneut 1930) – Vorbereitung der späteren Harvard-Berufung.[6]

  25. ⁦1932–1950⁩
    ⁦1932–1950⁩
    Wechsel an die Harvard University

    1932 beendete Schumpeter seine Lehrtätigkeit in Deutschland und wechselte an die Harvard University nach Cambridge (USA); konnte einen illustren Kreis post-graduate Studenten und junger Forscher um sich scharen und trug zum „golden age of economics“ in Harvard bei.[1]

  26. 1937
    1937
    Dritte Ehe mit Elizabeth Boody

    Heiratete 1937 in dritter Ehe die US-amerikanische Wirtschaftshistorikerin Dr. Elizabeth Boody (1898–1953). Sie wird nach seinem Tod sein Manuskript zur „History of Economic Analysis“ posthum (1954) herausgeben.[7]

  27. 1939
    1939
    „Business Cycles“

    Erscheinen der Business Cycles (1939) während der Harvard-Zeit.

  28. 1939
    1939
    US-Staatsbürgerschaft

    Erhielt 1939 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.[6]

  29. 1942
    1942
    „Capitalism, Socialism, and Democracy“

    Erscheinen von Capitalism, Socialism, and Democracy (1942), eines der drei großen Werke aus der Harvard-Zeit.[2]

  30. 1950
    1950
    Tod

    Gestorben am 8. Januar 1950 in Taconic, Connecticut.[1]

  31. 1954
    1954
    „History of Economic Analysis“ (posthum)

    Posthumes Erscheinen der History of Economic Analysis (1954) als drittes der großen Spätwerke.[2]

Beziehungen

Beeinflussungen

Beeinflusst von · 3
  1. ⁦1901–1906⁩
    ⁦1901–1906⁩

    Wandte sich während des Studiums in Wien unter dem Einfluss Eugen von Böhm-Bawerks vor allem der Nationalökonomie zu; Böhm-Bawerk war einer der prägenden akademischen Lehrer der Wiener Studienzeit.[1]

  2. ⁦1901–1906⁩
    ⁦1901–1906⁩

    Wandte sich während des Wiener Studiums unter dem Einfluss Eugen Philippovich von Philippsbergs der Nationalökonomie zu; Philippovich gehörte neben Wieser und Böhm-Bawerk zum Kreis der prägenden Menger-Schüler an der Universität Wien.[1]

  3. ⁦1901–1906⁩
    ⁦1901–1906⁩

    Wandte sich während des Rechtsstudiums an der Universität Wien unter dem Einfluss des Menger-Schülers Friedrich von Wieser der Nationalökonomie zu.[1]

Beeinflusste · 6
  1. —
    —
    James Tobin⁦(1918–2002)⁩ · Yale-Schule

    Tobin promovierte als Doktorand bei Schumpeter an der Harvard University.[6]

  2. —
    —
    Paul Samuelson⁦(1915–2009)⁩ · MIT-Neoklassik

    Samuelson promovierte als Doktorand bei Schumpeter an der Harvard University.[6]

  3. —
    —

    Studierte in Graz bei Joseph A. Schumpeter.[12]

  4. —
    —
    John Kenneth Galbraith⁦(1908–2006)⁩ · US-Institutionalismus

    Galbraith zählt zu den herausragenden Schülern Schumpeters in Harvard.[6]

  5. —
    —
    Robert Heilbroner⁦(1919–2005)⁩ · US-Wirtschaftsgeschichte

    Heilbroner wird als einer der herausragenden Harvard-Schüler Schumpeters beschrieben.[8]

  6. —
    —
    John Maynard Keynes⁦(1883–1946)⁩ · Cambridge School

    Intellektueller Gegenpol zu John Maynard Keynes in der Harvard-Phase ab 1932: Schumpeter setzte mit Business Cycles (1939) und Capitalism, Socialism, and Democracy (1942) der keynesianischen Makroökonomik eine konjunktur- und unternehmertheoretisch fundierte Lesart entgegen.

Privatseminar, Kollegen, Mont Pèlerin · 3
  1. ⁦1905–1906⁩
    ⁦1905–1906⁩

    Schumpeter besuchte Böhm-Bawerks berühmtes Privatseminar an der Universität Wien gemeinsam mit dem jungen Mises (Aufgabenhinweis Pipeline-Briefing).

  2. ⁦1936–1950⁩
    ⁦1936–1950⁩

    Haberler arbeitete als Professor an der Harvard University mit Joseph Schumpeter zusammen.[6]

  3. —
    —

    Studienkollege an der Universität Wien bis zur Promotionszeit 1904.[9]

Joseph A. Schumpeter im Kontext der gesamten Schule: fünf Generationen, ihre Lehrer-Schüler-Linien, Zirkel und Kollegenschaften.

QUELLEN ZU STATIONEN UND BEZIEHUNGEN37 Belege · 4 Quellen
  • [4]McCraw: Prophet of Innovation (2007)
  • [5]McCraw: Prophet of Innovation (2007)
  • [6]McCraw: Prophet of Innovation (2007) · 6×
  • [7]McCraw: Prophet of Innovation (2007)
  • [8]Heilbroner: The Worldly Philosophers (1999)
  • [9]Somary: Erinnerungen aus meinem Leben (1959)
Topographie

Wirkungsorte

WERKVERZEICHNIS · CHRONOLOGISCH

Die Bücher

1900er
1908
Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie
OriginalDeutsch
Weitere Ausgaben
1910er
1910
Wie studiert man Sozialwissenschaft?
OriginalDeutsch
1911
Schumpeter entwickelt eine rein ökonomische Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung: die Kraft, die das Wirtschaftssystem aus sich selbst heraus verändert, geht vom Unternehmer aus, der neue Kombinationen von Produktionsmitteln durchsetzt (neues Gut, neue Methode, neuer Markt, neue Bezugsquelle, neue Organisation). Das erste Kapitel zeichnet den statischen Kreislauf einer im Gleichgewicht ruhenden Wirtschaft, in dem aller Produktwert auf Arbeit und Boden zurückgeht und weder Unternehmergewinn noch Zins entstehen. Die folgenden Kapitel behandeln das Grundphänomen der Entwicklung, Kredit und Kapital als Kaufkraftschaffung, den Unternehmergewinn als Kostenüberschuss, den Kapitalzins als Agio gegenwärtiger über künftige Kaufkraft und schliesslich den Konjunkturzyklus, dessen Aufschwung und Depression aus dem scharenweisen Auftreten der Unternehmer erklärt werden. Schumpeter trennt durchgehend Statik und Dynamik und setzt seinen Ansatz in Beziehung zu Walras und Marx.
OriginalDeutsch
Weitere Ausgaben
  • The Theory of Economic Development: An Inquiry into Profits, Capital, Credit, Interest, and the Business Cycle1934
    OriginalEnglisch
1914
Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte
OriginalDeutsch
Weitere Ausgaben
  • Economic Doctrine and Method: An Historical Sketch
    OriginalEnglisch
Grundriss der Sozialökonomik
OriginalDeutsch
1915
Vergangenheit und Zukunft der Sozialwissenschaften
OriginalDeutsch
Wie studiert man Sozialwissenschaft
OriginalDeutsch
1916
Grundlinien einer neuen juristischen Studienordnung
OriginalDeutsch
1918
Die Krise des Steuerstaates
OriginalDeutsch
1920er
1923
Business Cycles Vol. I A Theoretical Historical and Statistical Analysis of
OriginalEnglisch
ARTIKEL · 165 VERZEICHNET

Aufsätze, Rezensionen, Vorträge

1900er
1905
Die internationale Preisbildung
OriginalDeutsch
Die Methode der Index-Zahlen
OriginalDeutsch
Die Methode der Standard Population
OriginalDeutsch
1906
Bernhard Rost: Über das Wesen und die Ursachen unserer heutigen Wirtschaftskrisis; Otto Karmin: Zur Lehre von den Wirtschaftskrisen [Gemeinsame Rezension]
OriginalDeutsch
H. Deutsch: Qualifizierte Arbeit und Kapitalismus. Werttheorie und Entwicklungstendenzen [Rezension]
OriginalDeutsch
Johannes Leonhard: Neue Feststellung des Wertbegriffes und ihre Bedeutung für die Volkswirtschaft [Rezension]
OriginalDeutsch
Rudolph Auspitz
OriginalEnglisch
Über die mathematische Methode der theoretischen Ökonomie
OriginalDeutsch
1907
Das Rentenprinzip in der Verteilungslehre
OriginalDeutsch
J. W. Schiele: Über den natürlichen Ursprung der Kategorien Rente, Zins und Arbeitslohn [Rezension]
OriginalDeutsch
APA
Chicago
Deutsche historische Zitierweise