FOLIO I · DENKER · GEN. 04 · N° 075

Josef Herbert Fürth

Werke
1
Artikel
22
Generation
4.
JF
FOL. 04 · N° 075 · Josef Herbert Fürth
BIOGRAPHIE

Leben und Werk

Josef Herbert Fürth wurde am 12. Oktober 1899 in Wien als Sohn des Hof- und Gerichtsadvokaten Emil Fürth (1863–1911) und der Frauenrechtlerin Ernestine Fürth, geborene Kisch, geboren. Die Mutter führte das österreichische Frauenstimmrechtskomitee und gab die „Zeitschrift für Frauenstimmrecht" heraus, der früh verstorbene Vater gehörte der Wiener Sozialpolitischen Partei an. Fürth wuchs damit in einem liberal-bürgerlichen, politisch engagierten jüdischen Milieu auf. Von 1918 bis 1923 studierte Fürth Rechtswissenschaften und Sozialwissenschaften an der Universität Wien. Im ersten Semester 1918 lernte er Friedrich August von Hayek kennen; gemeinsam gründeten sie die „Vereinigung Demokratischer Studenten" als Gegengewicht zu den deutschnationalen Korporationen. Beide promovierten 1921 zum Doktor der Rechte. Im selben Jahr wurden Hayek und Fürth aus Othmar Spanns Kreis ausgeschlossen, weil sie Spanns metaphysische Volkswirtschaftslehre fortgesetzt kritisierten. Noch am Abend des Ausschlusses fiel die Entscheidung, einen eigenen Zirkel zu gründen: den Geistkreis. Vierzehn junge Akademiker trafen sich von 1921 an monatlich; bis 1938 wuchs der Kreis auf vierundzwanzig Mitglieder an, darunter Felix Kaufmann, Alfred Schütz, Eric Voegelin, Walter Fröhlich, Friedrich Engel-Janosi, Fritz Machlup, Gottfried Haberler, Oskar Morgenstern und Karl Menger. Etwa die Hälfte des Geistkreises war zugleich im Mises-Privatseminar aktiv, sodass Fürth zum Knotenpunkt zwischen den beiden zentralen Wiener Diskussionsforen wurde. Nach Hayeks Übersiedlung 1931 nach London führte Fürth den Kreis allein organisatorisch weiter und legte eine vollständige Teilnehmer- und Themenliste an. In Wien war Fürth zwischen seiner Promotion und 1938 als Rechtsanwalt tätig. Über seine Schwägerschaft mit Gottfried Haberler, dessen Frau Friederike Kann eine Schwester von Fürths Frau Emma Paula Kaan war, blieb das Netzwerk auch privat eng gewoben. Nach dem Anschluss flohen Fürth und seine Mutter Ernestine 1938 in die USA. Auf Vermittlung von Morgenstern und Haberler verbrachte er 1938/39 ein Jahr als Special Student in Harvard und übernahm anschliessend von 1939 bis 1943 eine Professur für Volkswirtschaft an der Lincoln University in Pennsylvania. 1943 trat Fürth in den Stab des Board of Governors des Federal Reserve System in Washington ein, wo er bis 1966 blieb. Er leitete nacheinander die Sektion Osteuropa und Naher Osten (1948–1952), die Sektion Westeuropa und Commonwealth (1952–1956) und die Sektion Internationale Finanzoperationen (1956–1957), wurde 1957 Associate Adviser und amtierte von 1961 bis 1964 als Adviser und Associate Economist des Federal Open Market Committee. 1949 war er Consultant der Weltbank, 1960 Visiting Professor für Internationale Finanzen an der International University of Luxembourg. Parallel hielt er von 1945 bis 1950 Vorlesungen an der Catholic University und von 1950 bis 1966 als Adjunct Professor an der American University. Nach der formellen Pensionierung blieb er bis 1968 im Forschungsstab des National Bureau of Economic Research und bis 1974 Faculty Associate in Residence am Foreign Service Institute. Sein Werk besteht aus zahlreichen Aufsätzen zur internationalen Geldpolitik, zur europäischen Währungsintegration und zur Theorie der Notenbankpolitik, daneben aus ausführlichen Korrespondenzen mit Hayek, Machlup und Haberler, in denen er die Wiener Schule in der Emigration intellektuell wachhielt. Fürth starb am 6. März 1995 in Chevy Chase bei Washington. Sein wissenschaftlicher Nachlass ging an die Hoover Institution.
Metadaten
12. Oktober 1899
in Wien
6. März 1995
4. Generation
Lebensstationen

Stationen

  1. ⁦1918–1923⁩
    ⁦1918–1923⁩
    Studium der Rechts- und Sozialwissenschaften, Universität Wien

    Rechts- und Sozialwissenschaftsstudium an der Universität Wien. Kennenlernen Hayeks im ersten Semester 1918; gemeinsame Gründung der „Vereinigung Demokratischer Studenten" als liberale Gegen-Korporation.

  2. 1921
    1921
    Promotion zum Dr. iur., Universität Wien

    Promotion zum Doktor der Rechte im selben Jahrgang wie Friedrich August von Hayek.

  3. ⁦1921–1938⁩
    ⁦1921–1938⁩
    Mitgründer und Organisator des Geistkreises

    Gemeinsam mit Hayek Mitgründer des Wiener Geistkreises (Herbst 1921). Nach Hayeks Übersiedlung nach London 1931 alleiniger Hauptorganisator der monatlichen Treffen bis zum Anschluss 1938.

  4. ⁦1923–1938⁩
    ⁦1923–1938⁩
    Rechtsanwalt in Wien

    Anwaltliche Praxis in Wien bis zum Anschluss; parallel Teilnehmer am Mises-Privatseminar und Spiritus rector des Geistkreises.

  5. 1938
    1938
    Emigration in die USA

    Flucht 1938 nach dem Anschluss gemeinsam mit der Mutter Ernestine; Visa-Vermittlung durch Morgenstern und Haberler.

  6. ⁦1938–1939⁩
    ⁦1938–1939⁩
    Special Student, Harvard University

    Postgraduales Jahr in Harvard zur Umorientierung von der österreichischen Jurisprudenz zur US-amerikanischen Volkswirtschaftslehre.

  7. ⁦1939–1943⁩
    ⁦1939–1943⁩
    Professor of Economics, Lincoln University

    Erste Lehrstelle in den USA an der historisch schwarzen Lincoln University in Pennsylvania, vermittelt durch Morgenstern und Haberler.

  8. ⁦1943–1966⁩
    ⁦1943–1966⁩
    Economist und Adviser, Federal Reserve Board

    Über zwei Jahrzehnte im Stab des Board of Governors des Federal Reserve System. Leitete nacheinander die Sektionen Osteuropa/Naher Osten, Westeuropa/Commonwealth und Internationale Finanzoperationen; ab 1957 Associate Adviser, 1961 bis 1964 Adviser des Federal Open Market Committee; 1964 bis 1966 Consultant.

  9. ⁦1945–1950⁩
    ⁦1945–1950⁩
    Lecturer in Economics, Catholic University of America

    Parallel zur Federal-Reserve-Tätigkeit Lehrauftrag an der Catholic University.

  10. 1949
    1949
    Consultant, International Bank for Reconstruction and Development

    Beratungsmandat für die junge Weltbank zu internationalen Wiederaufbau-Finanzierungsfragen.

  11. ⁦1950–1966⁩
    ⁦1950–1966⁩
    Adjunct Professor of Economics, American University

    Sechzehn Jahre Adjunct Professor an der American University in Washington, parallel zur Notenbanktätigkeit.

  12. 1960
    1960
    Visiting Professor, International University of Luxembourg

    Gastprofessur für Internationale Finanzen.

  13. ⁦1967–1968⁩
    ⁦1967–1968⁩
    Research Staff, National Bureau of Economic Research

    Forschungsmitarbeiter am NBER nach der formellen Pensionierung im Federal Reserve Board.

  14. ⁦1967–1974⁩
    ⁦1967–1974⁩
    Faculty Associate in Residence, Foreign Service Institute

    Dauer-Lehrauftrag am Foreign Service Institute des US-Außenministeriums; Schulung künftiger US-Diplomaten in internationaler Wirtschaft.

  15. 1995
    1995
    Tod in Chevy Chase

    Gestorben am 6. März 1995 in Chevy Chase, Maryland, im Alter von 95 Jahren.

Beziehungen

Beeinflussungen

Beeinflusst von · 2
  1. ⁦1920–1921⁩
    ⁦1920–1921⁩

    Fürth und Hayek waren Teilnehmer von Spanns Wiener Kreis, wurden 1921 wegen anhaltender Kritik an Spanns metaphysischer Ökonomik ausgeschlossen; der Ausschluss war Anlass für die Gründung des Geistkreises noch am selben Abend.

  2. ⁦1922–1934⁩
    ⁦1922–1934⁩

    Teilnahme am Mises-Privatseminar (1922–1934). Cambridge-/Austriaca-Sekundärliteratur dokumentiert, dass rund die Hälfte der Geistkreis-Mitglieder zugleich im Mises-Seminar verkehrte; Fürth gehörte als enger Hayek-Vertrauter dazu.

Josef Herbert Fürth im Kontext der gesamten Schule: fünf Generationen, ihre Lehrer-Schüler-Linien, Zirkel und Kollegenschaften.

WERKVERZEICHNIS · CHRONOLOGISCH

Die Bücher

1970er
1974
Foreign Dollar Balances and the International Role of the Dollar
OriginalEnglisch
ARTIKEL · 22 VERZEICHNET

Aufsätze, Rezensionen, Vorträge

1930er
1939
[Diskussionsbeitrag] Divergencies in the Development of Recovery in Various Countries
OriginalEnglisch
1940er
1942
Earnings and Employment in the Business Cycle
OriginalEnglisch
1947
[Rezension zu] H. M. H. A. van der Valk: Egalisatiefondsen en Monetaire Politiek in Engeland en Nederland
OriginalEnglisch
1949
Short-Run Escape Clauses of the Havana Charter
OriginalEnglisch
1950er
1951
[Rezension zu] Charles P. Kindleberger: The Dollar Shortage
OriginalEnglisch
Equilibrium and Disequilibrium in the German Economy
OriginalEnglisch
Full Employment and Monetary Stability—The Third Round
OriginalEnglisch
1952
[Rezension zu] Economic Survey of Europe in 1950. Economic Survey of Europe in 1951
OriginalEnglisch
[Rezension] Albert Hunold (Hg.): Vollbeschäftigung, Inflation und Planwirtschaft
OriginalEnglisch
[Rezension] Graf: Der Aussenhandel zwischen marktwirtschaftlich organisierten und zentralgeleiteten Volkswirtschaften
OriginalEnglisch
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Chicago
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