FOLIO I · DENKER · GEN. 04 · N° 050

Helene Lieser

Werke
3
Artikel
2
Generation
4.
Porträt von Helene LieserPorträt von Helene Lieser: Gustav Klimt, Bildnis Fräulein Lieser, 1917 (zugeschrieben) (1917)
FOL. 04 · N° 050 · Helene Lieser
BIOGRAPHIE

Leben und Werk

Helene Lieser war die Tochter des wohlhabenden Textilfabrikanten Justus Lieser (1864–1927), der sich 1905 von ihrer Mutter »Lilly« Henriette Amalie Lieser, geborene Landau (1875–1943), eine bekannte Kunstmäzenin, scheiden ließ. 1916 bis 1919 studierte sie fünf Semester Philosophie an der Universität Wien, besuchte aber auch rechtswissenschaftliche Lehrveranstaltungen, und seit 1919 studierte sie Staatswissenschaften an der Universität Wien, wo sie am 26. Juni 1920 aufgrund der von Othmar Spann (1878–1950) und Ludwig von Mises (1881–1973) betreuten Arbeit »Die währungspolitische Literatur der österreichischen Bankozettelperiode«, die erste staatswissenschaftliche Dissertation einer Frau in Österreich, als erste Frau in Österreich zum Dr. rer. pol. promoviert wurde. Helene Lieser besuchte das sogenannte Privatseminar von Ludwig von Mises, war ständiges Mitglied der »Nationalökonomischen Gesellschaft« (bis zu ihrem Ausschluss 1938) und arbeitete nach ihrem Studium beim »Verband österreichischer Banken und Bankiers« in Wien. In das Wiener Kunstumfeld der Familie führt zugleich die wohl bekannteste, weil umstrittene Spur in Helene Liesers Leben: Gustav Klimt malte im Frühjahr 1917, in seinem letzten Schaffensjahr, ein Großporträt einer jungen Frau aus der Familie Lieser, das als „Bildnis Fräulein Lieser“ in die Klimt-Literatur einging. Wer von den Lieser-Töchtern Klimt tatsächlich neunmal in seinem Atelier saß, ist bis heute nicht abschließend geklärt: Das Auktionshaus im Kinsky benannte 2024 Helene Lieser, der Klimt-Forscher Tobias G. Natter widerspricht und sieht in der Dargestellten ihre Cousine Margarethe Constance Lieser. Klimt starb im Februar 1918, das Bild blieb unsigniert und unvollendet, war 1925 in der Wiener Neuen Galerie zu sehen und galt danach acht Jahrzehnte als verschollen. Im April 2024 tauchte es in einer österreichischen Privatsammlung wieder auf und wurde für 30 Millionen Euro versteigert; der Verkauf platzte ein Jahr später wegen anhaltender Provenienz- und Identifikationsfragen, der Verbleib des Werks ist derzeit unklar. Helene Lieser musste 1938 wegen ihrer jüdischen Herkunft (sie war allerdings schon 1921 aus der Israelitischen Kultusgemeinde ausgetreten) aus Österreich flüchten, ging im Juli 1938 eine Ehe (vermutlich eine Scheinehe) mit Karl Berger (München 1901 – ?) ein und wurde dadurch jugoslawische Staatsbürgerin. Enge Familienangehörige, darunter ihre Mutter, wurden von Nationalsozialisten ermordet und ihr inländisches Vermögen geraubt. Helene Lieser flüchtete zunächst nach Genf, wo sie bis zu dessen Weggang 1940 mit Ludwig von Mises zusammenarbeitete. Hier engagierte sie sich auch für von Nationalsozialisten Verfolgte und arbeitete im Umfeld der Spionagegruppe »Rote Kapelle« für den sowjetischen und später für den britischen Geheimdienst. Helene Berger-Lieser, seit 1947 Kuratoriumsmitglied des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Wien, ging 1948 nach Paris, wo sie Mitarbeiterin von Sir George Donald Alastair MacDougall (1912–2004), dem Direktor des Wirtschaftssekretariats der »Organisation for Economic Cooperation and Development« (OEEC; Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit) wurde. Seit 1949 arbeitete sie als Generalsekretärin bei der offiziell 1950 gegründeten, von der »United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization« (UNESCO) initiierten »International Economic Association / Association Internationale des Sciences Économiques« in Paris; sie organisierte zahlreiche Kongresse und vertrat die Organisation auf internationalen Kongressen. Helene Berger-Lieser, die 1962 in Pension ging, erlag kurz darauf in Wien einem Krebsleiden.
Metadaten
16. Dezember 1898
in Wien
20. Juli 1962
4. Generation
Lebensstationen

Stationen

  1. 1898
    1898
    Geburt

    Geboren am 16. Dezember 1898 in Wien als Tochter des Textilfabrikanten Justus Lieser und der Kunstmäzenin Henriette Amalie („Lilly“) Lieser, geborene Landau.[1]

  2. ⁦1916–1919⁩
    ⁦1916–1919⁩
    Studium der Philosophie und Rechtswissenschaft

    Von 1916 bis 1919 fünf Semester Philosophie an der Universität Wien, daneben Besuch rechtswissenschaftlicher Lehrveranstaltungen.

  3. ⁦1919–1920⁩
    ⁦1919–1920⁩
    Studium der Staatswissenschaften

    Ab 1919 Studium der Staatswissenschaften an der Universität Wien.

  4. 1920
    1920
    Promotion zum Dr. rer. pol. (erste Frau in Österreich)

    Am 26. Juni 1920 als erste Frau in Österreich mit der staatswissenschaftlichen Dissertation „Die währungspolitische Literatur der österreichischen Bankozettelperiode“ zum Dr. rer. pol. promoviert; betreut von Othmar Spann und Ludwig von Mises.[2]

  5. 1920
    1920
    Privatseminar Mises und Nationalökonomische Gesellschaft— ungefähr

    Teilnehmerin am Privatseminar Ludwig von Mises und ständiges Mitglied der Nationalökonomischen Gesellschaft (bis zum Ausschluss 1938).[2]

  6. 1920
    1920
    Verband österreichischer Banken und Bankiers— ungefähr

    Nach dem Studium Tätigkeit beim Verband österreichischer Banken und Bankiers in Wien.[1]

  7. 1938
    1938
    Ehe mit Karl Berger

    Im Juli 1938 Eheschließung (vermutlich Scheinehe) mit Karl Berger; dadurch Erwerb der jugoslawischen Staatsbürgerschaft.

  8. 1938
    1938
    Flucht nach Genf

    1938 wegen ihrer jüdischen Herkunft Flucht aus Österreich, zunächst nach Genf, wo sie bis zu dessen Weggang 1940 mit Ludwig von Mises zusammenarbeitete.[2]

  9. 1940
    1940
    Widerstand und Geheimdienstarbeit— inferiert

    Engagement für von Nationalsozialisten Verfolgte; Tätigkeit im Umfeld der Spionagegruppe „Rote Kapelle“ für den sowjetischen, später für den britischen Geheimdienst.

  10. 1947
    1947
    Kuratoriumsmitglied des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung

    Seit 1947 Mitglied des Kuratoriums des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Wien.

  11. 1948
    1948
    Übersiedlung nach Paris (OEEC)

    1948 nach Paris, wo sie Mitarbeiterin von Sir Donald MacDougall, dem Direktor des Wirtschaftssekretariats der OEEC, wurde.

  12. ⁦1949–1962⁩
    ⁦1949–1962⁩
    Generalsekretärin der International Economic Association

    Ab 1949 Generalsekretärin der von der UNESCO initiierten, 1950 offiziell gegründeten International Economic Association in Paris; organisierte zahlreiche Kongresse und vertrat die Organisation international.

  13. 1962
    1962
    Tod

    Trat 1962 in Pension und erlag kurz darauf in Wien einem Krebsleiden.[1]

Beziehungen

Beeinflussungen

Beeinflusst von · 3
  1. ⁦1920–1920⁩
    ⁦1920–1920⁩

    Privatseminar-Teilnehmerin und Mitglied des engeren Mises-Kreises in Wien.[2]

  2. —
    —
    Othmar Spann⁦(1878–1950)⁩ · Universalismus

    Wurde am 26. Juni 1920 mit der von Othmar Spann und Ludwig von Mises betreuten Dissertation „Die währungspolitische Literatur der österreichischen Bankozettelperiode“ als erste Frau Österreichs zum Dr. rer. pol. promoviert.[2]

  3. —
    —
    Eugenie Schwarzwald⁦(1872–1940)⁩ · Wiener Reformpädagogik

    Schülerin der Schwarzwaldschule (Lyzeum Eugenie Schwarzwalds), die für ihre fortschrittliche Mädchenbildung berühmt war.[1]

Beeinflusste · 1
  1. ⁦1961–1961⁩
    ⁦1961–1961⁩
    François Perroux⁦(1903–1987)⁩ · Französische Wirtschaftswissenschaft

    Übersetzte 1961 ein Werk François Perroux' aus dem Französischen ins Deutsche.[2]

Privatseminar, Kollegen, Mont Pèlerin · 2
  1. ⁦1920–1938⁩
    ⁦1920–1938⁩

    Teilnehmerin am Privatseminar von Ludwig von Mises in Wien; ständiges Mitglied der Nationalökonomischen Gesellschaft bis zum Ausschluss 1938.[1]

  2. 1948
    1948
    Donald MacDougall⁦(1912–2004)⁩ · Britische Wirtschaftswissenschaft

    Ab 1948 in Paris Mitarbeiterin von Sir Donald MacDougall, Direktor des Wirtschaftssekretariats der OEEC.[2]

Helene Lieser im Kontext der gesamten Schule: fünf Generationen, ihre Lehrer-Schüler-Linien, Zirkel und Kollegenschaften.

QUELLEN ZU STATIONEN UND BEZIEHUNGEN16 Belege · 1 Quelle
Topographie

Wirkungsorte

WERKVERZEICHNIS · CHRONOLOGISCH

Die Bücher

1920er
1920
Die währungspolitische Literatur der österreichischen Bancozettelperiode
OriginalDeutsch
1922
Versuche einer neuen Theorie des Geldes
OriginalDeutsch
1960er
1961
Zwang, Tausch, Geschenk. Zur Kritik der Händlergesellschaft
OriginalDeutsch
ARTIKEL · 2 VERZEICHNET

Aufsätze, Rezensionen, Vorträge

1920er
1923
Rezension: Arthur Nussbaum, Das Ausgleichsverfahren des Versailler Vertrages (Tübingen 1923)
OriginalDeutsch
1926
Rezension: Ausgewählte Lesestücke zum Studium der politischen Ökonomie, hrsg. von Karl Diehl und Paul Mombert, Bd. 18/19: Valuta (Karlsruhe 1925)
OriginalDeutsch
APA
Chicago
Deutsche historische Zitierweise